287
Wie heute, so eiferte man auch damals gegen alles ausländische Wesen. Lin Eingesandt vom 25. August besagt: „Muß denn das Kleid von französischem Stoffe sein? ITtufs denn der Kopfputz, der Schnitt des Kleides und Gott weiß, was all nach französischer Mode sein? Fort damit! Nur deutsche Stoffe sollen er sein, womit wir uns kleiden, und die Schneider sollen sich hüten, solche nach französischer Mode zu fertigen. Und so sei es auch mit der Sprache, nur deutsche Worte wollen wir gebrauchen in Schrift und Sprache. Uur diese wollen wir im Familienkreise dulden, nicht aber fremde Busdrücke gebrauchen, namentlich nicht dulden, daß Kinder bis in ihr reiferes Blter hinein sich, oft in sehr gespreizter Weise, der klusdrücke: Mama, Papa usw. bedienen. Fort mit all dem Firlefanz! Deutsch wollen wir sein in Wort und Tat!" Wie so manche kleutzerung ähnlicher klrt aus unserer Zeit, so schießt auch dieses Urteil weit über das Ziel hinaus. Ls ist noch kein Zeichen undeutscher Gesinnung, wenn man gelegentlich einmal ein Fremdwort gebraucht. Der Linsend r, der auf diese Weise seiner Entrüstung Luft gemacht hat, irrt übrigens, wenn er Papa und Mama für französische Worte hält, das sind nichts als Natur- laute, wie sie jedes kleine Kind ganz von selbst ausspricht.
Schon im klugust wurde die erste Sammlung Liebesgaben an das Gießener Negiment geschickt, Oberst Kraus hatte Korporal homberger gesandt, damit er die Gaben in Empfang nehmen sollte. Die Einwohner der Stadt hatten gespendet 84 500 Zigarren, 12 Ohm Branntwein, 4 Dhm Wein, 100 Pfund Zucker, 80 Pfund Schokolade, 100 Pfund Lichter.
Den Sieg von Sedan haben vi'le Gießener auf eine eigentümliche Weise gefeiert. Davon gibt folgende polizeiliche Verordnung Kunde: ,,5lls aü; kinlaß der vorgestern eingclangten Siegesnachrichten in allen Straßen der Stadt geschossen wurde, ließen wir darauf aufmerksam machen, daß schon aus Uücksicht gegen die hier liegenden vielen Kranken und verwundeten das Schießen eingestellt werden müsse, klber die Warnungen waren umsonst. Zwei Tage und zwei Nächte hindurch wurde geschossen, sogar dicht vor den hospi- tälern und Lazaretten. Nicht nur, daß man die Kranken schreckte und in ihrer Nuhe störte, es wurde auch die Gesundheit und das Eigentum gefährdet. Einige sind bereits verstümmelt, und jeden Bugenblick hätte Feuer ausbrechen können, weil oft in der Nähe von Scheuern und Ställen geschossen wurde. Wir sehen uns daher veranlaßt, darauf aufmerksam zu machen, daß bereits viele wegen Schießens zur Bestrafung angezeigt worden sind und, da wir uns im Kriegszustände befinden, härtere Maßregeln zu befürchten sind, wenn das Schießen nicht eingestellt wird." Wir wollen zufrieden sein, daß man diese gefährliche klrt, sich eines errungenen Sieges zu freuen, heute nicht mehr kennt.
Mitten in der Kriegszeit veranstaltete der allgemeine deutsche klrbeiteroerein, aus dem später die sozialdemokratische Partei hcroorging, im Promenadenhause eine Versammlung mit der Tagesordnung: Fei:r d's Lajsalle'schen Todestage;. Sn Tassel fand im Jahre 1870 eine Industrie-Busstellung statt, die durch den Krieg nicht unterbrochen wurde. Der interessanteste klusstellungsgcgensland war wohl die in der Schlacht bei Wörth eroberte Mitrailleuse, die König Wilhelm geschenkt hatte.
