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Selber aner.
Das Wort sie sollen lassen stan
Und kein Dank dazu haben.
Dr. Kappesser.
Lin pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
Waffelbäcker in weißer Kleidung priesen hinter den Ladentischen ihre Ware an. Ich kaufte einige Waffeln, ließ sie mit Zucker bestreuen und bot Lina davon an. Sie griff lachend zu, und so schoben wir uns essend weiter durch die vielen Leute. Längere Zeit blieben wir vor dem großen Karussell stehen, sahen die Kinder auf den Holzpferden und in den kleinen Schiffen an uns oorübergleiten und hörten so lange der großen Drehorgel zu, bis der Kopf anfing, uns zu schmerzen. Lina wurde von Kaspar Heinz aufgefordert, mit ihm eine Karusselifahrt zu machen, aber sie wollte nicht; sie sagte, das sei nur für Kinder.
Mehrere Stunden lang zogen wir durch die Zeltreihen des berühmten Jahrmarktes, standen vor den Glas- und Porzellanläden, sahen, wie auf der glitschigen Ware, die die Zuckerbäcker feilboten, Hunderte von Wespen saßen, beobachteten, wie Mütter ihre Not hatten, ihre kleinen Kinder von den Duden der Spielwarenhändler wegzubringen. Eine ganze weile hörten wir dem „wahren Jakob" zu, der Wollwaren ausbot, indem er einen Witz auf den anderen folgen ließ und sein Publikum gar nicht höflich behandelte. Die hunsrücker Burschen, die im herbste zum Militär einrücken sollten, und bei ihm ihren Bedarf an Unterkleidung kauften, redete er ohne weiteres mit du an. Schließlich wurden die Witze des Jakob so derb, daß Lina sagte: „Jetzt iit? es genug, wir wollen weiter gehen".
Endlich saßen wir in einem Tanzzelte und sahen dem munteren Treiben zu. Ehe wir es uns versahen, waren wir selbst daran beteiligt. Bekannte aus der Stadt kamen hinzu, schließlich waren wir ein großer Kreis von Menschen, die nach wochenlanger, anstrengender Arbeit sich einem harmlosen Vergnügen Hingaben. Daß ich oft mit Lina tanzte, brauche ich kaum zu sagen. Aber als junger Mann, der wußte,'was sich gehört, vernachlässigte ich auch die Ehefrauen Heinz und Machmer nicht.
Längst war die Nacht schon eingebrochen, und die Leute, die aus den benachbarten Dörfern zum Markt gekommen waren, hatten sich verzogen. Aber nun kamen die Stadtbewohner in Scharen, und die Bankreihen reichten nicht aus, um alle Gäste zu fassen. Der wein, der in Kreuznach und Umgebung in riesiger Menge erzeugt wird, machte die Leute gesprächig und vergnügt, doch kam nicht die geringste Störung vor. Bei aller Ungebundenheit des Verkehrs, wie sie dem Pfälzer zu eigen ist, gab es doch keinen Streit, und kein unangenehmer Geselle verdarb den anderen ihre Freude.
Stunde um Stunde rann uns dahin. Der wein und die allgemeine Lustigkeit wirkten auch auf Kaspar Heinz. Er redete in einem fort von Bismarck, dessen 70. Geburtstag die Kreuznacher einige Monate vorher durch einen großen Fackelzug gefeiert hatten, er nannte den Ueichskanzler seinen besten Freund und ließ ihn einmal um das anderemal hochleben. Dann sang er mit wenig wohlklingender Stimme und in grundfalschen Tönen das Lied: „Unser Kaiser liebt die Blumen; denn er hat ein zart Gemüt". Seine Frau zupfte ihn am Arm und sagte: „Kaspar, hör' doch auf, alle Leute gucken nach dir." Aber Kaspar sang unverdrossen weiter. Dann rühmte er die Vorzüge seiner Vaterstadt. „Kreuznach ist
schöner als Paris. Lauter gemütliche Leute sind hier, kein Mameluck und kein falscher Judas wohnt unter uns." Als er aber die Frau eines Fabrikanten, die manchmal in seinem Laden etwas kaufte, zum Tanze auffordern wollte, sagte seine Frau: „Jetzt ist es Zeit, daß wir heimgehen."
