Ausgabe 
5.7.1914
 
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hessischen Vorfahren nicht verübeln können, daß sie nicht den Volkssturm zur Freiheit im Frühjahr 1813 mitmachten. Die Einzelheiten habe ich damals schon ausgeführt. Nur ein Mo­ment hebe ich noch besonders hervor: unseren Vorfahren wurde gar keine Zeit zur Besinnung gelassen. Noch lagen im März Flüchtlinge aus Nußland in der Krone bei Johannes Hof­mann und ließen sich gesund pflegen, als auch schon von der hohen Straße und von Gießen her neue Franzosenkrieger heranrückten, hätte Napoleon etwa bis Mai gezögert, dann hätte auch bei uns alles in Hellen Flammen der Begeisterung gestanden, varum eilte der Kaiser, er fürchtete den deutschen Idealismus. Ts scheint so, als habe er über das ganze Land hin Besatzungen verteilen lassen, deren Glieder nicht zum Nheinbund gehörten, um in den Westdeutschen eine ähnliche Erhebung zu verhindern, wie sie in gewaltigem Sturmes- wehen über den Osten dahingebraust waren. In der Tasche konnten sie ja die Faust ballen. So lagen in Grünberg seit Npril etwa polnische Beiter vom 4. Begiment Lanciers. Und nun wiederholt sich dasselbe Bild wie anno 1806 und 1812, allerdings diesmal in noch viel größerem Umfang. Truppen­durchzüge ohne Ende, Kontributionen und Kriegskosten in unerschwinglichen Summen, Kriegsfahrten ohne Ende, Fou- rogelieferungen, bis der letzte Halm Heu und Stroh abge­liefert, das letzte Scheit Holz ins Magazin gewandert ist. wieder dienen die Schien und die Kirche als packräume. Rlle Seile, die in der Stadt zu haben sind, werden als Zugstränge requiriert, selbst die Glockenseile werden nicht verschont. Der Seilcrmeister Jonas Nebhut weiß sich vor Rrbeit nicht mehr zu helfen. Dazu die angenehme Beigabe der polnischen Beiter, . die der Stadt gewaltige Zechen antrinken und Unfug aller Brt verüben. Über auch das Militärische vergessen sie nicht ganz. Täglich exerzieren sie aus der paulswiese, so daß die Be­sitzerin, Johannes Zöcklers Witwe, jammernd zum Ober­bürgermeister gelaufen kommt und über ihr schönes zertre­tenes heugras klagt. Über auch der Stadtgewaltige kann ihr nicht helfen,' denn er ist gegen die Lancier; völlig wehrlos, er kann ihr bloß Schadenersatz versprechen. Heu haben die Grllnberger in jenem Jahr auch gemacht,' aber nicht für ihre Pferde und ihr Vieh, das wanderte alles in die französi­schen Magazine, und die Vergütung dafür war gar gering. Gute Tage hatten allein die Lehrer und die Schulkinder. Blle Schulräume wurden zu Kriegszwecken benutzt und für die Buben gab es bei dem bunten militärischen Treiben alle Tage Neues und Interessantes zu sehen. Ts haben sich im volks- mund bis auf den heutigen Tag mancherlei Rnekdoten er­halten, die ich als Nicht-Grünberger natürlich längst nicht alle kenne. Nur einige seien hier wiedergegeben.

Im wirtshause von Johannes Feldmann sind heute noch an einer Säule Scharten sichtbar, die von Säbelhieben her- rllhrten, durch die Soldaten die Schärfe ihrer Schwerter er­proben wollten. Tin polnischer Offizier ließ bei seinen Ouar- tierleuten als Bndenken eine Vorstecknadel zurück; ein Fall, der wohl ziemlich selten war. Die Kartoffelsuppe wurde für die Truppen in großen Kesseln gekocht usw.

Der Batsdiener Gravelius konnte all die Brbeit nicht mehr allein bewältigen, und so wurde noch ein Stadtdiener ernannt, Thristoph Hartmann, die nun mit der Woche in der Schirn abwechseln konnten. Bn die Stelle des Bürgermeisters Kaspar Kreuder trat in jenem Jahr der Kupferschmied Johann Kaspar henrizy. Kreuders Kraft war scheinbar auch durch all das Schwere, das in seiner Rmtszeit über die Stadt herein­gebrochen war, zermürbt. Venn schon vorher hatte er beim Großherzoglichen Bmt gebeten, die durch den Krieg nötigen

Bmtsgeschäfte niederlegen zu dürfen. Für diese militärischen Bngelegenheiten wurde darum der Batsverwandte Johannes Kißner seit Juni verantwortlich gemacht.

