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Nr. 40. (Liehen, 19. Sonntag nach Trinitatis, 18. Oktober 1914. 3. Jahrgang.

ver Krieg als Lehrmeister.

Psalm 119, 12. Gelobet seiest du, Herr! Lehre mich deine Rechte!

Ls gibt in der Welt Lehrmeister unpersönlicher Rrt, die uns die Fundamentalsätze des christlichen Glaubens viel besser bcibringen, als das irgend ein INensch zu tun imstande ist. Es sind das gewaltige Pädagogen, die mit packendem 5ln- schauungsmalcrial arbeiten, um uns die Rechte des Herrn, das heißt, seinen Willen, seine Wege zu lehren. Tin solcher Lehrmeister ist auch der Krieg. Was hat der Krieg, unter dessen Einwirkungen wir jetzt stehen, uns schon so viel heils- erkenntnis beigebrachl! Es ist zunächst eine für unser Glau- bcnslebcn sehr wichtige Wahrheit, die er mit weithin les­barer Schrift in unser inneres Erleben eingeschrieben hat. Das ist die Wahrheit, daß man sich auf irdische Stützen nicht verlassen kann. Sn zwei Monaten ist das Königreich der Belgier zusammengebrochen, und der Thron des verblendeten Fürsten wankt, hinter den Wällen der allniederländischen Festung an der Schelde, als einer festen Burg, gedachten Belgier und Engländer sicher zu sein, nun haben sie erfahren, daß ihre Zuversicht dahingesunken ist. Wie niedrig schätzt man jetzt alle Erdenmacht und allen Erdenbesitz ein, da so viel edles Leben dahinsinkt, da der Schnitter Tod auf den Schlacht­feldern die Menschen dahinmäht, wie der Landmann im fluguft die Wogen des reifen Kornes.

auch von der Macht der Sünde gibt uns der Krieg einen tiefen Eindruck. Sn den letzten Jahrzehnten ging der Zug der Zeit dahin, alles Löse und verderbenbringende auf Srr- tum, falsche Erziehung oder Trübung des geistigen Lebens zurückzuführen, die Sünde hielt man für einen blaffen Legriff, für etwas Unwirkliches. Jetzt sehen wir die Sünde als eine riesengroße Macht vor uns stehen. Unser schlimmster Feind in den letzten 20 Jahren ist der König Eduard gewesen. Uach einem Leben ohne Zucht und Grdnung ging er in seinem HIter daran, Deutschland einzukreiscn. Sein schändlicher plan ist ihm geglückt, die Staatsmänner, die ihn ablösten, sind in seinen Spuren weiter gewandelt, und das englische Volk hat wie sie aus kleinlichem Konkurrenzneide zum Krieg? gen uns getrieben. Welch ein Rbgrund von Verworfenheit tut sich hier vor uns auf! England ist ein Volk mit hoher Kultur, ein uns stammverwandtes Volk, ein Volk, dem die Segnungen der Ueformation so gut zuteil geworden sind wie uns. Stark

entwickelt ist in England der Missionssinn, rege ist die Kirch­lichkeit, nirgendwo ist aber auch die Heuchelei so groß wie bei diesem Volke, das Japaner, Ueger und Snder gegen uns aufheht. Bus Rachsucht und verletzter Eitelkeit hat Frank­reich diesen Krieg unternommen, und Rußland ist das Land, dessen Regierung noch nie verantwortlichkeitsgefühl offen­bart hat. Wer wollte leugnen, daß menschliche Sünde diesen Krieg gegen uns heraufbeschworen hat?

Rber der Krieg, dieser gewaltige Lehrmeister, belehrt uns nicht nur über die beiden dunklen Kapitel: Hinfälligkeit des Erdenlebens und Sünde, er rollt vor uns auch das Licht­bild auf, über dem geschrieben steht: Gottes Gnade und Gottes Treue. Gott hat unser Heer seither von Erfolg zu Er­folg geführt und den Krieg von unseren Gauen ferngehalten, als die Kunde kam, daß das feste Bollwerk Rntwerpen ge­fallen sei, als die Glocken, während am Herbsttage die Blätter leise raschelnd zur Erde fielen, durch die regen- und nebel­schwere Luft diese Kunde in das Land trugen, da hat manch ein Mensch gebetet: Run danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden!

Unendlich viele haben in den Ereignissen der letzten Wochen den Herrn, ihren Gott, gefunden; denn Gott findet man nicht durch Nachdenken und nicht in gelehrten Büchern, sondern im Leben und im Gang der Weltgeschichte, viele, die seither schon mit Gott im Bunde standen, haben sich im Gewühl der Feldschlacht noch inniger an ihn angeschlossen. Das klingt uns aus mancher Mitteilung unserer verwundeten und aus vielen Briefen der im Felde Stehenden entgegen, sie haben die Wahrheit des Liedes erfahren: In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet! Und viele, die den Gott ihrer Kindheit verloren hatten, als es ihnen im Leben gut ging und sie über nichts zu klagen hatten, haben ihn in der Stunde des bitteren abfchiednehmens, im Schlachtengraus und im Feldlazarette wiedergefunden. Buch die, die zu Haufe geblieben sind, haben in vieler Beziehung umlernen müssen. Gottesfurcht und Gottseligkeit standen seit­her nicht hoch im Kurse, jetzt, da so viele anderen Werte ge­sunken sind, sind sie mit einem Male gewaltig gestiegen. Der Kirchenbesuch, den viele seither für eine überlebte Gewohnheit hielten, hat ungeheuer, namentlich in den Städten, zugenom-