Ich war auch der Ansicht, daß wir den Heimweg antreten sollten, und Philipp Machmer, der am nächsten Tage wieder um 6 Uhr an seiner Arbeit sein sollte, hatte schon wiederholt gegähnt. Aber so leicht war es nicht, den Kaspar Heinz los- zukriegen. Tr faselte von Bismarck, er meinte, jetzt fange es erst an, gemütlich zu werden, schließlich hatten wir ihn doch draußen vor dem Zelte.
Der Vollmond leuchtete auf die Zeltgassen, die immer noch von einem dichten Menschengewühl erfüllt waren; eine frische, Kühle Luft war an die Stelle der Hitze und des Staubes des Nachmittags getreten. Ich ging mit Lina voraus, dann kam Frau Heinz, die ihren Mann untergefaßt hatte, den Beschluß machte das Ehepaar Machmer.
Lina war heiter und froh; sie erzählte mir, wie das in ihrer Kindheit ihre größte Freude gewesen sei, wenn sie mit ihren Eltern und Geschwistern zum Kreuznacher Markte hatte gehen dürfen. Auch ich erzählte aus meiner Kindheit, wie mein seliger Vater mich mit nach Kirchheimbolanden genommen hatte und wie ich noch früher bei Herrn Mahler im herbste beim Traubenlesen geholfen hatte. Immer lebhafter wurde unser Gespräch, wir sahen uns nicht um, und als wir an den Platz gekommen waren, wo am Tage der viehmarkt gehalten worden war, gewahrten wir, daß die übrige Gesellschaft uns nicht gefolgt war.
„wo find die denn hingekommen?" fragte das Mädchen ängstlich.
„Der Kaspar Heinz wird nicht mitgegangen sein," erwiderte ich, „wir wollen zurückgehen, vielleicht hören wir ihn irgendwo singen."
wir gingen bis zu dem Tanzzelte, in dem wir geweilt hatten, aber nirgendswo war eine Spur von den beiden Ehepaaren zu entdecken.
„Ls bleibt uns nichts übrig, als allein nach Hause zu gehen," sagte ich zu dem Mädchen.
Sie erwiderte kein Wort, aber sie ging doch mit mir.
von dem südlichen Teile der pfingstwiese führte ein Steg, der von einem unternehmenden Zimmermeister nur für die Markttage hergerichtet war und der den umständlichen weg über die Eisenbahnbrllcke ersparte, über die Nahe. Ein Junge erhob von uns 6 Pfennige Brückengeld, dann schritten wir über die schwankenden Breiter, indem wir uns an dem schwachen Geländer festhielten. Der Lärm des Jahrmarktes klang, wenn auch jetzt in der Nacht etwas gedämpft, hinter uns her, leise rauschte der Fluß, und seine Wellen blinkten im Scheine des Vollmondes. Mir war es feierlich zu Mute, als ich so hinter dem Mädchen her schritt, nebeneinander konnten wir nicht gehen, da der Steg zu schmal war. während noch die Bretter von unseren Tritten widerhallten, sagte ich mir: Jetzt ist der rechte Augenblick gekommen, und als wir wieder festen Grund unter den Füßen hatten, sagte ich der Lina, daß ich sie von Herzen gern habe, und ob sie gewillt sei, für das ganze Leben mit mir zusammenzuhalten.
Statt aller Antwort reichte sie mir die Hand, und ein Kuß besiegelte unsern Bund.
Ls war eine wunderbare Sommernacht. Der Mond leuchtete so hell, daß wir die Pappeln des Darmstädter Hofes aufragen sahen. So großes Gewühl auf dem Jahrmärkte auch geherrscht hatte, die Straßen, durch die wir schritten, waren menschenleer. Die Mühle, die am Ende der Mllhlengasse, zu-


