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die unter dem Grünberger Viehbestand ausbrach. Etwa hundert Stück Vieh sind gestorben, vie Rbsperrmaßregeln, die man traf, waren primitiv genug. Sie bestanden darin, daß man beim Siechhaus einen Notstall errichtete und dort die erkrankten Tiere unterbrachte. Vie Seuche erlosch erst, als die Kriegsunruhen ein Ende genommen hatten. Rber erst im November zogen die letzten Nüssen ab. Damit gab es für eine Zeitlang Frieden.

Sn dieser Zeit spielte ein interessanter Rechtsstreit. Be­kanntlich wurde nach Leipzig die hessische Landwehr nach er­probtem preußischen Muster errichtet. Zu der sollten nun auch die wohlweisen Natsoerwandten und Vierer der Stadt heran­gezogen werden. Nber die Herren sträubten sich nach allen Kräften gegen eine solche Zumutung. Sie hielten es für unter ihrer stadträtlichen Würde, den Tornister auf den Buckel und das Gewehr auf die Schulter zu nehmen, ver Streit wurde gegenstandslos dadurch, daß der Friede geschlossen wurde und die Stadtväter nun nicht mehr nötig waren gegen den äußeren Feind.

Tins noch will ich hervorheben: Sm Rnschluß an die beiden Schreckensjahre 1806 07 sagte ich, daß die Franzosen unmittelbar verderblich auf die Sittlichkeit eingewirkt hätten. Zum Ruhme der Freiheitskämpfer sei es gesagt: vie alten Bücher berichten uns von keinem einzigen ähnlichen Fall, den die Truppen Blüchers oder Wittgensteins sich hätten zuschulden kommen lassen. Vas beweist doch, daß eine gediegene Moral unter ihnen herrschte, die getragen war von der heiligen Be­geisterung für die große Sache, der sie dienten.

Und nun kommen wir zu allerletzt an die Folgen der hundert Tage von 1815, die sich bei uns in Grünberg geltend gemacht haben.

Während die Diplomaten auf dem Wiener Kongreß die Erfolge der tapferen Freiheitskämpfer zunichte machten, hatte Napoleon in Frankreich wieder die Herrschaft an sich gerissen. Und nun ging es zum letzten Waffengang mit dem kriegsge­waltigen Genius. Sn fliegenden Märschen ging es dem Kriegs­schauplatz im nördlichen Frankreich zu. Schon am 25. Rpril zog eine Rbteilung preußischer Reiter durch Grünberg. Sie rasteten nicht, sondern machten auf dem Markt halt, während ihnen der Metzger Martin Zöckler eilends 30 Pfund Wurst besorgen mußte. Cs mußte auf städtische Kosten eine Karte von Frankreich angeschafft werden, damit die durchziehenden Truppen sich orientieren konnten. Sm Rathaus wurde sie auf­gehängt. Ruch das Großherzogtum Hessen rüstete eilig. Die Stadt mußte zur Equipierung des 2. Landwehrregiments 230 fl. zahlen.

Sm Rugust kehrten die Truppen wieder zurück. Der große Kriegskaiser war endgültig niedergeworfen. Da kamen wieder Truppendurchzüge durch Grünberg. Sächsische Gffi- ziere wohnten im „Hirsch". Sm „Wilden Mann" nahm für kurze Zeit der preußische Kronprinz, also der nachmalige König Friedrich Wilhelm I V. Guartier. Tr führte eine außer­ordentlich feine Küche, ließ sich aber seine Rechnung nicht von der Stadt bezahlen. Die war auch wirklich schwer genug be­lastet. Tine ungeheure Kriegsschuld lag auf ihr und immer noch mußten Kontributionen bezahlt werden. Da es nicht mit der erwünschten Schnelligkeit ging, wurden Soldaten zur Exekution, wie es heißt, hergeschickt, die solange auf städtische Unkosten hier blieben, bis die Ruflage bezahlt war.

Mit diesem unerfreulichen Vorkommnis wollen wir unsere Bilder aus Grllnbergs Vergangenheit schließen.

