— 189
Menschenfleisch war zeitweise so groh, daß, wenn Gefangene oder Tote zum Opfer für die Götter nicht mehr vorhanden waren, sie kurz vorher verstorbene ausgruben und verzehrten, paton hörte einst einen Häuptling sagen: „wenn hier so viele Kinder getötet werden, weshalb schickt ihr mir nicht auch eins? Sie sind besser und zarter als junge Hühner!" Kam große Dürre ins Land, die den Bananen- und Kokospflanzungen schadete, so war paton mit Frau und seinem Anhang schuld daran, wie die von den Zauberern aufgehetzten Insulaner erklärten. Blieb der Regen aus oder brachte ein längere Zeit währender Regen Fieber und andere Krankheiten, so war er hiervon wieder die Ursache, wochenlang über die Insel ziehende heftige Winde steigerten die Rngst und in der Folge die Wut der Heiden maßlos, so. daß sie paton oft mit Tod und Gebratenwerden drohten, „wir brauchen deinen Jehova nicht, geh fort, oder wir essen dich!" riesen sie ihm zu. Rls in jener Zeit der Pastor Gordon mit seiner Frau unter den hexten der Insulaner von Lromanga gefallen war, verließ auch paton nach dem Tode seiner Frau und seines Kindes den Grt seiner Tätigkeit, weil die meisten Bewohner der Insel Tanna ihn zu töten sich erhoben hatten und er ein furchtbares Blutbad unter den bereits Bekehrten vermeiden wollte. Dank der später wieder aufgenommenen Mis- sionstätigkeit erhebt sich heute auf der Insel eine Kirche, und die ehemaligen Menschenfresser sind die Glieder einer gläubigen Thristengemeinde. Ruch hier wurden alle Wesen und Dinge der Natur abgöttisch verehrt, Bäume und Haine, Steine und Felsen, Fische, Insekten, Menschen, (Duellen, Flüsse, Nägel und haare verstorbener und dergleichen. Die armen wilden können ohne irgendeine Rrt Gottheit nicht leben, den wahren Gott nicht kennend, suchen sie ihn im Finstern tappend.
(Fortsetzung folgt.)
Sin pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
Beide Frauen waren groß von Gestalt, die junge war blond, die alte grau von haar. Beide waren schweigsam und redeten nicht viel, wenn ich in der Pfalz so ganz unvermutet in ein Haus gekommen wäre, so hätten die Leute gewiß mit Fragen nicht nachgelassen, bis sie meinen Ramen, meine Herkunft und meine Familienverhältnisse herausge- bracht hätten. Der Pfälzer fragt in solchen Fällen, wie inan sagt, „hinten herum". Da sagt er wohl: „Ich kenne Sie, aber ich weiß nicht, wo ich Sie hintun soll." Oder er fragt: „Kommen Sie heute schon weit?" hat man dem Neugierigen dann Rntwort gegeben, so forscht er nach, woher man komme. Beliebt ist auch die Frage: „haben Sie Geschäfte hier im (Drt?" Jedenfalls, der echte Pfälzer und die echte pfälzerin, sie ruhen nicht, bis sie den ganzen Steckbrief des Fremden beisammen haben.
Die beiden Frauen auf dem Hofe in der deutschen Nordmark fragten nicht viel, aber sie waren freundlich um mich besorgt. Der verband, den mir der Kleister am Rand der wiese gemacht hatte, saß nicht fest. Da holte die alte Frau Lcinenzeug herbei und schnitt mit der Schere Streifen. Diese Streifen bestrich sie mit einer Salbe und umwickelte mir den Fuß. Ruf einem Ledersofa mußte ich niedersitzen, die junge Frau brachte Kaffee und Butterbrot und forderte mich auf, zuzulangen.
Rls ich so bequem auf dem Sofa saß und es mir schmecken ließ, ging die Tür auf, und zwei Kinder traten ein. T; waren ein Knabe von ungefähr 9 und ein Mädchen von ungefähr 7 Jahren, beide waren groß gewachsen und, wie er in der dortigen Gegend keine Seltenheit ist, ganz flachsblond. Die Mutter sagte ihnen: „Dieser junge Mann ist ein Musiker, der wegen eines schlimmen Fußes nicht weiter gehen konnte, wir wollen ihn so lange beherbergen, bis er wieder gehen kann." Die Kinder gaben mir freundlich die Hand, aber auch sie sprachen nicht viel. Ts schien mir überhaupt, als ob es über der ganzen Familie wie heiliger Ernst und stille Trauer läge.
von dem Platze, an dem ich saß, sah ich durch die Spiegelscheiben hinaus auf Gärten und Felder. Der Garten war in der schönsten Ordnung, Blumen allerlei Rrt blühten in ihm, in der Mitte stand auf einem niedrigen Postamente eine Glaskugel. Ruf den Feldern lag das geschnittene Getreide. weit hinaus sah ich wiesen, auf denen Rindvieh weidete. Seitwärts auf einem besonders eingezäunten Platze sprangen einige Füllen munter herum.
Ruch nach dem Hofe konnte ich sehen. Dort waren zwei Leute — augenscheinlich Knechte damit beschäftigt, eingefahrenes Getreide in die Scheuer zu bringen. Da dachte ich daran, wie ich vor kurzer Zeit selbst noch ein Knecht gewesen war, und es überkam mich so etwas wie Sehnsucht nach dem früheren Berufe.
Zum Mittagessen kamen die beiden Knechte in das Wohnzimmer, und alle setzten sich an den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Die gastfreundlichen Leute luden mich ein, an ihrem Mahle teilzunehmen. Mir fiel auf, daß der Hausvater fehlte, ich sagte deshalb zu den Kindern: „Euer Vater ist gewiß verreist?"
„wir haben keinen Vater mehr", gab mir der Knabe zur Rntwort, und ich sah, wie alle, die am Tische saßen, über meine Frage traurig geworden waren.
„Mein Mann ist vor fünf Jahren aus dem Kriege gegen Frankreich nicht mehr nach Hause gekommen", fügte die Frau den Worten ihres Sohnes hinzu.
Ick erzählte, daß meine eigene Familie von einem gleichen Schicksale betroffen worden sei, daß mein Bruder Georg in der Schlacht bei Sedan den Tod gefunden habe. Dann richtete ich an die Frau die Frage: „In welcher Schlacht ist denn ihr Mann gefallen?"
„Er ist nicht vor dem Feinde gefallen. Rch! uns drückt so sehr der Kummer, daß wir von seinem Tode nichts wissen und daß wir nicht einmal wissen, wo er hingekommen ist. wir haben von seiner Kompagnie nur die Nachricht erhalten, daß er auf dem Vormarsch in das Feindesland spurlos verschwunden ist, und in der Verlustliste steht er unter den vermißten."
Die Frau wischte sich, als sie das sagte, die Tränen, dann reichte sie nach der wand, nahm eine Photographie, die, von einem schwarzen Rahmen umgeben, dort hing, herab und reichte sie mir mit den Worten: „Das ist das Bild meines Mannes, er hat sich in Flensburg vor dem Rusmarsche noch photographieren lassen."
Ich sah mir die Photographie an. Sie stellte einen hochgewachsenen Mann in der Uniform eines preußischen Infanteristen dar. Der Soldat war feldmarschmäßig ausgerüstet. Das Gewehr, das er in der Hand hielt, ruhte mit dem Kolben auf der Erde, das aufgepflanzte Bajonett ragte hoch empor. Ueber der Brust trug der Mann den gerollten Mantel, am Koppel hingen die Patrontaschen.


