Nr. 39. Giesten, 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. Oktober 1914. 3. Jahrgang.
Deutsche Alaubenszuversicht.
Psalm 46. 2. (Bott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine ksilfe in den großen Nöten, die UNS getroffen haben.
In großen Zeiten des eigenen und des Völkerschicksals, wenn alles Kleine und Kleinliche ahgestreift wird, ist noch von jeher wie eine neue Offenbarung eine ganz anders geartete Erkenntnis von der unvergleichlichen Lebensfülle und dem bezwingenden Trost der Bibel über den Einzelnen und die Gesamtheit gekommen. Es ist. als ob man mit ganz anderen klugen lese und mit ganz umgewandeltem Herzen erlebte, welch unaussprechlicher Gegenwartswert von diesen Blättern ausslrömt, über die doch schon der Sturm von Jahrtausenden hinweggefegt ist. Man kann es dann kaum fassen, daß es Zeilen und Stimmungen geben konnte, in denen man schon die Bücher des Riten Testaments zum alten Eisen warf, weil sie unserer Zeit und Erkenntnis nichts mehr zu sagen hätten, oder dem Psalter nur noch den Wert einer längst verklungenen, eigenartigen Literaturepoche zumaß. va greift der allmächtige Lenker der Dinge mit einem gewaltigen, unvermuteten Griff in das wie zu lässiger Gewohnheit gewordene Uädcrwerk des Iveltgetriebcs,' Zeiten von ungeahntem Ernst, von entscheidender Schicksalsschwere brechen wie eine Sturmflut über die Menschheit herein,' Hunderte von Stützen, auf die man bis dahin sich glaubte verlassen zu können, knicken wie Strohhalme zusammen,' in schwerer öangnis sucht das aufgeschcuchtc Menschenherz nach Stütze und halt, auf die verlaß ist und plötzlich wird das Buch der Bücher nicht bloß zu einem unoersieglichen Ouell des Trostes, sondern bekommt eine ganz neue prophetische Kraft, als schaute es schon vor Jahrtausenden voraus, was gerade jetzt uns betrifft. Und so wird es in seinem Bat und seiner Mahnung der Wegweiser durch die Wirrnisse der lautpochenden Gegenwart zu einer größeren, leuchtenden Zukunft. Ist es nicht, als wäre es für das deutsche Volk in dem schicksalsschweren Jahre 1914 eigens geschrieben, was einst durch die Seele der königlichen Sängers fps. 41,6, 8 — 13) zog: „Meine Feinde reden Urges wider mich: Wann wird er sterben und sein Name vergehen? kille, die mich hassen, raunen miteinander wider mich und denken Böses über mich. Sie haben ein Bubenstück über mich beschlossen: Wenn er liegt, soll er nicht wieder aufstehen. Buch mein Freund, dem ich mich vertraute, der mein
Brot aß. tritt mich unter die Füße. Du aber, Herr, sei mir gnädig und hilf mir auf, so will ich sie bezahlen. Dabei merke ich, daß du Gefallen an mir hast, daß mein Feind über mich nicht jauchzen wird. Mich aber erhältst du um meiner Frömmigkeit willen, und stellest mich vor dein klngesicht ewiglich." - Was könnte anderes aus dieser Schilderung lebendigster Gegenwartserfahrung, die unser gesamtes Volk seit den kiugusttagen d. Is. gemacht hat, hervorquellen aus innerstem Herzensborn, als deutsche Glaubenszuversicht? Dort russische Vernichtungswut. welsches Bubenstück und englischer Freundesoerrat, hier aber, in Kraft des Glaubens an den gerechten Vater aller Dinge, das trutzig-kühne: Ich will sie bezahlen! Mein Feind darf nicht jauchzen über niich! - Und dabei soll es bleiben! IMser harrt noch die größte ktuf- gabe der Welt: zu wirken für Zucht, Treue und alle Güter der Wohlfahrt und Kultur als Willensvollstrecker dessen, der das deutsche Volk stellen wird vor sein Ungesicht ewiglich, wenn wir bleiben in der Kraft deutscher Frömmigkeit!
Gietzen in den ersten Nriegsmonaten des Jahres 1870.
Jetzt in der Kriegszeit, da unsere Stadt durch ihre starke Garnison, die vielen verwundeten, die man auf den Straßen sieht, und das veränderte klussehen des Bahnhofes überall merken läßt, daß wir uns im Kriegszustände befinden, ist es von Interesse, einmal die Lage der provinzial- hauptstadt Gießen im Jahre 1870 in das kluge zu fassen. Die Mitteilungen, die wir hier bringen, entnehmen wir alten Zeitungsblättern, nämlich dem Gießener klnzeiger aus dem Kriegsjahre 1870. Wiederholt ist ja schon von namhaften Historikern darauf hingewiesen worden, daß die modernen Zeitungen ein wichtiges thuellenmaterial für die Geschichtsforschung bilden. Das gilt allerdings von den Zeitungen der Gegenwart weit mehr als von den Zeitungen, die vor 40 oder 50 Jahren erschienen sind,' denn der Umfang unserer Zeitungen hat um das Dreifache zugenommen, alle Vorgänge, die von irgendwelcher Bedeutung sind, werden in ihr erwähnt, kluffallend ist, daß in den Zeitungen, die um das Jahr 1870 gedruckt worden sind, der lokale Teil fast völlig fehlt, das gilt auch von dem hier erscheinenden Blatte. Weder aus der Stadt noch vom Lande werden Lokalnotizen gebracht. Immerhin bieten uns die politischen Mitteilungen, die amtlichen