Zum Schlüsse sei noch die Frage erhoben: Worin haben wir denn nun die Folgen der Ereignisse von 1806—1815, die

wir zu überblicken suchten, zu sehen. Zunächst in einer weit­gehenden Verarmung nicht nur der Stadt selber, sondern auch der einzelnen Bürger. Wir zahlen z. T. heute noch an jenen Kriegsschulden. Ungeheure Gpfer hatten gebracht werden müssen an Gut und an Blut. Ts ist sicherlich nicht zu hoch ge­griffen, wenn wir sagen, daß in allen napoleonischen Kriegen seit 1796 ungefähr 40 junge Grünberger BUrgerssöhne um das Leben gekommen sind. Rber viel schlimmer als diese Gpfer war die Tatsache, daß in diesen kriegerischen Zeiten, wo alles drunter und drüber ging, die Bevölkerung nach und nach verrohte. Vie Jahre nach den Befreiungskriegen zeigen einen erschreckenden Tiefstand der Grünberger Sittlichkeit.

Rber um so größer war der Gewinn dieser Zeit: die Frei­heit war ja wiedergewonnen! Sm Volk war der Grund gelegt zu festem Glauben und zu geläuterter Vaterlandsliebe. Ruf diesem Grunde haben spätere Zeiten weitergebaut, auf ihm fußen auch wir.

Ein pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

Sn Enkenbach mußten wir umsteigen, dann rollte der Zug, während der Vonnersberg mit seiner nach Süden ge­legenen Seite vor uns aufstieg, weiter auf Rockenhausen zu. Ls war ein schöner, sonniger Herbsttag. Ruf den Feldern waren die Leute mit Kartoffelausmachen und mit Gbst- pflücken beschäftigt. Wagen, die mit Kühen bespannt waren, bewegten sich langsam auf den Feldwegen dahin, und Kinder begrüßten den dahineilenden Zug mit ihrem Lärm.

Wir gingen miteinander durch das Städtchen und dann hinauf nach der höhe, auf der Ruppertsecken liegt. Sch trug das Paket, das lNarie mit von Kaiserslautern gebracht hatte, und diese redete ohne Rufhören. Sie erzählte mir Vorfneuig- keiten, die sie vor einigen Wochen bei einem Besuche in un­serer Heimat erfahren hatte, und berichtete mir von dem, das sie in ihren Dienststellen erlebt hatte. Bei ihrem munteren Geplauder schwand meine verdrießliche Stimmung immer mehr dahin. Langsam gingen wir den Berg hinauf. INarie Lippert erinnerte mich an so manches Vorkommnis aus unserer gemeinsamen Schul- und Konfirmandenzeit. Rls ich davon sprach, wie sie mir, als wir noch zum „kleinen Herrn Lehrer" gingen, das Gesicht mit gelber Farbe angestrichen hatte, konnte sie sich vor Lachen fast nicht helfen. Sie sagte: „Weißt du, Peter, das vergesse ich nie, aber das Schönste an der ganzen Sache war doch das dumme Gesicht, das du gemacht hast, wie ich dir mit dem Pinsel Uber die Backe fuhr."

Die Erwähnung gerade dieses Umstandes war für mich nun nicht sehr schmeichelhaft, aber ich ließ mich doch von der Lustigkeit der Marie anstecken, und in heiterster Stimmung kamen wir in das Dorf.

Sch begleitete Marie bis an die Treppe ihres Vater­hauses. Dort bedankte sie sich dafür, daß ich ihr das Paket getragen hatte, und sagte dann: „Rber, gelt, Peter, du kommst jetzt jeden Rbend ein bißchen in unser Haus, damit wir uns über unsere Schulzeit unterhalten."

Das versprach ich ihr und ging nach Hause, um Mutter und Bruder zu begrüßen.

Ls kam ein schöner und milder Spätherbst. Sn aller Ruhe konnten die Leute ihre Feldfrüchte nach Hause bringen. Sch half meinem Bruder fleißig bei dieser Rrbeit. Mit unseren Kühen fuhr ich Rüben und Kartoffeln nach Hause, half