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Bekanntmachungen und die Inserate einiges Material für die Geschichte dieser Zeit.

Die politischen Nusführungen, die wir in dem genann­ten Blatte finden, wollen wir hier nicht erwähnen, weil sie sich zumeist auf allgemein Bekanntes beziehen, unser Ab­sehen ist nur darauf gerichtet, nachzuweisen, wie sich der Gang der Weltgeschichte damals in dem Leben unserer Stadt gespiegelt hat. Km 16. Juli veröffentlichte der Etappen- kommandant Major v. Bandow Bestimmungen über die bevor­stehenden Militärtransporte. Niemand durfte mehr ohne di­rekte Veranlassung den Bahnsteig — damals gebrauchte man noch das unschöne Wort Perron — betreten, und dar Publikum wurde gebeten, vor der Nnkunft der Militärzüge stets den Bahnsteig zu räumen, weil sonst diese Bäumung durch das Militär ausgefllhrt werden würde. Line Bahn­steigsperre gab es damals bekanntlich noch nicht. Gleich­zeitig erließ der Provinzialdirektor (und spätere Präsident des Gberkonsistoriums) vr. Goldmann eine Verfügung über die Nushebung von Pferden für die Großherzogliche Division, und Hauptmann Franck forderte im Namen des Landwehr- bezirks-Kommandos die Mannschaften des Beurlaubtenstan­des auf, sich unverzüglich bei dem nächsten Bezirksfeldwebel zu melden. Das Kommando der freiwilligen Feuerwehr und der Vorstand des Turnvereins luden auf Dienstag, den ty. Juli, abends 9 Uhr, zu einer Besprechung über die Er­richtung eines Sanitätskorps ein. Einstweilen allerdings ging das vergnügungsleben in Gießen noch in hohen wogen. Trotz des Ernstes der Zeit fanden am l9. Juli in der damals doch noch kleinen Stabt zwei Konzerte statt. Das eine wurde im Zinßerschen Saale von der Negimentskapelle unter der Leitung des Kapellmeisters v. Reifert veranstaltet, dar andere fand im Viersaale des Herrn Lang statt und betitelte sich ,Musikalische Soiree mit Gesang der Gesellschaft Blech­schmidt". Später, als der Krieg fühlbarer wurde, hat man die Vergnügungen, so einen Ball im Klub, abgesagt.

Nachdem in der Turnhalle das Sanitätskorps gebildet worden war, forderten die Herren Dr. mscl. Felsing, Prof. Dr. Gncken, Turnlehrer Rübsamen, hofgerichlsadookat Wei- dig, Gymnasiallehrer Dr. weiffenbach und Prof. Dr. Zöppritz die jungen Männer der Stadt, die nicht die Waffen tragen mußten, zum Beitritte auf. Gleichzeitig bildete sich ein Komi­tee, dar sich die Krankenpflege und die Unterstützung der im Felde Stehenden zum Ziele setzte. Der Nufruf war unter­zeichnet: Dr. Goldmann, Haberkorn, Dr. Simon, vr. Stamm­ler, Vogt und Wernher. Vogt war der damalige Bürger­meister, Wernher ein bekannter Professor der Medizin, er war ein Sohn des hervorragenden hessischen Staatsmannes, des Geheimen Staatsrates Dr. Wilhelm Wernher. Wie heute so ließen es sich auch damals die Frauen angelegen sein, die im Felde Stehenden mit Wäsche und Strümpfen zu versorgen. Sachen dieser Nrt sollten abgegeben werden bei Frau Prof. Wilbrandt, Frau Geh. Medizinalrat Wernher, Frau Bürger­meister Vogt, Frau Stadtgerichtsassessor v. Schmalcalder, Frau Dekan Landmann, Frau Gail (Neustadt), Frau homberger (vor dem Walltor) und Frau Provinzialdirektor Goldmann. Muster für die anzufertigenden Sachen lagen in der Metten- heimerschen Npotheke sauf dem Kreuz) zur Einsicht offen. Im September taten sich Gießener Frauen und Jungfrauen zusammen, um Handarbeiten und sonstige Gegenstände zum Besten der Hinterbliebenen gefallener Krieger zu verlosen. Jedes Los kostete 12 Kreuzer. Unterzeichnet war der be­treffende Nufruf von Frau Schiatter, Frau Thr. Keil (Neu- stadt), Frau L. Kauf (Hintergasse), Frau W. Wallenfels

