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Gegenüber diesen beiden katholischen Geistlichen meinte der evangelische Ltadtpfarrer Baum, man könne die Streit- frage von Worms hier nicht austragen. Tatsache sei, daß diese Worte, die den Evangelischen wertvoll seien, sich bereits in der 2. Ausgabe der werke Luthers vom Jahre 1521 finden, wäre das wort nicht zutreffend, so hätte wohl Luther selbst Gelegenheit genommen, es zu berichtigen. In den Text des Büchleins solle auch ein Zusatz ausgenommen werden, aus welchen Gründen Luther in Worms fest geblieben sei. Oer evangelische Kirchenrat Reichenhart unterstützte die Ausführungen des Vorredners. Stadtschulrat und königlicher Stadt- schulenkommissär Gberstudienrat Or. Kerschensteiner bemerkte, man könne doch dies Wort stehen lassen, das den Evangelischen so teuer sei und zudem die Gefühle der Katholiken — Redner, der bekannte Pädagoge und Reichstagsabgeordnete für München 1, ist selbst katholisch — ja nicht verletzen könne, nachdem es sich um ein persönliches Bekenntnis Luthers handelt. Rach Antrag des Rechtsrats pör- burger (Katholik) wurden verschiedene Korrekturen im Texte, die den wünschen der evangelischen, zum Teil auch der katholischen Geistlichen Rechnung trugen, vorgenommen. Das umstrittene Lutherwort soll, da sich die Mehrheit der Mitglieder der Lokalschulkommission dafür aussprach, im Text stehen bleiben. Für die Streichung des Lutherwortes stimmten 19 katholische Ltadtpfarrer; I katholischer Ltadtpfarrer stimmte mit der Mehrheit, bei der sich wohl auch fast alle, wenn nicht sämtliche weltlichen Mitglieder der Kommission befanden.
Lchlägt man G. Lüchmanns „Geflügelte Worte" dazu auf, so liest man in der 22. Auflage von 1905 auf 5.599, daß diese bekanntlich aus dem 1868 enthüllten Wormser Lutherdenkmal eingravierten Worte Luther nach der ältesten Darstellung nur in der im Lprachgebrauch der Zeit gewöhnlichen Form: „Gott helfe mir, Amen!" gesprochen haben soll, (vergleiche Burkhardt in „Theologische Ltudien und Kritiken" 42, 1869, 5. 517 ff.,' L. Ranke, „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation", 6. Aufl., I 5. 336). Rach sorgfältiger Prüfung aller Tsuellen komme Joh. Luther („vossische Zeitung", Berlin, Lonntagsbeilage Rr. 9 und 10 vom 4. und II. März 1900) sogar zu dem Ergebnis, daß Luther die Worte mit großer Wahrscheinlichkeit nur in der lateinischen Form: „Deus adiuvet me!" gesprochen und sie sicher nur in der kurzen Fassung „Gott helfe mir, Amen!"' niedergeschrieben habe.
Natürlich werden dabei die Aufstellungen der Münchener evangelischen Pfarrer und der ihnen beistimmenden katholischen Laien in jener Kommission nicht hinfällig.
