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Aufmerksam betrachtete ich das Bild, das ich in meinen Händen hielt. Mit einem Male durchzuckte es mich wie ein elektrischer Ltrom: das ist ja der Niels Iwer Hansen, der vor fünf Jahren auf dem Durchmärsche nach Frankreich in Ruppertsecken gestorben ist. Deutlich sah ich wieder den Mann, wie er an dem regnerischen Lommermorgen von meinem Vater, von meinem Bruder Fritz, von Nachbar Reiper und dessen Lohn Gottfried aus unserer Lcheuer hinauf in das Zimmer des oberen Ltockes gebracht wurde, deutlich auch sah ich ihn, wie er krank im Bette lag. Mein Herz Klopfte vor Aufregung, und ohne zu überlegen, sagte ich: ,,vas ist ja der Loldat, der in Ruppertsecken, wo ich herstamme, gestorben ist."
Der Teller, den die junge Frau gerade mit Luppe füllen wollte, glitt aus ihrer kjand und zerbrach auf dem Ltuben- boden in viele Lcherben, totenblaß und zitternd lehnte sich di« alte Frau in ihren Lessel zurück, die Rinder weinten, und die beiden Rnechte sahen betroffen vor sich hin.
Als die Familie sich von dem ersten Lchreck erholt hatte, mußte ich erzählen. Ich brauche nicht zu sagen, daß die Luppe Kalt wurde und daß niemand essen wollte. Ich erzählte, wie wir damals in Ruppertsecken die Einquartierung bekommen hatten, wie in der Nacht der Alarm kam und die Truppen in aller Eile ausrückten, wie wir den Rranken in unserer Lcheuer gesunden hatten, wie ihn mein Vater und Nachbar Gerhäuser bis zu seinem seligen Ende gepflegt hatten und wie er unter allgemeiner Teilnahme der Gemeinde auf dem Friedhöfe meines Heimatortes zur Ruhe bestattet worden war. Als ich erwähnte, daß er viel von seinen Rindern Jens Jürgen und Thora gesprochen hatte, da nickte die Mutter der Rinder unter Tränen. Alle im Zimmer weinten. Mir taten besonders die beiden Rinder leid, die den Vater in so zartem Alter verloren hatten.
Es war eine allgemeine Aufregung unter den sonst so stillen Menschen. Mir waren bei diesem Begebnis viele Erinnerungen an die Zeit vor fünf Jahren aufgetaucht. Ich dachte daran, daß mein Vater später oft erzählt hatte, wie es in der Heimat des verstorbenen, fremden Loldaten nach dessen Mitteilungen aursähe. Es war alles so, wie er es geschildert hatte: das einstöckige, mit Ltroh gedeckte Haus, die Glaskugel im Garten, auch das Ltorchnest hatte ich beim Eintreten gesehen. Und in dem Hause: die alte Mutter, die junge §rau und die beiden Rinder. Auch das Meer, von dem der Lterbendc noch in seinem Todeskampfe gesprochen hatte, war nicht weit, am frühen Morgen hatte ich es durch eine Lichtung des Buchenwaldes aufleuchten sehen.
Das war ein sonderbares Zusammentreffen, Wie hätte ich denken können, daß die engen, in hadersleben gekauften Lchuhe die Ursache sein sollten, daß eine trauernde Familie au; quälender Ungewißheit erlöst werden sollte.
5o jung ich damals war und so wenig ich von dem Leben in der großen Welt Renntnis hatte, so kam es mir doch sehr merkwürdig vor, daß diese Familie niemals etwas von dem verbleib ihres noch auf deutscher Erde verstorbenen Angehörigen erfahren haben sollte. Ich sagte deshalb, daß bald nach der Schlacht bei Ledan die amtliche Nachricht von dem Tode meine; Bruders Georg an uns gelangt sei, und fragte, ob das Regiment oder die Rompagnie denn niemals Auskunft über Leben oder Sterben gegeben habe.
