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Erweckung, die Versammlung und der Kirchenmusikverein zu Klein-Linden" in dem Verlage der Stadtmission zu Cickel- lvanne erschienen ist. Viese Schrift enthält so viel Interessante; und Lehrreiches, daß wir uns nicht versagen können, einiges daraus hier mitzuteilen.

Die ersten Anregungen, die schließlich in Klein-Linden zur Gründung eines Posaunenchors geführt haben, fallen in das Jahr 1848. Damals wirkte in Großen-Linden und in Klein- Linden der Pfarrvikar fjenrict, der feinen Gemeindegliedern ein biblisches Christentum predigte, nachdem lange Jahr­zehnte hindurch in Hessen der vernunftglaube, der sogenannte Kationalismus, geherrscht hatte. In Klein-Linden wurden die Gewissen aufgerüttelt, es kam zu einer förmlichen Er­weckung, und um henrici, später um Pfarrvikar Schaffnit, sammelte sich ein Kreis religiös angeregter Menschen. Sic hatten im Dorfe zunächst einen schweren Stand, man nannte sie die „Mucker" und suchte auf alle mögliche Krt ihre Ver­sammlungen zu stören. Man warf ihnen sogar, wenn sie zu­sammen waren, die Fenster ein, machte ihren Führern Katzen­musik und beschimpfte sie in roher Weise. Über die Versamm­lungsleute halfen sich selbst, wenn es zu arg wurde. Einmal griff der „Lipsepetter" zu und Helte einen ungezogenen, von auswärts stammenden Bergmann herein in die Stube, wo ihm unter harten Fäusten die Knöpfe seiner Bergmannsuniform absprangen. Ein kleiner Knabe, der jetzt ein im kirchlichen und bürgerlichen Leben der Stadt Gießen angesehener Mann und mehrfacher Großvater ist, sammelte sich diese Knöpfe zu dem beliebten „Knöpfchesspiel". Die Lauterkeit und Auf­richtigkeit der versammlungsleute brachten es mit sich, daß einige von ihren Feinden anderen Sinnes wurden.

Allmählich kamen für diese Versammlung ruhigere Zeiten. Männer wie Professor Zöckler und Pfarrer Landmann in Gießen halfen mit ihrem Kate, namentlich da, als die Gefahr drohte, daß die Versammlung zu den separierten Lutheranern überging. Leider sind im Laufe der Zeit doch einige von ihnen zu denjenigen Lutheranern, die sich Missouri- spnode nennen — bekanntlich sind die separierten Lutheraner vielfach gespalten — verloren gegangen, henrici wurde sogar katholisch. Freunde dieses Kreises von frommen Menschen sind außerdem noch gewesen Wilhelm Baur, Pfarrer zu Et­tingshausen, später Generalsuperintendent in Toblenz, hof- prediger Bender in Darmstadt, Pfarrer Münch in Bad-Kau- heim und Pfarrer Bichmann in Lich.

Die Leiter der Versammlung waren in der Kegel keine Pfarrer. Kn ihrer Spitze stand zunächst Knton Weigel aus Klein-Linden, der später in Elberfeld Kolporteur der Evangeli­schen Gesellschaft für Deutschland gewesen ist. Kls er jedoch nicht mehr gedruckte predigten verlesen, sondern selbst pre­digen wollte, kehrten sich seine bisherigen Freunde von ihm ab. Kuch sonst war Weigel damals noch mitten in seiner Ent­wicklung begriffen. Tr besuchte die Kranken in der Gießener Klinik. Die wurden von ihm sofort sehr hart angefaßt, indem er sie nach ihrem geistlichen Leben fragte. Gaben sie nicht gleich eine befriedigende Kntwort, so bekamen sie harte Worte zu hören. Mit Kecht bemerkt der Verfasser der Denkschrift hierzu: „Gewiß waren seine Fragen solche, die an keinem Krankenbette und bei keinem Menschen fehlen sollen. Kber man muß einem kranken, müden Menschen auch nicht immer die Sporen einsetzen. Wenn Jesus zu den Kranken kam, wur­den sie froh."

