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men. Der Krieg hat unserem Volke die stauptstücke der christlichen Lehre wieder beigebracht. Gott hat uns seine Rechte, wie der psalmist sagt, gelehrt, darum wollen wir auch in dieser schweren, tränenreichen Zeit still sprechen: Gelobet seiest du, Herr! kj.B.
Gietzen in den ersten ttriegsnionaten des Jahres 1870.
Zu unserem in der vorigen Nummer unseres Gemeindeblattes unter der obigen Ueberschrift veröffentlichten RrtiKel sendet uns Herr Heinrich Hochstätter sen. folgende aus eigenen Erlebnissen herstammenden, interessanten Ergänzungen:
Rls die Kriegserklärung Frankreichs erfolgt war, war sich jedermann der Schwere der nun kommenden Ereignisse bewußt, aber nirgends zeigte sich IRutlosigkeit, sondern vielmehr große Gpferfreudigkeit und selbst Heldenmut oder stille und ruhige Ergebung.
lvir jüngeren Leute, die nicht mit ins Feld mußten, leisteten alsbald einer Rufforderung Folge zur Bildung eines Sani- tätskorps zum Transport oder zur Pflege von verwundeten. Der Dienst dieser Mannschaft erstreckte sich auf Darreichung von Erfrischungen bei durchkommenden Transporten, Verbringung Schwerverwundeter in die hiesigen Lazarette oder Beihilfe beim Rnlegen frischer verbände. Der lvartesaal
2. Klasse war als verbandraum eingerichtet, und es waren wie auch jetzt viele hiesige Damen aus allen Ständen auf der Verbandstation oder in den Lazaretten als Pflegerinnen tätig.
Der erste Transport französischer Kriegsgefangener aus der Schlacht bei Weißenburg kam am 6. Rugust hier durch, darunter auch Zuaven und Turkos. Drei Tage später, an einem Sonntage, passierten Gefangene von lvörth die Station, darunter waren auch verwundete. Einige davon mußten in die Klinik geschafft werden. Ein französischer Hauptmann*), der bald darauf starb, wurde an einem Sonntag nachmittag mit allen militärischen Ehren und unter großer Teilnahme der Bevölkerung hier beerdigt.
Die Meldung von dem siegreichen Rusgang der Zchlacht von Ledan und der Gefangennahme Napoleons wurde am
3. Leptember morgens früh bekannt gegeben.
Die Ueberraschung war anfänglich so groß, daß viele an der lvahrheit dieser Nachricht zweifelten, aber allmählich begann sich eine Begeisterung zu entwickeln, die ganz unbeschreiblich war. Die ganze Ztadt legte reichen Flaggenschmuck an, sämtliche Glocken läuteten und verkündeten den Sieg. Es war ein Leben und Treiben auf den Ztraßen und ein Menschengewühl, wie es niemand zuvor hier gesehen hatte. Kinder und Erwachsene zogen in Scharen unter Rbsingen der Macht am Rhein durch die Ztadt und Leute, die sich vielleicht zuvor kaum gekannt, umarmten und küßten sich. Des Rbends war eine großartige Illumination. Zwei Tage später (am 5. September) kam Napoleon als Kriegsgefangener auf dem Wege nach Wilhelmshöhe hier durch. Der Bahnsteig war durch Militär abgesperrt, allein als Zanitätsmann hatte ich ungehinderten Zutritt und konnte daher alle Vorgänge in nächster Nähe beobachten. So lange der Kaiser im Fürstenzimmer den Tee einnahm, unterhielt ich mich mit einem seiner Kammerdiener, der mir sehr viel Interessanter zu erzählen wußte. Rls die Volksmenge beim Wiedereinsteigen des Kaisers „Deutschland, Deutschland über alles" anstimmte, geriet der Etappenkommissar Major von Randow so in Rufregung, daß er zu Verhaftungen schreiten wollte, weil er Befehl hatte, jede Demonstration gegen Napoleon sofort zu unterdrücken.
*) Anmerkung der Xed.: Wohl der von uns erwähnte Xapitän BruguereUes.