Die alte Mutter gab mir Bescheid, von der Rompagnie sei nach der Schlacht bei Gravelotte von dem Gehöfte Anoux la Grange die Nachricht eingetroffen, daß Niels Iwer Hansen sich unter den vermißten befinde. Daraufhin habe sich ein
Bruder des vermißten mit der Bitte um genauere Angabe an die Rompagnie gewandt. Nach einigen Wochen war ihm der Bescheid geworden, daß leider über den verbleib seines Bruders nichts genaueres in Erfahrung zu bringen fei. Der Hauptmann, der Feldwebel und der Rorporalschaftsführer waren alle bei Gravelotte gefallen und konnten keine Auskunft mehr geben. Da waren Jammer und Trauer in das einsame Haus eingekehrt. Früher hatte in ihm ein arbeitsames, reges Leben geherrscht. Die beiden Rinder waren die Freude ihrer Eltern. Die Großmutter, die nun gesprächig geworden war, berichtete mir, wie der Vater die Rinder abends auf seinen Rnien habe reiten lassen, wie er ihnen allerhand erzählt habe, so daß der kleine Jens Jürgen begeistert zu- gehürt habe, während die erst zweijährige Thora mit kindlich naiven Fragen dazwischen geredet habe. Beim letzten Weihnachtsabend, den der Vater erlebte, war die Familie noch so froh gewesen. Der Vater hatte das kleine Töchterchen auf dem Arme gehabt und ihm die Lichter des Ehristbaums gezeigt, dann hatte er, als die Rleine müde zu Bett gebracht worden war, dem Rnaben die Bilder seines Bilderbuches gezeigt und erklärt. Auch von dem herzzerreißenden Abschied des Familienvaters erzählte die Frau. Niels Iwer Hansen hatte gar nicht geglaubt, daß er noch zum Heere einberufen werde, da er noch in dänischer Zeit und im dänischen Heere aktiv gedient hatte. Da kam abends um zehn Uhr, als er schon im Bette lag, der Gestellungsbefehl, und schon am nächsten Tage um zehn Uhr hatte er sich in Flensburg stellen müssen. Während die junge Frau unablässig weinte, hatten die beiden Ehegatten in der Nacht alles, so gut es in der Eile ging, geordnet und besprochen. Dem Rnechte, der leichtsinnig und dem Trünke ergeben war, war Gewissenhaftigkeit eingeschärft worden, dann war der Mann im Morgengrauen von seinem Hofe weg- gcgangen. Die beiden Rinder hatten noch im festen Lchlafe gelegen, da hatte der Vater sich über sie gebeugt, sie geküßt und hatte wortlosen Abschied von seiner Gattin genommen.
Die alte Frau erzählte mir weiter, daß die Familie unmittelbar nach dem Feldzuge die Nachforschungen nach dem vermißten fortgesetzt habe. Sic hatte der „Gartenlaube" den Fall mitgeteilt, und diese hatte in ihrer langen Liste der vermißten auch Niels Iwer Hansen erwähnt. Einige Wochen darnach hatte ein Raufmann aus Neumünster geschrieben, er habe als Einjährig-Freiwilliger in derselben Rompagnie gestanden, habe den vermißten gut gekannt, meine aber, daß er schon vor der Lchlacht bei Gravelotte auf dem Vormarsche durch Lothringen nicht mehr bemerkt worden sei. Nach einem verregneten Biwak bei Forbach habe es eine Anzahl Rranker, die man nach Laarbrllcken gebracht habe, gegeben, vermutlich sei der Mann darunter gewesen. Nun schrieb man nach Laarbrllcken. Die Listen der dort in den Lazaretten gepflegten verwundeten und Rranken wurden durchgesehen, der Name des vermißten fand sich nicht darunter. Es blieb schließlich bei der Feststellung, daß bei dem eiligen Vormarsch nach der Mosel und den vielfachen Abkommandierungen der Leute zur Begleitung der Transportwagen der Mann verschwunden war, ohne daß der Rorporalschaftsführer ihn als fehlend gemeldet hätte, vielleicht auch hatte er fein Fehlen entdeckt, hatte das gemeldet, aber zu Nachforschungen war keine Zeit geblieben, und die Vorgesetzten des vermißten lagen alle am Waldrand zwischen verneoille und Gravelotte begraben.
Als die alte, bekümmerte Frau mir von dem schweren Lchicksale erzählte, das sie und die Ihrigen betroffen hatte, fiel mir ein, daß mein Vater nach dem Abscheiden des fremden Loldaten dessen Geldbörse, Uhr und Notizbuch dem Bür-


