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Dörfern waren die Häuser klein und einstöckig, alle waren mit bunten Farben gestrichen, blau, grün und rot. In den Städten entbehrten die Häuser der bunten Farben, aber sie waren alle hübsch und niedlich, zumeist Einfamilienhäuser, die aus Backsteinen aufgerichtet sind und mit dem Giebel gegen die Straße stehen. Bekannt ist die holländische Reinlichkeit. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man überall die Mägde an den Türklinken reiben und putzen. In einigen Gegenden sahen wir auch die altholländische Frauentracht: buntes Mieder, schwarzen Rock, weiße Haube, die mit Messingspangen zusammengehalten wird.
Fröhlich zog ich mit meinen Rameraden dahin,' der Gedanke an Marie Lippert, die im herbste meine Braut sein werde, noch mehr der Gedanke an das Geld ihres Vaters gab meiner Seele Mut und Hoffnung. Manchmal bedauerte ich meine Rameraden; denn ich dachte, daß sie vermutlich noch viele Jahre, so lange sie Rraft dazu hatten, musizierend durch das Land ziehen müßten, während ich jetzt bald die Trompete an den Nagel zu hängen gedachte, um als reicher Raufmann ein gemächliches Leben zu führen. Denke ich heute an diese hollandfahrt zurück, so schäme ich mich, jemals solche Gedanken gehegt zu haben.
Rls die sommerliche Wärme einsetzte, waren wir in Amsterdam angelangt, hier nahmen wir für mehrere Wochen feste Wohnung. Drei Tage in der Woche spielten wir in der großen Handelsstadt, an den übrigen Tagen in den benachbarten Seebädern Zandvoort, Noordwijk und Ratwijk. Dort hatten wir wirklich gute Tage, namentlich gefiel es mir in Zandvoort. In den Nachmittagstunden weilten unzählige Menschen am Strande, sie gingen auf dem weichen, weißen Sande auf und ab oder saßen unter Zelten und in Strandkörben, vor ihnen rauschte und schäumte das Meer, hinter ihnen ragten die Dünen auf. Sobald wir an den Strand gekommen waren und unsere Notenständer aufgestellt hatten, sammelten sich Hunderte von Rindern um uns. Nun mußten wir zum Tanze aufspielen, und in anmutigen Bewegungen drehten sich die Rinder, sowohl die der reichen haarlemer und Rmsterdamer Familien, die dort zur Erholung weilten, als auch die armen Fischerskinder aus dem Städtchen selbst. Mitunter auch nahmen Erwachsene am Tanze teil, ich kann aber nicht sagen, daß es schon und graziös ausgesehen hat, wenn so eine dicke holländische Madame unter den Rindern herumhüpfte. Zogen wir am Strande eine Strecke weiter, so folgte uns der ganze Haufe nach, und überall ging der Tanz von neuem los.
Eines Tages hatte ich dort einen kleinen Rerger. Unter den Rindern, die nach unserer Musik tanzten, befand sich ein dicker, etwa fünfzehnjähriger Junge. Tr war so fett, daß er kaum aus den Rügen gucken konnte; Finger hatte er wie Frankfurter Würstchen. Dabei war er auf eine höchst alberne Rrt angezogen: kurze Hosen, steifen, runden Hut und breiten, weißen Rinderkragen. Natürlich tanzte der dicke Bengel nicht, dazu war er zu schwerfällig. Um aber etwas zu tun zu haben, fing er an, uns Musikanten zu foppen. Wenn wir im Schweiße unseres Rngesichts um die Notenständer standen und mit aller Rraft unserer Lungen bliesen, dann stand er hinter uns und warf mit Rletten nach uns. Dem Tobias Wagenschmidt steckte er mit Stecknadeln einen Zettel an den Rockkragen. Rugenscheinlich hatte er auf diesen Zettel allerhand Dummheiten geschrieben; denn ich sah, wie andere Jungen herbeikamen, den Zettel lasen und alsdann lachten.
