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aus dem brennenden Hause zu bringen, aber nachher sind Sie so schnell verschwunden gewesen."

Als weitgereister Musikant war ich sonst im Verkehr mit Menschen nicht verlegen, und wenn man drei Jahre bei dem Militär gestanden hat und sogar anderen vorgesetzt war, so ist man nicht mehr blöde und schüchtern, vor diesem Mädchen aber war ich mit einem Male so verlegen wie ein eben konfir­mierter Junge, der plötzlich in eine Gesellschaft von Mädchen eintritt, die einige Jahre älter sind als er. Ich stotterte etwas davon, daß ich wieder an meiner Spritze hatte helfen wollen.

hin und her ging das Gespräch, es drehte sich hauptsäch­lich um den Brand in der Gerbergasse, der so groß war wie keiner mehr in der Stadt seit Menschengedenken, Ullerhand Mutmaßungen über seine Entstehung wurden laut. Kinder, so sagte man, hätten in einem Schuppen, der mit Lohe an­gefüllt war, mit Streichhölzern gespielt, vann hieß es wie­der, von einer Schlosserwerkstatt in der Schlörgasse seien Funken durch den Schornstein herüber geflogen und hätten bei der großen Trockenheit die Flamme entzündet. Ruch Brandstiftung wurde vermutet. Die Lina erzählte, sie hätte von dem Herrn Sanitätsrat Maurer gehört, die Staatsanwalt­schaft zu Koblenz habe sich bereits mit der Sache befaßt, man vermute, daß ein ungeratener Junge, der seither seinen Leh­rern schon große Schwierigkeiten gemacht habe, das Feuer angcsteckt habe. Ich will aber gleich hier bemerken, daß dieses Gerücht sich hinterher nicht bewahrheitet hat, die Ur­sache des Brandes ist bis heute noch nicht ermittelt und wird nun auch nicht mehr an das Tageslicht kommen.

Mährend wir sprachen, ging draußen beständig die Ladenklingel. Lebhaft wurde ich an das Haus des Krämers Lippert in Ruppertsecken erinnert, wo ich so manchen Übend mit Marie in der Stube hinter dem Laden gesessen hatte. Uber nur mit Unbehagen konnte ich an diese Stunde denken,' ich hätte etwas darum gegeben, wenn ich sie aus meiner Er­innerung hätte wegstreichen können. Ich fing an, das Mäd­chen, mit dem ich hier zusammen saß, mit Marie Lippert zu vergleichen. Melch ein Unterschied! Marie, die haltlose, leicht­sinnige und charakterlose Person, die nur auf ihr derbes Ver­gnügen bedacht war, und hier das stille, ruhige, klare Mäd­chen mit der wohllautenden Stimme und der Freundlichkeit, die von ihrem ganzen Mesen ausstrahlte.

In Kreuznach gebraucht man, um die Unterhaltung zu bezeichnen, die Nachbarn, Freunde, Bekannte und verwandte abends nach getaner Urbeit in Ruhe und Behaglichkeit mit­einander führen, einen sonst nur noch im Hunsrück gebräuch­lichen Uusdruck. Man sagt, wenn jemand abends zu einer derartigen Unterhaltung geht: er geht ,,maien" und man spricht dabei das a langgedehnt aus. Ich hatte schon früher von Pfarrer Weber in Marienthal die Erzählungen zu lesen bekommen, die der Sobernheimer Superintendent Wilhelm Gerte! — in seinen Schriften nennt er sich w. ©. von Horn unter dem Titel ,,Uus der Maje" herausgegeben hat. wie dieser Uusdruck entstanden ist, weiß ich nicht, ich vermute, daß er daher rührt, daß man im Hunsrück jedesmal, sobald der Mai gekommen war, abends, wenn man mit der Urbeit fertig war, anfing, an den Haustüren beieinander zu stehen. Dort bei Kaspar Heinz war die richtige „Maje", wie sie nur unter Menschen zustande kommen kann, die friedlich und freundlich einander zugetan sind. Krakehler, Lügner und Prahlhänse taugen nicht für eine „Maje".

