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Hell brannte im Wohnzimmer die Hängelampe, und in ihrem Schein sah ich, daß über einer Stuhllehne Uleider hingen, die sehr bunt waren und mir deshalb auffielen. Marie nahm die Sachen auf und hielt sie gegen dar Licht. Es war ein rotes, mit allerhand Flitter verziertes Mieder und ein schwarzer, über und über mit kleinen Glasperlen besetzter Samtrock.

Gefällt dir das?" fragte Marie und sah mich lachend an.

Sch wußte nicht recht, was ich erwidern sollte und sagte nur:Willst du Theater spielen?"

Sie gab mir keine Antwort, sondern ergriff ein Tam­burin, das auf dem Uleiderschranke lag und schlug leise, damit es die Leute im Laden nicht hören sollten, mit dem Fingerknöchel darauf.

Sch wußte noch immer nicht, was das Ganze bedeuten sollte. Da legte mir Marie zutraulich die Hand auf die Schul­ter und sagte:Peter, ich habe etwas Schönes vor. Siehst du, das hier ist ein Zigeunerkostüm, das hat mir meine Mann­heimer Herrschaft geschenkt. Und nun will ich dir sagen, was wir miteinander machen wollen. Oie nächste Woche ist Fast­nacht, da gehen wir nach Mainz und amüsieren uns nach Herzenslust, Da ist die Hambacher-Greth von hier, die hat einen Mann geheiratet, der in der großen Lederfabrik zu Mainz schafft, bei der können wir übernachten. Um Sonntag morgen reisen wir ab und dann machen wir gleich drei Tage hintereinander durch bis zum Nschermittwoch. Unsere Nrbeit ist kein Frosch, die hüpft nicht davon. Gelt, Peter, das gefällt dir doch auch?"

Wie es gekommen ist, das weiß ich nicht, aber das weiß ich noch, als Marie mir diesen Vorschlag entwickelt hatte, sah ich meine Mutter ernst und still im Wohnzimmer hinter ihrem Spinnrad sitzen, und das Bild des Vaters tauchte vor mir auf, wie er abends, wenn es anfing dunkel zu werden, durch das Hoftor schritt und die Nxt auf der Schulter trug. Meine Eltern und der Mainzer Karneval, das paßte so wenig zusammen, wie ein Nuppertsecker Unecht, der seine kurze Pfeife raucht, und ein feiner Salon, wie ich ihn oft in dem französischen Seebad Trouville, wo wir gespielt hatten, durch die geöffneten Fenster gesehen hatte. Mein Vater war allemale schon ärger­lich gewesen, wenn ein kleiner Junge am Fastnachtsdienstag sich nur eine Larve vorgebunden hatte. Dp hatte er immer gesagt: Es ist eine Schande, daß die Leute so das Geld zum Fenster hinauswerfen und ihrem vub ein Fastnachtsgesicht'" kaufen.

Marie deutete mein Schweigen im anderen Sinne. Sie sagte:Gelt, Peter, du denkst darüber nach, was du für ein Maskenkostüm anziehen sollst. Ich habe schon gedacht: Du gehst als Fuhrmann, blauer Kittel, weiße Zipfelmütze, Leder­gamaschen, und in die Hand nimmst du eine lange peitsche. Das Unallen mit der peitsche hast du ja gelernt, wenn du mit euren Uühen ausgefahren bist."

Laut lachte das übermütige Mädchen. Mir war es nicht zum Lachen, ich dachte daran, daß meine Mutter mir gesagt hatte, Marie habe ihre Stellung in Mannheim aufgegeben, weil ihre Herrschaft nicht dulden wollte, daß sie sich in den Fastnachtstagcn auf der Straße umhertreibe. Nach langer Pause gab ich zur Antwort:Nein, Marie, da mache ich nicht mit, das leidet meine Mutter nicht."

Da hätte man aber einmal sehen sollen, wie Marie in Zorn geriet. Ihre Nugen blitzten, sie stampfte mit dem Fuße auf und warf ihr Zigeunerkostüm über die Stuhllehne.