Ein allgemein als berufene Autorität anerkannter Fachmann, der ausgezeichnete Kirchenhistoriker Julius Köstlin (gestorben 1902 als Ordinarius der Theologie und Dber- konjistorialrat zu Palle a. 5.), äußerte sich, außer in seinen verschiedenen musterhaft sorgfältigen Luther-Biographien, über die Streitfrage in dem großen Nationalwerk, der „Allgemeinen Deutschen Biographie", Bd. 19, 5. 672, innerhalb des Artikels „Luther" wie folgt: „Tr schloß mit dem pilfe- ruf zu Gott, der am Meisten unserer geschichtlichen Ueber- lieferung sich eingeprägt hat: „Pier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!" Die Worte: „Pier stehe ich, ich kann nicht anders" sind neuerdings in Zweifel gezogen worden. Sie finden sich (mit der Wortstellung: „Ich kann nicht anders, hier steh ich" usw.) schon in zwei gleich darauf erschienenen Drucken, einem lateinischen Text der Rede und einem deutschen Referat über die Verhandlung. Sie fehlen
in der Mehrzahl der damals erschienenen gedruckten Berichte. Diese enthalten jedoch nicht Zeugnisse verschiedener Ghren- zeugen, sondern weisen auf eine Ouelle zurück. Zugrunde liegt ihnen wohl eine Aufzeichnung von Luthers eigener pand,' die Frage aber ist, ob nicht gerade er selbst seine Worte kürzer zusammengefaßt hat. In die herrschende Ueberliefe- rung sind jene Worte gekommen durch die Wormser Akten in dem zweiten Band der lateinischen Werke Luthers, welcher schon vor Luthers Tod in die Presse gekommen und kurz nach demselben durch Melanchthon herausgegeben worden ist. An der Perausgabe der Werke haben Freunde Luthers und besonders der in Worms mitanwesende, 1545 gestorbene Spa- latin fleißig mitgearbeitet,- der gleichfalls dort anwesende Freund Amsdorf lebte noch; Luthers jüngerer Freund Mathe- sius erzählt, daß er Luther selbst den Leinen die Wormser Vorgänge schildern hörte, und hat dann in seine Biographie Luthers die Worte in jener Gestalt ausgenommen, piernach hat die Kritik kein Recht, sie aus der Geschichte zu streichen". Man vergleiche auch: Karl Müller, „Luthers Lchlußworte in Worms", in: „philotesia. Paul Kleinert zum 70. Geburtstag dargebracht von 18 Gelehrten" (1907).
Ts darf, gerade aus Anlaß der jetzigen Münchener Erörterung über die Aufnahme jenes Latzes in ein bayerisches schulmäßiges Lernmittel für den Geschichtsunterricht, hier noch folgendes angeführt werden: Die sehr sorgfältige „Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit von Dr. Permann Ltöckel, kgl. Gpmnasialkonrektor in München", dem (katholischen) Vorsitzenden des Vereins der historischen Schul-Fach- leute Baperns schrieb in der letzten vom Verfasser selbst besorgten Auflage (1906) 5. 278: „und schloß mit den berühmten Worten: „Pier stehe ich . . . Amen!" (in Sperr- druck). Dasselbe ist der Fall in der 1910 nach dem Tode des Verfassers durch Ltudienrat Adalb. Lchöttl, einen ausgesprochenen katholischen, sogar ultramontan angehauchten, aber historisch gerechten Lchulmann besorgten 3. Auflage, 5. 282.
Lin pfälzischer Musikant.
Erzählung von peinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
11 .
Kerns von den vielen Ländern, die ich als Musikant durchzogen habe, hat mir so gut gefallen als polland. Bis Emmerich waren wir mit der Eisenbahn gefahren, von da an gingen wir zu Fuß. Ueberall, in Städten und Dörfern und in einsam gelegenen Gehöften, spielten wir und ernteten klingenden Lohn für unsere klingende Tätigkeit. Es wurde in polland Geld genug verdient: denn was man in Deutschland mit einer Mark bezahlt, bezahlt man dort mit einem Gulden.
Und es marschierte sich so angenehm in dem flachen Lande. Ueberall drehten sich die Windmühlen, überall ragten Pappeln und Ulmen auf, und überall durchzogen die schnurgeraden Kanäle das Land. Langsam bewegten sich auf ihnen die Lastschiffe dahin. Vas eine war mit peu, das andere mit Sand beladen, das dritte trug Kisten und Kasten. Der Schiffer hatte die Tonpfeife im Mund, sein pund lag neben ihm, blinzelte, wenn ihn die Sonnenstrahlen trafen, oder kläffte, wenn jemand am Kanalrand dem Schiffe zu nahe kam. Ungeheuere weideflächen breiteten sich aus. viel Rindvieh, vereinzelte Pferde und Schafe weideten daraus. Die ganze Landschaft atmete Ruhe und Behagen. In den