Bald darauf trafen etwa 30 Kriegsgefangene französische Offiziere hier ein, denen Gießen als Rufenthaltsort angewiesen war. Diese konnten sich Wohnungen mieten und in Zivilkleidern ausgehen, dursten aber die Ztadt nicht verlassen und mußten sich jeden Mittag zum Rppell einfinden. Sie mußten unsere Gffiziere beim Begegnen mit Hutabnehmen grüßen.
Nach der Uebergabe von Metz, als die deutschen Festungen und größere Garnisonen die Masse von Gefangenen nicht mehr aufnehmen Konnten, Kamen noch etwa 100 Gffiziere und 4000 französische Gefangene hierher. Für die Rufnahme der gefangenen Soldaten, eine bunt durcheinander gewürfelte Schar aus allen Truppenteilen der französischen Rrmee, waren große hölzerne Baracken errichtet, davon standen zwei auf dem oberen Brand, die den ganzen Platz einnahmen, eine dritte in der offenen Reitbahn und die vierte im Hof der Zeughauskaserne. Jede Baracke faßte 1000 Mann, nur eine verhältnismäßig sehr schwache Bewachung aus dem Ersatzbataillon stand als Wache zur Verfügung, so daß immerhin eine Meuterei zu befürchten war, jedoch haben sich die Gefangenen, abgesehen von der französischen Lebhaftigkeit, ziemlich ruhig verhalten.
Rus Rücksichten auf den Gesundheitszustand der Gefangenen wurde jeden Morgen ein Teil, mit Karren und Rrbeitsgerät versehen, auf den Exerzierplatz und an die Schießstände geführt, dort wurden sie mit Erdarbeiten beschäftigt. Die Zurückbleibenden mußten die Reinigungsarbeiten in den Baracken besorgen oder wurden mit Kartoffelschälen usw. beschäftigt. Ebenso war es Privatleuten gestattet, gegen ein geringes Entgelt, zu bestimmten Verrichtungen oder landwirtschaftlichen Rrbeiten Gefangene zu nehmen, und er war ein höchst interessantes Bild, auf den Kartoffeläckern Franzosen in bunten Röcken neben unseren Landarbeitern und Bauersmädchen arbeiten zu sehen.
Die gefangenen Offiziere, die Mittel besaßen, um sich Wohnungen zu mieten, waren in Bezug auf Lage, Schönheit und Bequemlichkeit durchaus nicht anspruchsvoll,' sie nahmen zumeist mit leerstehenden Studentenstuben, selbst in Seiten- gäßchen vorlieb, bezahlten aber gut. Beim dicken Roloff am Lindenplatz, der eine kleine Wirtschaft besaß, tranken sie vor Tisch ihren Rbsinth, sonst und besonders abends waren sie im Tafo Ebel, mehr aber noch im Tafo Leib zu finden. In Zinßers (jetzt Steins) Garten und im „Rappen" hatten einige höhere Gffiziere Wohnung genommen.
Im allgemeinen sind die Leute mit der hiesigen Bevölkerung gut ausgekommen. Da ich vor dem Krieg einige Jahre in Frankreich gewesen war, hatte ich zuweilen Gelegenheit, mit Gffizieren ins Gespräch zu kommen und war dann auch von diesen dazu ausersehen, manche Streitfrage mit ihren Hauswirten zu ebnen oder Mißverständnisse aufzuklären.
Rber auch damals wurden Klagen laut, daß einzelne Damen den Franzosen gegenüber nicht immer ein einwandfreies Benehmen beobachtet hatten und sich ihrer Würde nicht bewußt waren. Es sollen sogar Wünsche geäußert worden sein, französische Gffiziere im Klub einzuführen. Rls dieses vom Vorstand abgeschlagen wurde, waren die Franzosen äußerst aufgebracht und erklärten: „In fünf Jahren kommen wir wieder, dann werden wir unsere Pferde in den Klubsaal stellen." Ruch im „Gießener Rnzeiger" erschien ein „Eingesandt", welches sich gegen das würdelose Benehmen aussprach.
Im allgemeinen war die damalige Bewachung der vielen Gefangenen eine höchst sorglose, und wenn man dagegen die weitgehenden Sicherheitsvorrichtungen betrachtet, die jetzt