Kuf der anderen Seite ist Weigel doch ein unerschrockener und demütiger Mann gewesen. Cs geschah einmal, daß ihn, als er auf dem Westerwalde arbeitete, eine vornehme Dame in

ihrem Wagen fahren ließ. Darüber hat er selbst erzählt: „Ich dachte unterwegs schon: Nun, du hast es aber recht weit ge­bracht, daß dich eine Herrschaft sogar fahren läßt. Wie ich aber aussteige, da schrie es von allen Seiten „„Uff en, uff- en,"" und do hun sie mich mit Dreck geworfe, und das war mer gesund." Jedenfalls zeugt diese Mitteilung von der Demut des Mannes.

Eine hervorragende Kolle in der Klein-Lindener Gemein­schaft spielte Johann Philipp Jung, geb. 1825, gest. 1887. Sein Werk hauptsächlich ist die Begründung des posaunen- chors-und des Kreuzervereins. Der letztgenannte Verein machte es sich zur Kufgabe, Beiträge für die Mission zu sammeln. Jung war ein Mann, der eine reichgesegnete Wirksamkeit entfaltete. Er war Vorarbeiter in der Tisenbahnwerkstätte zu Gießen. In seinen Freistunden baute er (Orgeln, begründete und unterhielt er eine christliche Volksbibliothek, sammelte er die schulentlassene männliche Jugend und erteilte ihr Kechen- und Schreibunterricht, außerdem leitete er den Posaunenchor.

Die eigentliche Begründung dieses Chors fällt in das Jahr 1854. Die Knregung hierzu hatte der „Wetzlarer Wil­helm" gegeben, so nannte man den am Wetzlarer Kranken­hause tätigen Diakon Wilhelm Küter, der selbst wieder die Posaunenmusik bei dem Pfarrer volkening zu Jöllenbeck in Westfalen kennen gelernt hatte. Im Knfang gab es allerhand Schwierigkeiten, es wurden auch falsche. Töne geblasen, aber Weihnachten 1854 konnte der Thor zum erstenmal zu Kinzen­bach in einem Gottesdienste, den Pfarrer Imhäußer von Krof­dorf abhielt, mit drei Thoralmelodien auftreten. Im Laufe der Zeit wurden die Leistungen immer besser, und der Thor wirkte viel bei Missionsfesten mit. Cs fehlte bei den Fahrten und Märschen zu diesen Festen nicht an heiteren Begebenheiten. Einmal wurde die Sache recht bedenklich, als „Germers Franz", ein alter, eigensinniger Gaul, den mit Posaunen­bläsern besetzten Wagen eine Böschung hatte Hinuntergleiten lassen, wobei ein junges Mädchen, das mitfuhr, das Schlüssel­bein brach.

Bemerkenswert ist, daß die Posaunenchorsache von Klein- Linden aus in Hessen Einzug hielt, heute gibt es allerwärts in Deutschland derartige Vereine. Bekannt ist der Pastor Kuhlo in Bethel bei Bielefeld, der stets mit der Posaune unter dem Krme erscheint und den Titel führt „der Posaunengeneral".

Wenn wir im obigen aus der Schrift des Pfarrers Lenz mancherlei mitgeteilt haben, so wollten wir in unseren Lesern nur die Lust erwecken, noch mehr aus der Geschichte des Klein- Lindener posaunenchors zu erfahren und sich zu diesem Zwecke die Schrift zu kaufen. Sie ist es wert: denn sie schöpft aus bester Quelle. Der Verfasser hat zumeist Familientraditionen benützt, sein Großvater, sein Vater und andere aus seiner Ver­wandtschaft haben in dem Thor mitgeblasen. Seine Denk­schrift ist, wie wir aus einigen Proben mitgeteilt haben, von einem gesunden Humor erfüllt. Sie bekundet auch ein ge­sundes und freimütiges Urteil. Der Verfasser weist mit Kecht darauf hin, daß es eine Verirrung war, wenn einzelne Glieder der Klein-Lindener Gemeinschaft der evangelischen Landes­kirche untreu wurden, und betont, daß einer Gemeinschaft reicher Segen daraus erwächst, wenn sie sich eng an die Kirche anschlietzt.

Somit möchten wir der Schrift des Pfarrers Lenz eine möglichst große Verbreitung wünschen. Sie kostet nur 50pfg. von Gießener Buchhandlungen ist es vorläufig die Buchhand­lung der Pilgermission im Keuenweg, die die Schrift auf Lager hat. h. Bau