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Birnemoein keltern und drosch eifrig Korn in unserer Scheuer; denn der Nathan Silberschmidt lief schon seit Wochen durch das Dorf und kaufte Frucht für einen Mannheimer Groß­händler auf. Der verkauf unserer Frucht bildete den haupt­erlös für mich und die Meinen.

Bbends ging ich immer an das Haus des Krämers Lippert. Vas Hoftor war nur angelehnt, und immer, wenn ich kam, stand Marie schon da und wartete auf mich. Wir standen vor dem Tore auf der Straße, bis es neun Uhr läutete, redeten von allem Möglichen und tauschten mit den vorüber­gehenden kurze Beden aus. Marie wußte immer Neuigkeiten aus dem vorfleben, und immer war sie heiteren Sinnes, so daß es mich jeden Übend an das Tor zog wie mit starken Seilen. Gern stand ich am Morgen eine Stunde früher auf, nur um mit meiner Brbeit fertig zu werden, und abends rechtzeitig zu unserem Stelldichein zu kommen.

Gefters gingen wir Sonntags gemeinsam über Land. Marie Lippert war jetzt noch viel tanzlustiger als damals in unserer Konfirmandenzeit, da sie mir den Polka-Mazurka auf der Straße vorgetanzt hatte. Sie wußte es ganz genau, wenn irgendwo in der Nachbarschaft Geige und Klarinette klangen und Kirchweihe oder Nachkirchweihe gehalten wurden. Früher hatte ich an dergleichen Vergnügungen, namentlich wenn sie an Drten stattfanden, wo ich nicht be­kannt war, wenig Gefallen gefunden, jetzt war es anders. Sch war gern dabei, wenn Marie vorschlug: übermorgen gehen wir nach Dannenfels oder nach St. Blban, dort ist Tanz­musik. vor dem Dorfe wartete ich dann auf sie, und gemein­sam zogen wir aus zum Vergnügen.

Leider muß ich sagen, daß ich in dieser Zeit meine Mutter oft getäuscht und belogen habe. Sie hatte erfahren, daß ich jeden Bbend bei Marie am Tore stand und auch Sonntags mit ihr ausging. Da hatte sie mich vor dem Mädchen gewarnt, indem sie sagte, Marie sei leichtsinnig und flatterhaft. Nn keiner Stelle habe sie lange ausgehalten; wenn die Herr­schaft ihr nicht den Hausschlüssel gegeben habe, daß sie be­liebig zu jeder Stunde des Nachts nach Hause kommen konnte, habe sie sofort gekündigt. Sn Mannheim sei sie nicht lange geblieben, weil ihre Herrschaft nicht habe dulden wollen, daß sie sich an den Fastnachtstagen maskiert auf den Straßen umhertriebe. Sch schämte mich damals nicht, es der Mutter gegenüber abzuleugnen, daß ich trotz ihrer Vorhaltungen jeden Bbend mit dem Mädchen zusammentraf.

So lange ich im Zimmer bei meiner Mutter saß und sie mich durch die Brille, die sie seit einigen Sahren trug, ernst und gütig ansah, schien mir das alles, was sie mir von Marie Lippert sagte, richtig zu sein, sobald aber die Bugen der Mutter nicht mehr auf mir ruhten, dachte ich nicht mehr an ihre Warnungen. Und Übend für Bbend ging ich an dar Tor, wo Marie auf mich wartete. Wenn ich mich dort aus irgend einem Grunde einmal abends nicht eingestellt hatte, so ließ mich das Mädchen am nächsten Tage fragen, warum ich nicht gekommen sei. Sie machte das so, daß sie mir durch Kinder auf den Ucker, wo ich arbeitete, Briefchen schickte. Manch­mal schrieb sie auf kleine Briefbogen, die allerhand bildliche Verzierungen: Tauben, die sich küßten, oder Schwalben oder Blumen aufwiesen, manchmal auch kritzelte Marie ihre Mit­teilungen in unorthographischer Schrift auf einen Fetzen Pa­pier, den sie im Laden ihres Vaters von einer Düte ab­gerissen hatte.