Eine halbe Stunde mochten wir miteinander geredet haben, da sprang Lina auf und sagte: ,,Uch, ich verschwätze ja die ganze Zeit, und es ist niemand bei uns zu Hause. Der Herr

Sanitätsrat ist auf seiner Praxis, die Frau Sanitätsrat ist im Konzert, und unsere Köchin besucht eine Frau, die aus ihrem Drte gebürtig ist, und wenn jemand früher nach Hause kommt, als er vor hatte, so steht er vor der Tür und kann nicht hinein."

Rasch war Lina draußen auf der Straße.

„Tin braves Mädchen ist die Lina," sagte Frau Mach- mer, „sie ist schon sechs Jahre bei der Frau Sanitätsrat, und die Herrschaft hat sie sehr gern, weil sie so ruhig und freund­lich ist. Und immer ist sie so schön angezogen, obgleich sie jeden Monat Geld auf die Sparkasse träA."

Ich dachte an Marie Lippert, von der ich genau wußte, daß sie sich nie einen Pfennig gespart hatte, alles wurde von ihr an den puh und Staat gehängt, und doch war sie nichts weniger als gefällig gekleidet. Ich tat so, als ob mich das, was über Lina gesagt wurde, nicht im mindesten inter­essiere. Indem ich in die Zeitung, die auf dem Tische lag, sah, fragte ich so ganz nebenhin: „Ist das Mädchen aus der hiesigen Gegend?"

„Ja, sie ist drüben im hessischen, in Fürfeld, zu Hause," gab Frau Machmer mir zur Untwort. „Sie hat noch sechs Geschwister, ihr Vater, der Philipp Landau, ist ein wohl- stehender Mann, aber, wenn das vermögen in sieben Teile geteilt wird, kommt auf jedes Kind nicht viel."

Run hatte ich heraus, wie das Mädchen hieß und woher sie stammte. Sie war also auch aus der Pfalz, wenn auch nicht aus der bayerischen, so doch aus der hessischen Pfalz. Ihr Geburtsort war mir dem Namen nach wohlbekannt, er war ungefähr vier Stunden von Ruppertsecken entfernt.

Line leise Befürchtung stieg in mir auf. Ein so freund­liches, tüchtiges Mädchen, das jeden Monat Geld auf die Sparkasse trug, so dachte ich, hat gewiß Freier genug, und es wird ihr gewiß nicht an Bewerbern fehlen. Indem ich das Zeitungsblatt umdrehte und auf der letzten Seite schein­bar etwas suchte, sagte ich so ganz geringschätzig: „Die hat gewiß schon so einen, der mit ihr geht?"

„Davon weiß ich nichts," sagte Frau Machmer, „die Lina ist sehr stolz, die lacht und spricht nicht mit jedem, der ihr auf der Straße begegnet. Im vorigen Jahre war da ein Schreiber vom Steueramte, der ist ihr auf Schritt und Tritt nachgegangen. Sie war auch zuerst gar nicht unfreund­lich gegen ihn. lvie aber Fastnacht kam, da hat der Schreiber sich als Tlown verkleidet und wollte in das Haus des Herrn Sanitätsrates, sogar in die Küche, wo Lina mit der Köchin war, hinein. Me sie ihn in seiner närrischen Kleidung sah, wollte sie von ihm nichts mehr wissen. Das war auch gut für sie: denn der Schreiber war, wie sich bald darnach heraus­stellte, ein leichtsinniger Mensch. Er spielte in den Wirt­schaften den Großmogul und verschwand dann unter Hinter­lassung vieler Schulden."

Ich atmete ordentlich auf, als ich das hörte. Ich glaube, wenn mir an diesem Übend jemand gesagt hätte, Lina Landau habe bereits einen Bräutigam, ich wäre ganz verzweifelt gewesen.

von da begann für mich eine unruhig-glückliche Zeit. Ulle meine Gedanken waren auf das Mädchen gerichtet. Wenn ich abends um 6 Uhr vom Konzerte nach Hause kam, so schaute ich fast ununterbrochen zum Fenster hinaus, um sie vielleicht zu sehen. Glücklich war ich, wenn ich sie nur von weitem mit ihrem freien und leichten Gang vorübergehen sah. Gft auch traf ich sie bei den Familien Machmer und Heinz, an die ich mich immer mehr angeschlossen hatte. Ein­mal sogar gingen wir alle zusammen, die wir eine „Maje"