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Die Menschheit, wie sie ist, hat den Gedanken der Mensch­heit aus sich Hinausgetrieben. Das ist das furchtbare. Und wo die Menschheit ihren eigenen Bankerott aus Leibes­kräften betreibt, hat man da noch ein Becht, gar von einem Volke Gottes zu reden?

Wir reden dennoch von ihm. Ja, wir sagen: Das Volk Gottes ist die Bettung der Menschheit. Die einzige Bettung. Trotz aller Greuel und Unmenschlichkeilen, die dieser Krieg wieder entfesselt, steht doch unsre Ueberzeugung fest: Ts gibt ein Volk Gottes. Mag es schwer sein, es aufzufinden, ja, für unser zeitliches Buge ganz unmöglich. Das Volk Gottes ist da, wo Gott ist. Gott ist aber nicht da, wo die größten Banonen und die stärksten Bataillone sind, sondern da, wo der stärkste Glaube ist. Da wird der endliche Lieg hinfallen. Darum gewinnt die frage gerade jetzt chre er­schütternde Bedeutung: Wo seid ihr klugen Jungfrauen? Diese frage ist viel wichtiger als die: Wie ernähren wir unser Volk durch die Briegszeit hindurch? Wo sind die, die den frieden mit Gott über alles lieben und suchen? die die Uebertretung seiner Gebote über alles fürchten? die bereit sind, lieber alle irdischen Nachteile über sich er­gehen zu lassen, selbst die schwersten Niederlagen und den Untergang des eigenen Volkes, als daß sie ihrem Gott untreu werden?

Wir wissen es nicht. Bber sie sind da. Sie sind nicht bloß auf unserer Seite, sondern wir vertrauen darauf, daß sie auch drüben bei unsern Gegnern zu finden sind. Sie sind die wahrhaft Blügen, auf denen die Hoffnung der Menschheit ruht. Bngesichts dieses Glaubens brauchen wir die Hoffnung nicht aufzugeben, daß, wenn auch vielleicht erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten, sich doch noch einmal ein Band der Einheit um diese Trdenmenschheit schlingen werde. Weil es noch ein Volk Gottes gibt, des­halb sind wir getrost in Hoffnung. Und auch diese Hoffnung geben wir nicht auf: Ts ist noch eine Buhe vorhanden dem Volke Gottes, eine schöne, klare, erquickende Buhe, heil und friede allen, die ihre Herzen aus sie richten, ihre Seele im Hinblick auf sie unter aller Unruhe und Sorge dieses Lebens stille werden lassen!

,,Und was die innere Stimme spricht,

Das täuscht die hoffende Seele nicht." K. G.

21 us den Heldpostbriesen unserer Heimgegangenen.

In diesem Jahre trauert am Totensonntage das ganze deutsche Volk, es geht ein einziges Wehklagen von der Insel Bügen bis zum Bodensee, von der Weichsel bis zu den Vogesen. Die Blüte des Landes ist auf den Schlachtfeldern im Westen und im Osten dahingesunken, die Edelsten, die Büstigsten sind für uns gefallen. Jünglinge, die im Eltern- hause mit aller Sorgfalt erzogen worden sind, feinsinnige Männer, Männer von hoher Intelligenz kehren nicht mehr zurück in die Heimat. Bekümmert fragen wir uns: wer wird sie ersetzen, wenn der Brieg durch Gottes Gnade ein Ende erreicht hat? Wird nicht Deutschland geistig verarmen, da viele, die ihm in der Zukunft führer sein sollten, nun nicht mehr wirken können? viel tiefer greift in diesem gro­ßen Sterbejahre der Brieg in die deutschen familien ein als der Brieg, den unser Volk vor 44 Jahren führen mußte. Damals hat die Stadt Gießen fünf ihrer Söhne hergeben müssen, jetzt sind es gewiß schon hundert, die aus unserer Stadt für das Vaterland in den Tod gegangen sind.

