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im nassauischen Taunus amtiert hatte, in einem Dörfchen, das später oft genannt wurde, weil anno 1866 Bismarck vergessen hatte, es mit zu annektieren.
Don seiner Uebersiedelung nach der neuen Heimat wurde mir ein lustiges Intermezzo erzählt. Sämtliche Fahrnis des geistlichen Haushalts hatte man auf Bauernfuhrwerken verladen und auf das letzte noch die große Bauch- oder Wasch- büttc, diesem wichtigen Geräte des ländlichen Haushalts, aufgesetzt und quer davor hatte man das alte Familiensofa auf die IVagenleitern gebunden, auf dem dann Herr und Frau Pfarrer mit dem jüngsten Sprötzling Platz nahmen. Dann war noch die frischmelkende Ziege übrig, welche bei der Ernährung des letzteren eine gewichtige Bolle spielte. Die Ziege hob man dann in die Waschbütte, wo sie sich, bei einem duftigen Bündel Blee mit ihrem Schicksal zufrieden, bald widerkäuend niederlegte
Der Weg führte über Frankfurt, und gleich beim Einfahren der Barawane in die Friedberger- und Schäfergasse blieben oft die Leute verwundert stehen. Wie der Zug aber in die 3eil einbog, gab es einen förmlichen Auflauf von Passanten, die belustigt nach dem letzten Wagen sahen, daß endlich selbst der Herr Pfarrer aufstand, um zu sehen, was da hinten vorging. Da ergab sich dann Folgendes: Die Reisegefährtin war wohl von dem verstärkten Gerassel zwischen den hohen Häusern erwacht und nach neugieriger Geißen Art hatte sie sich mit den Dorderbeinen auf den Büttenrand gestellt und streckte das gehörnte Haupt über die unten thronende Herrschaft vor. Das mag denn wohl an ein heraldisches Wappenbild erinnert haben, das von einem gehörnten Wappentier überragt wird.
Dieser Mann war ein leidenschaftlicher Bienenzüchter, dem sein Amt bedauerlicherweise mehr nur als Mittel galt, dieser Leidenschaft zu frönen. Gemeindeangehörige, die mit ihm zu verhandeln hatten, mußten das oft zwischen schwärmenden und bedrohlich sausenden Bienen tun. Er war seiner Zeit voraus, was jetzt mehr geschieht, daß er im Hochsommer seine sämtlichen Bienenstöcke nach der Anhöhe westlich von Jugenheim, also fast zwei Stunden von zu Hause weg, auf einem gemieteten Platz aufstellte, damit sie die Tracht bei der Bleeblüte besser ausnutzen konnten, und war dann beständig in angestrengter Arbeit Tag für Tag bei ihnen beschäftigt.
Einmal, als ich gerade zu Besuch im Elternhaus weilte, es war ein Sonntagmorgen —- und es hatte schon zum zweitenmal zur Birche geläutet, da zeigte mir meine Mutter zwei Männer in nicht festtäglichem Anzug, welche von Schweiß bedeckt am Pfarrhaus vorbeieilten. Der eine, in einem gestrickten Wams, eine niederhängende Mütze auf dem Bopfe, war der Herr Pfarrer aus N.-S., der andere wohl sein Bir- chendiener und Gehilfe. Sie hatten beide am frühen Sonntag droben an den Bienen gearbeitet und strebten jetzt in stürmischer Eile der noch über eine Stunde entfernten Heimat zu, um dort Gottesdienst zu halten. „Was wird das wieder für eine predigt geben!" hat noch meine Mutter gesagt.
Seit dem zuletzt Geschilderten ist nun auch schon mehr als ein halbes Säkulum hinab in die Ewigkeit gerollt, mein Mütterlein schläft jetzt seit 50 Jahren auf dem alten Friedhof zu Jugenheim ihren letzten Schlaf. Ich bin in meiner Heimat fremd geworden. Aber ich bin überzeugt, daß die vieljährige Mißhandlung der Seele des Dolkes in dessen religiösem Empfinden von Seiten derjenigen, welche dazu berufen waren, solches zu pflegen, sei es nun aus Unverstand, Gleichgültigkeit oder wirklich bösem Willen, nicht wenig dazu beigetragen haben, die bedauerlichen Zustände auch in dem Gemeindeleben zu erzeugen, welche jetzt so vielfach darin zutage treten.