Wir spielten gerade ein recht schwieriges Stück, bei dem man genau aufpassen mußte, da war es mir, als ob mich
jemand an der rechten Ferse ziehe. Da ich meine ganze Rufmerksamkeit auf das Stück richten mußte, so kümmerte ich mich nicht weiter um diesen Umstand. Rls wir jedoch fertig waren und die Notenständer zusammenklappten, merkte ich, daß man mich angebunden hatte. Man hatte mir einen dünnen Strick um den Fuß geschlungen und das andere Ende des Strickes an einem Boote, das am Strande lag, befestigt. Ich wußte sofort, wer das getan hatte. Rein anderer als der dicke Junge mit dem Rinderkragen. Zwei Schritte von mir stand er und grinste über das ganze feiste Gesicht. Ruhig schnitt ich mit meinem Taschenmesser den Strick durch, dann aber packte mich die pfälzische „Hitze", und rechts und links schlug ich dem Dicksack auf die Backen. Er heulte wild auf, dann wollte er sich auf mich stürzen, aber ich gab ihm einen kräftigen Stoß, daß er in den weichen Sand fiel und beide Beine hoch in die Lust streckte. Die Umstehenden lachten und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Mein Gegner hatte genug, der Meister sprang herbei und sagte: „Um Gotteswillen, Peter, wie kannst du so etwas machen? Wenn das ein Polizist gesehen hätte, wärest du eingesteckt worden, und wir hätten niemals wieder in Zandvoort spielen dürfen."
Gern lag ich in den Nachmittagsstunden, wenn wir nichts zu tun hatten, am Strande, um hinaus auf das Meer zu sehen. In der Ferne zogen die großen Dampfer auf der Fahrt von hoek van Holland nach Norden vorüber, wie Rinderspielzeug sahen sie aus, ein langer Streifen Rauch zog dem Schiffe nach. Interessant war es zuzusehen, wie die großen Boote in das Wasser geschoben wurden. Ruf Wagen wurden sie herangebracht, dann so weit in das Wasser hineingebracht, daß die Wagenräder von der Flut umspült wurden. Dann kamen die Schiffer, die barfuß waren und die Hosen hochgeschürzt hatten, und schoben mit starken Rrmen das Fahrzeug in das Meer. Endlich schaukelte es auf den Wellen, die Segel wurden ausgespannt, und die Leute, die für teures Geld eine Fahrt machen wollten, wurden von den Schiffern in das Boot getragen. Das war ein spaßiger Rnblick, wenn so ein dicker Herr, der gut seine zwei Zentner wog, huckepack getragen wurde. Gern war ich dabei, wenn am Strande Fische versteigert wurden. Da lagen die rot und braun getupften Fische auf dem Strande, der Versteigerer hatte eine mit bunten Farben bemalte Latte in der Hand, mit der er auf die Fische deutete, und der verkauf wickelte sich rasch ab.
Ls war Iuni, als wir dort an der Rüste spielten, und so hatte ich Gelegenheit, die berühmten Tulpenfelder von Haarlem in ihrer Blüte zu sehen. Das war eine Pracht. Ganze Recker, so groß wie bei uns die Rartoffel- und Rlee- äcker, leuchteten gelb, rot und weiß, und die wunderschönen Reiche öffneten sich der Sonne. Ich ruhte nicht, bis ich mir in einem haarlemer Geschäfte eine Rnzahl Tulpenzwiebeln gekauft hatte, die wollte ich der Marie Lippert als Geschenk mitbringen.
Rls wir noch in den Seebädern spielten, kam Gottfried Reiper eines Morgens zum Meister und sagte, er müsse auf der Stelle nach Hause reisen, da sein Vater schwer erkrankt sei und seine Mutter seinen, des einzigen Sohnes, Beistand notig habe. Der alte Reiper war seit vielen Jahren „dämpfig", d. h. er litt an Rsthma. Nun war in seinem Befinden augenscheinlich eine Verschlimmerung eingetreten. Es war für den Meister sehr ärgerlich, den Rlarinettisten jetzt entbehren zu müssen, aber unter den obwaltenden Umständen konnte er doch nicht nein sagen, und Gottfried reiste ab. Ich trug ihm viele Grüße an Marie Lippert auf, übergab ihm außerdem mehrere Pfund Raffee, die er meiner Mutter