Mitte Juni zogen die polnischen Beiter ostwärts, um die Schlachtfelder der Entscheidung aufzusuchen. Bber Buhe gab es darum für das Städtchen doch nicht. Venn nun kamen die vcrwundctentransporte an; meist waren es hessische Krieger, großherzogl. Rekonvaleszenten", wie es heißt, die in ihre Heimat zurückbefördert wurden, hauptsächlich die Schulräume dienten als Lazarette, verwundete Offiziere wurden in den Gasthäusern verpflegt, oder auch wohlgestellte Bürger nahmen sich der Unglücklichen freiwillig an. So gingen Sommer und herbst unter bangen Erwartungen dahin. Dann kam die Kunde von dem endgültigen Untergang von Napoleons Herr­lichkeit in der Leipziger Schlacht, hatte man vorher mit Ingrimm dem Franzosenkaiser Gut und Blut opfern müssen, jetzt brach der lang gezügelte haß gewaltig hervor. Es war für unsere Bhnen der Tag gekommen, von dem Schiller gesagt hatte:

was noch bi; dahin muß erduldet werden, Erduldet';! Laßt die Bechnung des Tyrannen Bnwachsen, bis ein Tag die allgemeine Und die besond're Schuld auf einmal zahlt!

Bezähme jeder die gerechte Wut Und spare für das Ganze seine Bache;

Denn Baub begeht am allgemeinen Gut, wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache!"

Vieser eine Tag, dersüße Tag der Bache", nach dem Ernst Moritz Brndt sich gesehnt hatte, war gekommen, auch für das Städtchen Grünberg. Schon hatten die Söhne Grün­bergs, die im Frühjahr wieder unter Frankreichs Bdlern ausgezogen waren, mit ihrem Großherzog sich auf die Seite der deutschen Freiheit geschlagen; und endlich hat es auch nicht an solchen Söhnen Grünbergs gefehlt, die zu den frei­willigen Freiheitskämpfern gingen. Ihre Namen sind: Georgi, Bühl, Semler, Zöckler. Bei Leipzig war Johannes Thrist ge­fallen; weitere Opfer der Freiheitskriege waren: Daniel Bornträger und L. Hartmann. Hartmann ist meiner Bnsicht nach Freiwilliger gewesen; denn als er fiel, war er 16 Jahre alt. So junge Leute hat man aber nicht ausgehoben, folglich freiwillig! vielleicht waren es noch einige, deren Namen uns aber nicht erhalten sind. Meine Leser dürfen sich das nämlich nicht so vorstellen, als hätte mir eine Liste jener freiwilligen Kriegsteilnehmer Vorgelegen; man ist da auf meist zufällige Notizen in den alten Urkunden angewiesen, aus denen man dann seine Schlüsse und Folgerungen ziehen muß.

Doch folgen wir wieder dem Gang der kriegerischen Er­eignisse! von dem Rückzug oder besser von der Flucht der Franzosen von Leipzig her merkte man in Grünberg nichts. Napoleon nahm ja seinen weg durch das Fuldaer Land über Hanau hin zum Rhein. Desto mehr aber merkte unser Städt­chen von den Verfolgern. Fast noch zwei Jahre hatte es unter den Befreiungskriegen zu leiden. Schon Ende Oktober kamen die ersten Sieger von Leipzig hier an, preußische und russische Kavallerie. Bm 3. November logiert imwilden Mann"der russische General der Gewaltige", wie der damalige Unter- bllrgermcister oder Beigeordnete Kreuder schreibt, wer dieser Busse war, wird nicht gesagt, vielleicht General von Wittgen­stein. Er stand in Briefoerkehr mit Blücher, dem volkstüm­lichsten Helden der Befreiung. Unsere Riten erzählen heute noch, im Kammerwald seien Beste des Blllcherschen Lagers zu sehen. Es ist nicht unmöglich, daß Blücher in Grünberg ge-