Daß auch damals viele Tartarennachrichten verbreitet wurden, geht aus der Mitteilung hervor, daß in Metz die Eholera ausgebrochen sei. Französische Blätter hatten im Oktober die Nachricht verbreitet, daß der Kronprinz von
Preußen getötet und seine klrmee vernichtet sei. Diesem unsinnige» Gerüchte hatte man namentlich auch in Hessen und hier besonders auf dem Lande, Glauben geschenkt.
Im Wesentlichen ergibt sich uns somit vom Jahre 1870 dasselbe Bild, wie es uns heute entgegentritt: überall große Begeisterung und große Opferwilligkeit. Diese Opferwilligkeit ging 1870 in denselben Bahnen wie in diesem Kriegsjahre. Gott gebe, daß uns diesmal auch derselbe Erfolg beschieden werde, wie unseren Vätern vor 44 Jahren. HL.
Var kirchliche Leben im Dekanate ließen während der Jahres 10(5.
killjährlich erstattet der Dekanatsausschuß der Dekanats- snnode einen Bericht über das kirchliche Leben im Dekanat. Bus dem diesjährigen Berichte wird das Folgende mitgeteilt. Wir haben dabei das weggelassen, das durch Veröffentlichungen der Tageszeitungen schon hinreichend bekannt ist, oder das, wie die statistischen Busstellungen, für weitere Kreise kein Interesse hat. Die Mitteilungen über die Heidenmission rühren von Herrn Dekan Gußmann-Kirchberg her, die über die Innere Mission von Herrn Pfarrer Groth-Rödgen, die über die Dckanatskrankenpflege von Herrn Pfarrer Schwabe- Gießen, die über den Gustav-kldolf-verein von Herrn Pfarrer Liz. Gombel-BeisKirchen und die über den Evangelischen Bund von Herrn Pfarrer hepding-hausen.
I. Veränderungen im personalbe st and der Dekanatsgeistlichen und anderer kirchlichen Organe.
Der bisherige Pfarrer von kllten-Buseck, Jakob Fischer, dem die Pfarrstelle zu Bodheim v. d. höhe übertragen worden war, wurde ersetzt durch den früheren Pfarrer von hainchen, kllbrecht Hartmann.
In Pohl-Göns erhielt Pfarrer Wörißhoffer die Ernennung zum Pfarrer von Nieder-Lschbacht die Verwaltung übernahm Pfarrer Hellwig-Kirch-Göns. Jetzt ist die Pfarrstelle wieder besetzt mit Pfarrer Naumann, früher in Siefers- heim in Nheinhessen.
In Watzenborn-Stcinberg starb der langjährige Kirchen- vorstchcr Joh. Gg. Heß II. in Steinberg.
Schwesternwechsel wird erwähnt in Beuern und Rödgen. Das Nähere ist aus dem Sonderbericht des Leiters der Dekanatskrankenpflege zu ersehen.
2. Kirchliche Feste und Weihen.
Wir erwähnen zunächst die im Dekanat eingeführten Feste.
Vas Fest der äußeren Mission fand am 10. klugust unter guter Beteiligung in killendorf a. d. Lumda, das der inneren Mission in Kirchberg am 14. September statt.
Das Jahresfest des Gießener Zweigvereins der G.-kl.- Stiftung wurde in Leihgestern am 8. p. Trin., den 13. Juli gefeiert.
Das Jahresfest der Kirchengesangvereine des Dekanats war in klnnerod am Sonntag Trin. im Mai, wo ja auch die Natur so recht zum Singen und Spielen zum Lobe Gottes auffordert. Die Rnsprachs hielt Dekan Gußmann, das Programm der Feier war von Geh. Kirchenrat D. Schlosser entworfen und enthielt nur pfingstlieder.
Das Jahresfest der oberhessischen Posaunenchöre war in Klein-Linden sKoll.: I08MK.).
In vielen Gemeinden wurden außerdem noch lokale Feste begangen, die hier nur kurz erwähnt werden können.