(Neue Baue), Frau Blumenthal fWalltorstraße), Geschwister Sauer (Lindenplatz), Frau Ni. Noloff (Lindenplatz), Frl. L. Löber (Lindenplatz), Frl. B. habenicht (Flügelsgasse), Frl. N. Petri (Nsterweg), Frl. L. Lotz (Seltersweg), Frl. L. Busch (Kreuz), Frl. L. Lynker (Einhorn), Frl. L. Weidig (Sonaen- straßc), Frl. S. Hirsch (Lindenplatz). Die zur Verlosung be­stimmten Sachen wurden vom 8. Oktober an im Saale des Einhorn ausgestellt. Sonntag, den 24. Juli, nachmittags um 4 Uhr hielt Professor Gucken im Klubsaale einen Vortrag über das Thema „Unsere Lage am Vorabend des Krieges", der Neinertrag, der sehr erheblich war, wurde für Kriegs­fürsorge verwendet.

vom 25. Juli an gingen Truppentransporte über den Gießener Bahnhof, jeden Tag kamen hier 20 000 Mann durch, aus diesem Grunde richtete Major v. Nandow an die Einwoh­ner die Litte, ihm Wein und Zigarren für die Vaterlandsver- teidiger zur Verfügung zu stellen. Damals hatte man den Wert des alkoholfreien Truppentransportes noch nicht er­kannt. Die Speisung der durchmarschierenden Truppen hatten die beiden Gießener Bürger N. Katz und I. Steinberger über­nommen. Ein anderer Bürger hatte gegen ihren Betrieb schwere Vorwürfe erhoben und wurde nach dem Feldzuge wegen dieser Neußerungen zu einer Geldstrafe verurteilt. Mithin sind seine Vorwürfe nicht begründet gewesen.

Zur Nufnahme der zu erwartenden verwundeten wurden Nnfang Nugust vier Baracken errichtet. Unseres Wissens standen diese Lazarettharacken auf dem Seltersberge, die älte­ren Gießener wissen das ja genauer. Nm 5. Nugust kamen die ersten Gefangenen, darunter zwei Turkos, auf dem Bahnhofe durch. Georg Noll, wohnhaft im Müllerfchen Hause am Seltersberge, erklärte sich in einem Zeitungsinserate bereit, kostenlos die Ndressen für Postsendungen an Soldaten des mo­bilen Heeres zu besorgen, von allen Dörfern des Kreises Gießen und namentlich aus der Stadt selbst gingen reiche Spenden an Geld, Naturalien, Leinwand, Wäsche und Strümp­fen ein.

In dieser ernsten Zeit gedachte der in Gießen sich auf­haltende Improvisator Ndolf Kühne dar hiesige Publikum zu unterhalten. Er erklärte sich bereit, Gedichte zu improvi­sieren, zu denen die Zuhörer ihm die Endreime angeben sollten. Db es ihm geglückt ist, Zuhörer zu bekommen, läßt sich nicht feslstcllen. Zum Besten der verwundeten verfaßte er dann ein humoristisch-satirisches Blatt, das vom 24. Nugust an erschien, vermutlich ist es dasselbe Blatt gewesen, das unter dem Titel die „Mitrailleuse" erschien,' ein langes Dasein scheint ihm nicht beschieden gewesen zu sein.

Nm 14. Nugust wurde durch den katholischen Geistlichen, Pfarrer Nady, der erste in der Gefangenschaft verstorbene verwundete beerdigt. Er wird unter den verstorbenen in der Zeitung bezeichnet als „Tharles Bruguerelles, Eapitän in dem kaiserlich-französischen 5. Zuavenregiment, angeblich 50 Jahre alt." Ueberraschend schnell gelangte die Liste der am 18. Nug. bei Gravelotte gefallenen hessischen Offiziere in die Heimat, schon am 22. Nugust wurde diese Verlustliste in Darmstadt ausgegeben, eine Verlustliste der gefallenen und verwundeten Unteroffiziere und Niannschaften kam in dem Gießener Nn- zeigcr nicht zum Nbdruck. Es wurde damals sehr geklagt, daß die Mitteilungen über den Tod und die Verwundung zu lange auf sich warten ließen. Ganz im Unterschiede von unse­rer Zeit fehlen in dem Blatte völlig die Todesanzeigen, die die Hinterbliebenen einrllcken lassen, es war damals noch Brauch, daß die Leichenfrauen das Begräbnis von Haus zu Haus unter den Bekannten der Familie anfagten.