Bllmählich erreichten unsere Zusammenkünfte am Hoftore ihr Tnde: denn herbstlich rauh wehte der Sturm durch das Land, trieb die Blätter von den Bäumen und fegte durch die

vorfgassen. Tr kamen Begentage, da der Himmel in ein ein­ziges Grau gehüllt war und große Pfützen vor den Häusern standen.

von der Straße waren wir vertrieben, nun gingen wir abends in die große Wohnstube des Krämers, die unmittelbar binter dem Laden lag. Die Eltern meiner früheren Schul­freundin sahen mich anscheinend gern kommen; denn die Mutter selbst hatte mich eines Bbends, als der Begen in Strömen floß, hereingerufen. Sch kann nicht anders sagen, als daß es mir dort besser gefiel als zu Hause. Bei meiner Mutter war alles beim Blten geblieben, so wie ich es von meiner frühesten Kindheit an gewöhnt war. Da stand der Tichentisch, dahinter die Lehnenbank, in einer Ecke die Wand­uhr, die schon dem Großvater die Stunden angezeigt hatte, in einer anderen Ecke der große Gfen, auf dem im Winter auch gekocht wurde, neben ihm der Milchschrank, dar ist näm­lich das Gestell, auf dem die Mutter die mit Milch gefüllten Töpfe in Beih und Glied stehen hatte. Eine kleine Lampe verbreitete eine dürftige Helle. Fritz war meist abends von der Feldarbeit so müde, daß er frühzeitig zu Bett ging, die Mutter saß im Zimmer und ließ ihr Spinnrad eifrig schnurren, daß eine rechte Unterhaltung nicht aufkommen konnte. Das er­schien mir recht damals langweilig. Wie wollte ich jetzt Gott danken, wenn ich noch einmal mit der längst entschlafenen Mutter in unserem Wohnzimmer abends zusammensitzen und mir von ihr die rechten Wege weisen lassen könnte.

Sn jener Zeit aber schien es mir in der großen Wohnstube der Familie Lippert viel pläsierlicher zu sein. Diese Familie konnte sich beinahe zu den „Staatsleuten" rechnen. So be­nennt der Pfälzer alle die Leute, die in ihrer Stellung und in ihrer Lebensart sich mehr den Wohlhabenden unter den Stadt­bewohnern nähern. Bei dem Krämer lag eine rotgeblümte Decke über dem Tische, den eine Hängelampe beleuchtete. Einen Milchschrank gab es dort nicht, wohl aber ein mit Leder bezogenes Sofa, auf dem man bequemer saß als auf unserer harten Bank. Bn den Wänden hingen allerhand Bil­der, unter einem stand „Die Schlacht bei Bunkershill". Es war ein etwas stockfleckiges Bild aus dem amerikanischen Sezessionskriege. Unter einem anderen Bilde stand „Napo­leons Bbschied von seinen Garden im Schloßhofe von Fon­tainebleau". Ein drittes Bild stellte den Stufengang des mensch­lichen Lebens dar, immer in Bbständen von zehn zu zehn Jahren. Links unten stand das Kind, dann ging es auf Treppenaufsätzen hinauf bis zum 50. Lebensjahre, um dann bis dahin zu sinken, wo rechts unten der Greis müde, auf seinen Stock gestützt, dahinschlich. Darunter standen die be- kanntlichen Worte: „Zehn Jahr ein Kind, zwanzig Jahr ein Jüngling, dreißig Jahr ein Mann, vierzig Jahr wohlgetan, fünfzig Jahr geht auch noch an, sechzig Jahr fängts Blter an, siebzig Jahr ein Greis, achtzig Jahr schneeweiß, neunzig Jahr Dnad' bei Gott, hundert Jahr ein Kinderspott".

Wenn abends bei Lippert das Feuer im Dfen knisterte und die Hängelampe brannte, so fanden sich außer mir manch­mal noch andere Besucher ein, und es gab eine lebhafte Unterhaltung. Sehr häufig erschien die Bltpeter-Lene und erzählte ihre Gespenstergeschichten. Ich weiß noch genau, daß sie Mitte November 1870 einen ungewöhnlich milden Winter prophezeite. Bn Weihnachten, so sagte sie, würden die Frauen und Mädchen mit Sonnenschirmen ausgehen, und im Februar würden die Bäume blühen. Daß das so werden würde, wollte die Lene an Vögeln, die über den Schloßberg geflogen seien und seltsame Töne von sich gegeben hätten, wahrgenommen haben. Buch Gottfried Keiper setzte sich auf das Sofa, rauchte