Was?" sagte sie in der höchsten Erregung,du läßt dir Vorschriften von deiner Mutter machen? Gehst du Musik machen und verdienst du das Geld oder sie? Ich habe ja schon lange gewußt, daß deine Mutter gegen mich ist, die Nltpeter- Lene hat mir das auch gesagt. Nber warte, wenn ich die Rite einmal dazwischen Kriege, dann will ich ihr die Meinung sagen. Ich mache sie so schlecht, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihr nimmt. Was weiß sie davon, wie es heutzutage die jungen Leute in der Welt machen! Die kann nur schaffen und sparen, der Hunger und der Geiz bringen sie noch um."

Marie, laß meine Mutter aus dem Spiel!" wagte ich schüchtern dazwischen zu reden.

Nch, deine Mutter, die weiß nur, wie man Kühe melkt und den Hinkeln Futter gibt. Ich weiß schon lange, daß sie mich nicht leiden kann. Aber warte, sie soll mir nur einmal zwischen Licht und Dunkel begegnen!"

Noch einmal versuchte ich, Gel auf das tobende Meer zu gießen, aber mein bemühen war umsonst.

Du bist gerade wie deine Mutter!" so wurde ich ange­faucht.Du kommst auch noch um vor Geiz. Du bist überhaupt nichts als ein dummer Nuppertsecker Dauer, der am besten mit der Mistgabel umgehen kann. Mach dich weg, ich will nichts mit dir zu schaffen haben."

So wurde ich auf wenig freundliche Nrt entlassen. Ich ging schon deshalb, weil ich alles Nufsehen vermeiden wollte. Es konnten Leute in den Laden kommen, die unsere Nusein- andersetzung mitangehört hätten, und dann hätte das Dorf am nächsten Tage eine Neuigkeit mehr gehabt.

Immer länger wurden die Tage, und immer stärker wurde der vergwind, der in Feld und Wald den Boden trocknete. Nach dem schweren Winter atmeten die Menschen wieder auf und taten die Pelzkappen und die dicken Faust­handschuhe wieder in die Lade. Längere Zeit - wohl vierzehn Tage lang sah und hörte ich nichts von Marie Lippert. Es hieß, sie sei nach Nlsenz zum Besuch von verwandten. Im stillen überlegte ich, ob ich vernünftig gehandelt hätte, als ich es abschlug, mit ihr nach Mainz zum Karneval zu gehen. Was hätte daran gelegen, wenn wir uns dort einmal zu­sammen gründlich amüsiert hätten? Einem Mädchen, dessen Vater ein so schwer reicher Mann ist, darf man nicht vor den Kopf stoßen und ihr nicht, gleich den Willen der zukünftigen Schwiegermutter Vorhalten. Mit meiner Unvernunft, so dachte ich, hatte ich mir vielleicht mein zukünftiger Glück verscherzt."

Der letzte Tag vor unserm Nbmarsch nach Holland war gekommen. Der Meister hatte die ganze Kapelle noch einmal nach Nockenhausen bestellt, um wegen des Lohnes, den wir bekommen sollten, und der Dauer unserer Neise noch einiges zu besprechen. Nls wir fertig waren, wollte ich einige kleine Einkäufe für die Neise machen. Gottfried Keiper, der keine Lust hatte, auf mich zu warten, nahm seine Klarinette unter den Nrm und ging allein nach Hause.

Ich erstand mir in einem Schuhgeschäfte ein paar neue Schuhe und trat dann in einen Bäckerladen, um für meine Mutter einige mürbe Wecke zu kaufen. Gerade wollte ich bezahlen, da trat zu einer großen Ueberraschung Marie Lip­pert ein. Ich hatte sie vorher in dem Städtchen nicht gesehen, aber sie mußte irgendwo auf mich gewartet haben. Sie sagte zu mir:Warte ein bißchen, Peter, wir haben ja denselben weg."

Ich war sehr verwundert, sie so plötzlich zu sehen, noch mehr-wunderte ich mich darüber, daß sie in aller Freundlich­keit, als wäre nichts geschehen, mich anredete. So wartete ich