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Sin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Lehr viel auch redete Lippert von den Staatspapieren, die er besitze, von den bayerischen LisenbahnaKtien Und von der ungarischen Goldrente, die ihm 6 Prozent eintrage. Da­bei äuherte er stets den Gedanken, sich nicht lange mehr mit dem Abwiegen von Lchmierseife und dem verkaufe von ge­salzenen Häringen abzugeben, er habe jetzt bald 60000 Mark vermögen, dann wolle er das Geschäft seiner Tochter Marie übergeben und sich in Kirchheimbolanden, vielleicht sogar in Kreuznach, eine kleine Villa bauen.

Ich gewann immer mehr Respekt vor dem Krämer und vor seiner Tochter, und wenn ich an die Freundlichkeit der Tochter wie auch ihrer Eltern dachte, so erwachten in mir allerhand Hoffnungen für die Zukunft. Marie war die einzige Tochter,- wenn ich sie heiraten würde, so war ich mit einem Lchlage ein gemachter Mann. Da konnte ich die Trompete an den Nagel hängen und holte sie nur noch zu meinem Ver­gnügen hervor. Ich sah mich, wenn der alte Lippert einmal in seiner Villa wohnen würde, schon als Inhaber des Geschäf­tes und dachte daran, wie ich dann an diesem allerhand Ver­besserungen und Erweiterungen vornehmen würde. Uebrigens galten Marie Lippert und ich im Dorfe als Brautleute, es hieß von uns: „sie gehen miteinander" oder: „sie haben Bekanntschaft miteinander". Mir widersprachen dem auch nicht. Nur war es mir immer unbehaglich, wenn meine Mutter von meinen Beziehungen zu der Familie Lippert zu reden an­fing. Ich suchte nach Möglichkeit derartigen Nuseinander­setzungen aus dem Mege zu gehen.

Die Nltpeter-Lene hatte einen ungewöhnlich milden win- ter prophezeit. Das Gegenteil trat ein, der Winter 1879/80 war einer der kältesten des ganzen Jahrhunderts, viele Wochen lag tiefer Lchnee, so daß es im Walde nichts zu ver­dienen gab. Das wild kam aus dem Walde bis herein in das Dorf, um Futter zu suchen. Die Leute, denen die armen Rehe leid taten, warfen ihnen Dickrüben oder Gelbrüben vor, von denen man im Winter sehr viele in den Keller geschafft hatte. Das geschah aber nicht allenthalben aus reiner Barmherzig­keit mit der seufzenden Kreatur, sondern auch deshalb, weil man in den Dörfern ringsumher um den Donnersberg gern billigen Nehbraten aß. viele Bäume bekamen in diesem Win­ter infolge der großen Kälte Nisse und Sprunge.

Lin schweres Dasein hatte in der Winterkälte der Dr. Walter von Rockenhausen, der immer noch in den Dörfern hin und her fuhr, um den Kranken beizustehen, wenn er in seinem Schlitten den Berg heraufgefahren kam, so waren er und sein Kutscher bi; zur Unkenntlichkeit in Radmänteln, pelzen und Tüchern vermummt. Der alte INann war un­ermüdlich, er suchte nicht nach Bequemlichkeit und forderte nichts vom Leben für sich, hatte er seine Kranken besucht, so saß er wohl noch eine halbe Stunde in dem wirtshause, wo sein Kutscher anhielt, und sprach wie ein Vater mit den Leuten aus dem Dorfe, die alle ehrerbietig mit ihm ver­kehrten und nie ein dreistes wort zu ihm sagten.

Nm meisten dauerten mich damals die postknechte, die in dem Land, das sozusagen ohne Eisenbahn war, jeden Tag hin und her fahren mußten, sich dabei Hände und Füße erfroren, sich Rheumatismus und Gicht holten und oft im Schnee stecken blieben, so daß sie wieder herausgeschaufelt werden mußten.

