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einen musterhaften landwirtschaftlichen Betrieb eingeführt hatte, wobei er durch seine Intelligenz und Persönlichkeit er war auch längere Zeit Mitglied der hessischen Ständekam- mer - einen günstigen Linfluß ausübte. Lr kam auch mei­nem Vater mit lebenslänglicher Freundschaft entgegen. Vieser selbst aber gewann durch seine Persönlichkeit immer großen Linfluß. Leibst der katholische Umtsbruder verkehrte oft in seinem Hause. Ebenso hat der kluge und liebenswürdige ka­tholische Dekan Mooh zu Udenheim uns auch noch später zu Jugenheim freundschaftlich besucht, bis in der Uera Ketteler die konfessionellen Schranken wieder neu aufgerichtet wurden.

Die Kirchen beider Konfessionen mußten damals wegen Baufälligkeit abgebrochen werden, und es hat dann ein halbes Jahrhundert gebraucht, bis es zur lviederaufrichtung kam. Ich selbst erinnere mich noch, daß die evangelischen Kirchen- glocken im Freien an einem Balkengerüst ausgehängt waren.

Leider gab es für meinen Vater kein Bleiben daselbst. Sein Vorgänger, selbst ein begüterter Bauernsohn, hatte sein eigenes Gut mit großem Erfolg bewirtschaftet und dabei die pfarräcker bedingungslos Pächtern überlassen, die dann das Ganze so herabgewirtschaftet hatten, daß, wie mein Vater notgedrungen und für solche Kufgabe als Gelehrter wenig vorbereitet, sich zu eigenem Betrieb entschließen mußte, in den ersten Jahren kaum die Auslagen gedeckt wurden. Insbeson­dere waren alle Weinberge, die sonst einen wesentlichen Ertrag geliefert hätten, ausgehauen. Die Gemeinde hatte sich zuerst zu einem Beitrag zu den großen Kosten einer Neurodung be­reit erklärt, hielt aber dann nicht Wort, vielleicht auch infolge der zerrütteten Gemeindeoerhältnisse und durch das Uebel- wollen Einzelner, die sich durch die Selbstbewirtschaftung in ihren gewohnten Pachtverhältnissen gestört sahen.

Mein Vater hatte dann auch notgedrungen sich um die Pfarrei Jugenheim beworben, wo er dann auch in größerer Nähe bei seinen Eltern von deren Kat und Hilfe in landwirt­schaftlichen Dingen Vorteil erwarten durfte. Daß seine seit­herige Gemeinde ihn ungern scheiden sah, geht daraus hervor, daß viele dortige Bewohner unser Haus später noch oft be­suchten. Ich nenne darunter die Familien Walldorf und Weper- häuscr, dieselbe, aus welcher später der jetzt vielgenannte ame­rikanische Milliardär hervorging. Klle beklagten es sehr, weil seit dem Wegzug meines Vaters so vieles schlechter ge­worden sei.

Der Nachfolger hatte sich anfangs mit gutem Erfolg sei­nes Nmtes angenommen. Dann geschah es eines Tages, da er einer Leichenbestattung mit den andern hinter dem Sarge folgte, als es gerade über eine quer über die Straße laufende Gosse ging, da faßte er plötzlich den lang am Kücken herab­hängenden Talar, den damals vielfach noch die evangelischen Geistlichen vor allgemeiner Einführung der jetzigen Ehorröcke trugen, zusammengefaltet unter den Nrm und setzte mit wie­gendem Sprung über die Gosse hinweg. ,,Ei, Herr Pfarrer!" schrie ganz entsetzt ein neben ihm schreitender Kirchenvorsteher, und faßte ihn am Nrm. Da schien er wie aus dem Schlaf zu erwachen und führte die Nmtshandlung richtig zu Ende. Nicht lange nachher aber geschah es, als im Nnfchluß an den Sonntagnachmittaggottesdienst ein Kind getauft werden sollte, wozu dann der Geistliche die Gemeinde aufforderte, als Ueber- gang zu der vorzunehmenden heiligen Handlung das gebräuch­liche Lied zu singen, geschah diesmal solches mit den Worten, die Gemeinde wolle nunmehr das Lied singen:Heirat die Lisbeth", was ein damals weitverbreiteter Gassenhauer war.

