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um zu Hause bei der Mutier zu bleiben. Auf den Bruder Jakob war leider wenig verlaß. In dem halben Jahr, da Fritz beim Militär war, war er zu Hause bei der Mutter geblieben, aber sie hatte wenig Freude an ihm. Lr schlief morgens zu lange und hatte zu große Freude am Kartenspiel. Als er ausgelernt hatte, war er zuerst zwei Jahre in der Fremde gewesen, dann war er nach Mainz gekommen und hatte vorübergehend in einer großen Maschinenfabrik Arbeit gefunden, bis er nach Metz zum 8. bayerischen Infanterie- Regiment hatte einrücken müssen. Oie Schwester Annemarie hatte einen Steinhauer zu Alsenz geheiratet und konnte, da das Häuflein ihrer Kinder rasch anwuchs, der Mutter nicht mehr helfen.
Im Jahre 1876 war ich mit meiner Kapelle in England gewesen. In allen großen Städten, in London, Birmingham, Manchester und Liverpool spielten wir und verdienten viel Geld, da die deutschen Kapellen in England beliebt waren. Beinahe wären wir von dieser Reise nicht mehr zurückgekommen,' denn auf der Rückfahrt — es war schon November - hatten wir entsetzlich unter einem heftigen Sturm zu leiden. Niemals habe ich so den Wind pfeifen und brausen hören wie damals, als wir nicht mehr weit von der holländischen Küste entfernt waren, viele Fischerboote haben damals im Kanal den Untergang gefunden, wir kamen nach viel Not und Angst noch glücklich in den Hafen von Hoek van Holland.
Im Jahre darauf blieben wir im lieben deutschen vaterlande und kamen bis nach Königsberg in Ostpreußen. Ich kann jedoch nicht sagen, daß es mir im Osten Deutschlands gefallen hätte, viel Land und spärliche Kiefernwaldungen sahen wir auf unseren Wegen, endlos dehnte sich der Horizont aus, wenn wir durch die dünn bevölkerte Gegend dahinzogen. Wie sehnte ich mich damals nach dem Lande zurück, das sich an der Nahe und am Donnersberge ausbreitet.
Das Jahr 1878 führte uns nach der Schweiz. Wir waren den Rhein hinauf bis nach Basel marschiert und zogen dann nach Bern und immer weiter hinein in die himmelhochragenden Berge. Diese Gegend gefiel mir weit besser als die Provinzen Ost- und Westpreußen. Die grünen Matten und das Geläute her Kuhglocken, die milchweißen Bäche, die von den Bergen herunter in das Tal strömten, oft auch von senkrechten Felswänden herunter stürzten und die mit ewigem Schnee bedeckten Bergesgipfel, das alles nahm mich ganz gefangen. Auch ist das schweizerische Landvolk freundlich und zutraulich, oft reichten uns die Leute im Kanton Bern Milch oder Obstwein, und zum Dank spielten wir ihnen dann vor ihren Häusern oder in den großen Bauernhöfen auf. Wenn die Fremden, die die Schweiz bereisten, abends vor den Hotels saßen, so nahmen wir unsere ganze Kunst zusammen und suchten Beifall und klingenden Lohn zu erringen, von Bern ging unser Weg hinüber nach der französischen Schweiz. Als ich am Genfer See im August schon reife Trauben sah, fühlte ich mich in die Gegend bei Kreuznach versetzt. Als wir in Lausanne spielten, traf die Nachricht ein, daß ein verruchter Geselle in Berlin auf Kaiser Wilhelm geschossen und ihn schwer verletzt hatte, nachdem kurz zuvor ein Attentatsversuch auf den greisen Fürsten fehlgeschlagen war. Wir Musikanten schämten uns damals, in dem fremden Lande zu sagen, daß wir Deutsche seien, weil ein Angehöriger unserer Nation diese schändliche Tat vollbracht hatte. Ueber Zürich, Schaff- hausen und durch den Schwarzwald zogen wir nach Hause.