Sin pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
In diesem Augenblicke erkannte ich Hermann Weber, den Sohn des Pfarrers in Marienthal. Mehrere Jahre hindurch hatte ich ihn nicht gesehen, nun trat er mir auf einmal in dem fremden Lande gegenüber.
Meine erste Frage, als ich mich von meinem Staunen erholt hatte, war: „Aber, Hermann, wie kommst du hierher?"
„Das will ich dir sagen, Peter. Ich studiere seit (Ostern hier."
„Das muß aber teuer sein," erwiderte ich, „hier in Holland zu studieren, wo man das, was man in Deutschland für eine Mark bekommt, mit einem Gulden bezahlen muß."
Hermann lachte und sagte: „Ja, das meinst du, Peter, aber denke dir, der Aufenthalt in Utrecht kostet mich keinen Pfennig, im Gegenteil, wenn ich nächstes Frühjahr nach Hause komme, so bringe ich so viel Geld mit, daß ich damit ein Semester in Heidelberg studieren kann."
Das kam mir doch merkwürdig vor, im Scherze sagte ich zu meinem Landsmann: „Du verstehst wohl die Bunst, Papiergeld zu machen."
„Nein, Peter, so geschickt bin ich nicht, aber ich lebe hier von der Wohltätigkeit eines Mannes, der längst nicht mehr lebt, hier in der St. Gertrudskirche hat man im Jahre 1761 einen Mann begraben, der Daniel Bernard hieß und aus Frankenthal war. Er stand im Dienste der ostindischen Bom- pagnie und war zuletzt Gouverneur in Boromandel. In (Ostindien hat er sich ein kolossales Dermögen erworben. Auf seinem Sterbebette hat er ein Dermächtnis von 9000 Pfund Sterling errichtet, dessen Zinsen an junge Leute aus der Pfalz und aus Ungarn, die in Utrecht Theologie studieren, gegeben werden sollen. Don dieser Dergünstigung habe auch ich Gebrauch gemacht und halte mich nun im Lande der Mynheers, bei denen es mir ganz gut gefällt, auf."
Infolge dieser unerwarteten Begegnung war der Lauf meiner Tränen zum Stillstand gekommen, Hermann Weber setzte sich neben mich auf die Bank und sagte: „Uun sage mir aber, Peter, was ist dir passiert, daß du hier an der Graacht sitzest und weinst? Du hast gewiß Heimweh. Ich bin dir durch mehrere Straßen nachgegangen und habe dir gerufen, aber du hast mich nicht gehört."
Ich zog den Brief des Bruders aus der Tasche, ließ ihn Hermann lesen und erzählte ihm dann alles, was sich im letzten Winter zwischen mir und Marie Lippert zugetragen hatte.
Hermann hörte mich an, ohne mich zu unterbrechen. Als ich geendigt hatte, schwieg er eine Weile, dann sagte er: „Darüber weinst du, Peter, daß sich ein Mädchen von dir losgesagt hat, das dich fortwährend belogen und hinter deinem Bücken mit einem andern angebändelt hat? Denke dir, du hättest Marie Lippert geheiratet und wärest manchmal ein Jahr oder noch länger weg gewesen, um Musik zu machen. Was hätte die in deiner Abwesenheit angestellt? Das wäre deiner Mutter Tod gewesen, wenn du die zur Frau gekriegt hättest; die ist so schlecht, daß sie sich in Mainz an Fastnacht auf der Straße herumtreibt. In Marienthal hat man, wie ich in den (Oster- ferien zu Hause war, erzählt, daß sie in Alsenz mit einem Haufen von Steinhauern in das Wirtshaus gegangen ist. Peter, sei vernünftig und danke Gott, daß du von diesem Der- hältnisse so schnell losgekommen bist!"
Ich fing an, den vernünftigen Dorstellungen meines Landsmannes Recht zu geben, wenn auch der Zorn über das