Flehentliche Briefe schrieb mein Bruder Jakob aus Rietz. Dort an der Mosel wehte ein eisiger wind, und jeden vierten

Tag mußte er auf wache ziehen. Die Posten waren so dicht in Mäntel eingehüllt, daß, wenn einer von ihnen auf dem Glatteise hinfiel, er sich nicht allein aufrichten konnte, sondern von seinen Kameraden aufgehoben werden mußte. Nm meisten Mitleid hatte mit dem armen Kerl meine Mutter. Manchmal, wenn wir so abends um 9 Uhr, wenn das Glöcklein läutete, beisammen am warmen Ofen saßen, sagte sie: „Jetzt sitzen wir im warmen, und der arme Jakob steht gewiß in Tis und Schnee auf Posten". Durch Wurst-, Butter- und Geldsendun­gen suchte die Mutter unserm Vaterlandsverteidiger das Leben in dem kalten Winter erträglicher zu machen.

weil ich in diesem Winter leider nicht viel verdienen und doch auch nicht den ganzen Tag auf dem schwarzen Ledersofa bei dem Krämer Lippert sitzen konnte, so hatte ich reichlich Zeit zum Lesen, woran ich von jeher meine Freude gehabt hatte. Pfarrer Weber versorgte mich mit interessanten Büchern aller Nrt. Er gab mit „Lienhard und Gertrud" von Pestalozzi, die Erzählungen von W.D. von Horn sowie be­lehrende Bücher und erzählte mir, so oft ich zu ihm kam, von seinem Sohne Hermann, der mit mir konfirmiert worden war und seit herbst in Straßburg Theologie studierte. Leider mußte ich in diesem Winter, da der Verdienst so schlecht war, aon meinen Ersparnissen zurückerheben, da ich doch,nicht auf Kosten der Mutter und des Bruders leben konnte.

Ich las, wie gesagt, gern, aber noch lieber hielt ich mich abends in der Wohnstube der Familie Lippert auf. Kaum konnte ich abwarten, bis wir gegessen hatten und ich mit meinem Bruder die Stallarbeit besorgt hatte. Oft sah mich die Mutter, wenn ich die Mütze vom Nagel nahm und weg ging, vorwurfsvoll an, aber ich ging doch weg. wenn ich es je einmal über mich brachte, einen Nbend zu Hause zuzubrin­gen, so war ich verstimmt und verdrießlich und begab mich schon sehr früh grollend zu Bett.

Dagegen in der gewohnten Gesellschaft taute ich auf. Einmal bin ich einen ganzen Tag lang in dem Krämerhause gewesen, als dort ein Schwein geschlachtet wurde. Das Schweineschlachten im Winter wird in der Pfalz zu einem Familienfeste, das die Kinder noch höher bewerten als Weih­nachten. Ls ist ja die Zeit, in der man nichts Besonderes zu tun hat und aus diesem Grunde in aller Gemütlichkeit bei diesem nahrhaften Geschäfte zugegen sein kann. Ich half in aller Morgenfrühe schon dem Metzger beim Schlachten, Nus- nehmen und Zerlegen des Schweines, stand nachmittags neben Marie am großen Kessel in der Küche, in dem die Fleisch- stllcke gekocht wurden, die zu Wurst verarbeitet werden sollten. Dann stand ich am Hackklotz und hackte die Leber klein, bis der Metzger erschien, der die Wurst in die Därme einfllllte, indem er dabei beständig dem Schoppenglase zu­sprach. Der Glanzpunkt des Tages war die Nbendmahlzeit, die „Metzelsuppe". Nlle Sorten der neugemachten Wurst wur­den in Proben auf den Tisch gebracht und mit Sauerkraut verzehrt. Der Metzger erzählte von seinen Erlebnissen beim Einkauf von Schlachtvieh und beim Ferkelhandel. Die alten Männer erzählten von vergangenen Zeiten, ich saß neben Marie und verbreitete, wie die anderen Mannsleute, mächtige Tabakswolken um mich her.

Nur einiges ärgerte mich an diesem Nbend: Gottfried Keiper war auch zur Metzelsuppe erschienen und saß auf der anderen Seite der Tochter des Hauses. Diese widmete sich ihm genau so viel wie mir selbst, sie lachte über seine Witze, hörte seine Lügen an, ließ sich von ihm anscheinend weis machen, daß er Nussicht habe, im nächsten Winter bei dem (Orchester des Stadttheaters zu Halle an der Saale angestellt