Unser Meister war ein kluger Mann und hatte unsere Reise immer so eingerichtet, daß wir großen Verdienst hatten. Nur im Jahre 1879 hat er nicht das Rechte getroffen, er
ging nämlich mit uns nach Frankreich, vor dem Jahre 1870 hatten dort die pfälzischen Musikanten glänzende Geschäfte gemacht, aber nach dem Kriege sah die Bache anders aus. Man haßte die Deutschen und gab das auch den deutschen Musikanten unzweideutig zu verstehen. Trotzdem meinte der Meister, daß wir es wagen könnten, das Land jenseits der Vogesen zu bereisen, da nun schon neun Jahre seit dem großen Kampfe dahingegangen seien. Wir marschierten über Metz nach Nancy, wendeten uns dann nordwestwärts über Thalons für Marne und Reims nach Amiens. Dort hatten wir den ersten Zusammenstoß mit der Bevölkerung. Wir spielten auf dem freien Platze, auf dem sich neben der großen Kathedrale das Denkmal Peters von Amiens erhebt, als ein halbwüchsiger Mensch uns „prussiens" zurief. Wir achteten zuerst nicht diesen Zuruf, bemerkten dann aber, daß die Leute, die sich da zusammenrotteten, immer mehr Zorn und Erbitterung auf ihren Mienen zur Schau trugen. Als jedoch einer von ihnen in unsere Gruppe hinein einen faulen Apfel warf, der dem Sebastian Wolf direkt in die Tuba flog, daß er nicht mehr weiter spielen konnte, hielten wir es für geraten, das Feld zu räumen. Die aufgeregten Franzosen folgten uns nach. Wir eilten so rasch, wie wir konnten, kreuz und quer durch mehrere Straßen und fanden uns endlich an dem Ufer der Somme, die an der Stabt vorbeifließt und eine große Anzahl von Gärten und Gemüsebeeten bewässert, zusammen. Bis hierher waren unsere Verfolger nicht gekommen, wir schlichen durch die Gärten und kamen an den Platz vor dem Bahnhofe. Unbemerkt gelangten wir auf dem schräg in die Tiefe gleitenden Wege zu dem tiefliegenden Bahnhofe und fuhren nach einer der nächsten Stationen der nach Norden führenden Bahn, viele Wochen hielten wir uns an der Meeresküste auf und spielten in den verschiedenen Seebädern. Dort ließ man uns unbehelligt.
von dem Seebad Dieppe ging unsere Wanderung nach Rouen, einer Stadt, die recht winklig und verräuchert aussieht. Eine schöne Wanderung führte uns die Seine entlang nach Paris. Auf diesem Wege spielten wir auf manchem vornehmen Landsitze vor vorurteilsfreien Leuten, die nach unserer Nationalität nicht fragten. Aber in Paris konnten wir uns nicht lange halten. Auf dem Boulevard des Italiens störte der Pöbel unsere Musik, und auf dem Montmartre sahen wir so viel geballte Fäuste, daß es uns angst und bange wurde und wir uns schnell in unser Ouartier zurückzogen. Ebenso war es in Orleans und Umgebung. Dort war, weil die Bewohner dieser Gegend vor neun Jahren unter der Kriegsnot viel hatten leiden müssen, der Deutschenhaß besonders groß. In Briare drangen Winzer mit geschwungenen Weinbergspfählen auf uns ein. Gottfried Keiper bekam einen Hieb über den Kopf, daß er blutete, und dem Jakob Straßer wurde sein Baßhorn so zugerichtet, daß er von da an bis zu unserer Heimkehr inaktives Mitglied unserer Kapelle war. Zu unserem Glück wurden wir von zwei Gendarmen aus unserer gefährlichen Lage befreit.
Diese Erfahrungen nötigten uns, die Heimkehr früher anzutreten, als wir dies ursprünglich vorgehabt hatten. Es war Mitte Oktober, als wir nach Metz kamen. Da ich meinen Bruder Jakob, der jetzt im zweiten Jahre diente, besuchen und einen Tag bei ihm bleiben wollte, so legten meine Musikantenkollegen den Rest der Reise ohne mich zurück.
Am nächsten Tage reiste ich allein über Neunkirchen und Kaiserslautern nach meiner Heimat. Ich war in recht verdrießlicher Stimmung, weil ich mir sagte, daß ich in diesem Jahre