Da war kein Zweifel mehr, daß unheilbarer Wahnsinn den Unglücklichen erfaßt hatte, und damit begann ein trau­riges, sich über ein Menschenalter sich hinziehendes Proviso­rium einander ablösender Vikare, von denen selten einer so lange da war, daß er sich in der Gemeinde einleben konnte. Denn bei dem kläglichen Zustand der evangelischen Kirche in Hessen, wo das religiöse Bedürfnis der Gemeinde eigentlich nur Nebenzweck war, gab es kein Mittel, den Inhaber einer Stelle, zu deren Ausübung er unfähig geworden war, von derselben vor seinem Ende zu entfernen, und gerade der Un­glückliche besaß eine robuste körperliche Gesundheit.

von den zahlreich wechselnden Vikaren ist mir einer im Gedächtnis geblieben, obgleich ich bei der Länge der Zeit nicht ganz sicher bin, ob derselbe gerade in N.-5. oder einem Nach­barort amtierte. Bald nach seiner Installierung machte er bei uns seinen Antrittsbesuch und wurde, wie üblich, mit Kaffee und was sonst der ländliche Haushalt bot, bewirtet. Dann wurden die langen pfeifen mit dem damals in allen Pfarr­häusern üblichen portoriko von Gräf in Bingen gestopft, und es begann ein Gespräch über Land und Leute, Beruf und Wissenschaft. Ls störte den Gast auch nicht, daß mein Vater durch Beruf und Haushalt oft genötigt war, ihn allein zu lassen. Da es Übend wurde und der Gast keine Miene zum Fortgehen machte, so wurde er auch zum Abendbrot und einer Flasche Wein eingeladen, worauf er dann einfach wieder seine pfeife stopfte. Es wurde endlich Schlafenszeit. Dos Hausge­sinde begab sich zur Buhe, und wir Kinder riefen nachein­ander mit betonter Deutlichkeit unserm Vater durch die halb­geöffnete Tür einGute Nacht!" zu, was aber den Gast wei­ter nicht genierte: er paffte ruhig weiter. Als es dann end­lich gegen Mitternacht ging, faßte mein Vater sich ein Herz und erklärte dem hartnäckigen Besucher, er stehe einem gro­ßen Haushalt vor und bedürfe dazu der Nachtruhe, und wenn es dem Gast vielleicht für den Heimweg zu spät sei, biete er ihm unser Gastbett an. Ja, es dürfte wohl Zeit sein, gab der zur Nntwort und stopfte sich wieder seine Pfeife. Erst lange nach Mitternacht nahm diese denkwürdige Antrittsvisite ein Ende.

Unter dem ständigen Wechsel sind mir doch einige be­sondere Persönlichkeiten im Gedächtnis geblieben. Da war ein Vikar Merkel, ein feingebildeter Mann und hervorragender Klavier- und Orgelspieler. Ich bin einmal von meinem Vater mit einem Briefchen zu ihm geschickt worden. Da machte es mir einen ernüchternden Eindruck, ihn in seiner ermieteten Stube zu sehen, die außer einem in der Mitte stehenden Klavier so gar nichts darbot, das an den Stand des Bewohners er­innert hätte.

Dann war da ein Vikar Schenk, ein prächtiger Mann, der längere Zeit dort verblieb und richtig Fuß in der Gemeinde gefaßt hatte. Er hat sich dort verheiratet, denn in jener für den geistlichen Nachwuchs betrübten Zeit geschah es wohl, wenn nicht gerade einer durch Präsentation eines Standes­herrn vor der Zeit ankam, daß viele schon stark durch ihre haare gewachsen waren, bis sie zu Nmt und Brod kamen. Er hat dann auch, nachdem er definitiv angestellt war zu Lichlob, sich sofort wieder nach N.-5. gemeldet, sobald diese Stelle endlich frei wurde. Über auch jetzt waltete ein Un­stern über der Gemeinde. Denn dieser tüchtige und beliebte Prediger hatte schon wenige Jahre darnach das Unglück, am schwarzen Star unheilbar zu erblinden, und damit begann dann wieder die traurige Zeit der wechselnden Vertreter. Nach­dem auch dieses Mißgeschick endlich beseitigt war, wurde ein Pfarrer dahin versetzt, der seither in einer hessischen Enklave