Blutige Saat wird jetzt auf den Schlachtfeldern gesäet, aber es steht uns fest, daß sich an uns in dieser Zeit das Gotteswort erfüllt: Die mit Tränen säen, werden mit Freu- den ernten. Wir haben die feste Zuversicht, daß unsere Helden nicht umsonst gestorben sind. Sie haben mit ihrem Blute das Vaterland verteidigt und uns Freiheit und Sicherheit er­kämpft. Bber sie haben noch mehr getan. Sie haben unser Volk, das in äußerlichem Tun, in Unglauben, in Selbst-, Welt- und Geldvergötterung, in Eitelkeit, Vergnügungssucht und Bildungsheuchelei unterzugehen drohte, aufgerufen, daß es wieder im rechten Lebensernste seine Tage verbringen und seine Blicke auf das eine richten soll, das not tut.

In diesen Briegsmonaten schreitet Gott der Herr wieder durch die Beihen unserer Volksgenossen, besonders derer, die da draußen im Felde stehen, und offenbart sein Wesen. Davon geben auch die nachfolgenden Mitteilungen aus Feldpost­briefen Heimgegangener tröstende und stärkende Bunde. Es handelt sich um Mitteilungen zweier Bämpfer, die der Lukas- gemeinde angehört haben und in unserer Stadt von vielen ge­schätzt und geliebt waren.

Bm 31. Oktober wurde unweit Lille der Leutnant der Beseroe im 136. Infanterie-Begiment, Lehramtsassessor vr. Julius Boßler, schwer verwundet, am 3. November ist er in einem Feldlazarett zu Werwick in Flandern sanft entschlafen. Bm 27. September schrieb er an den Schreiber dieser Zeilen eine Feldpostkarte, in der es heißt: ,,Bls alter Nachbar möchte ich Ihnen mitteilen, daß ich durch Gottes Gnade noch am Leben bin und vorgestern das Eiserne Breuz erhalten habe. Zurzeit bin ich leicht verwundet, gehe aber heute wie­der in Front. Gott helfe weiter! Meine. Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Dies in Gedanken an meinen Hochzeits­tag vor einem Jahre."

Diese kurze Mitteilung wirft ein Licht auf das Seelen­leben des geistig hochbegabten und fein empfindenden Man­nes. Daß der Brieg, unter dessen Wirkungen wir jetzt stehen, kommen werde, hatte er als Historiker, der die Geschichte der Völker an sich vorüberfluten sah, längst vorausgesehen. Bber der Brieg mit seiner Wildheit und seinen unvermeidlichen Schrecknissen war ihm seiner ganzen Natur nach zuwider. Seine Interessen lagen hauptsächlich auf wissenschaftlichem Gebiete, hier hatte er sich seit langer Zeit seine Ziele gesteckt, die er in der Zukunft zu erreichen hoffte. Unverhofft traf ihn wie so viele andere der Befehl, in die Beihen des Heeres einzutreten. Schon am ersten Mobilmachungstage, aus jun­gem Eheglücke heraus mußte er abreisen, um nach Straßburg zu seinem Begimente zu gelangen. Sonntag, den 2. Bugust, war er vormittags mit seiner Gattin noch in der Birche, die Nachmittagsstunden flogen unter den notwendigen Besorg­nissen dahin, abends kam die Trennungsstunde, am nächsten Morgen um 7 Uhr war er in Straßburg, um 9 Uhr war er eingekleidet und bezog sofort eine Brückenwache. von da an floß sein Leben unter unaufhörlichen Gefechten und großen Bnstrengungen dahin. Während wir in Hessen am Briegs- bettage in den Gotteshäusern weilten, kämpfte er tapfer in der Schlacht bei Mühlhausen mit, und er, dem seiner ganzen Brt nach der Brieg ein Greuel war, tat unerschrocken und von dem stärksten Pflichtgefühle beseelt, seine Schuldigkeit, so daß ihm schon im zweiten Briegrmonate das Eiserne Breuz verliehen wurde. Wohlbehalten ging er aus allen Gefechten hervor, bis ihn, als er im Bampfe mit Engländern stand, an dem genannten Tage zwei Gewehrkugeln trafen, die so schwere Verletzungen herbeiführten, daß trotz einer sofort er­folgten Operation der Tod nach drei Tagen eintrat. Die