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Lin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.

(Fortsetzung.)

7 .

ver herbst brachte vermehrte Rrbeit, und ich mußte dabei Kräftig mithelfen. Zuerst wurden die Kartoffeln aus­gemacht, da stand ich den ganzen Tag mit meinem Mit- knechte Karl und einem Taglöhner auf dem Rcker und wühlte mit dem schweren Karste die Kartoffeln aus der Lrde. Dann wurden diese zusammengelesen, in Zücke ge­füllt und nach Hause gefahren. Ich tat diese Arbeit gern, ist er doch überhaupt etwas schönes, wenn man auf dem Felde, in Gottes herrlicher Natur, arbeiten kann, Wie manchesmal habe ich in meinem späteren Leben die Leute bedauert, die immer im dumpfen Zimmer oder in der Werk­statt oder im Fabrikraum verweilen und arbeiten müssen und während ihrer Arbeit die Sonne beinahe gar nicht zu sehen bekommen. Wie herrlich war der Trdgeruch, der uns beim Kartoffelausmachen umgab, wie weit der Fernblick, wenn wir uns einmal von unserem Karste aufrichteten, wie frisch und herb kräftig die Luft, die wir bei der Ar­beit einatmeten. Und dann hat man bei der Feldarbeit immer Unterhaltung. Ts gehen Leute vorbei, die dem Rr- beitenden einen freundlichen Gruß oder ein heiteres Wort zurufen. Arbeitet man nahe der Landstraße, so sieht man da Menschen aller Rrt vorüberziehen. Der Metzger kommt im blauen Kittel, mit dem derben Knotenstock, an dem der Strick angebunden ist, mit dem er das erhandelte Vieh nach Hause geleiten will. Ver Hausierer kommt mit seiner Kiepe, der Aufkäufer mit dem Korb, in dem er Tier und Butter trägt, dann rasselt auch einmal eine feine Thaise vorüber. Und wie schmeckt es erst, wenn man sich zum Frühstück an den Straßengraben oder unter einen Daum seht, das Taschenmesser herausholt und in das mit weichem Käse be­strichene Brot einschneidet. Läutet dann die Clfuhrglocke, so begibt man sich nach Hause, trifft auf dem Heimwege andere, die auch von der Arbeit kommen, und redet mit ihnen von der Feldarbeit und den Tagesereignissen. Wenn der Übend kam, zündeten wir das Kartoffelkraut an, dann stieg allemale dichter Uauch auf, der weithin über die Fel­der zog, und wenn wir heimgingen, so sahen wir das Feuer in den dunklen Übend hinausleuchten.

Wenn wir abends die Kartoffeln in den Keller tru­gen, so war er schon stichdunkel' eine Laterne erleuchtete den Weg, der die Kellertreppe hinunterführte. Allerdings tat mir, wenn wir endlich fertig waren, der Rücken recht weh, und ich war froh, wenn ich mein Lager aufsuchen konnte.

Rls wir mit der Kartoffelernte fertig waren, wurden die Rüben nach Hause geschafft. Ich habe manchen Karren mit Gelb-, Weiß- und Dickrüben beladen helfen und habe im Felde Gruben gegraben, in denen die Dickrüben über­wintern sollten. Ungefähr gleichzeitig nahmen wir die Wein­birnen von den Räumen. Mit langen Stangen schlugen wir in die Räume; denn diese Birne ist keine feine Frucht, sie kann schon etwas vertragen und ist ja nur dazu be­stimmt, in der Kelter ausgepreßt zu werden, damit man daraus einen etwas bitteren Obstwein gewinnt, der beson­ders in der Frühjahrszeit dem auf dem Felde Rrbeitenden gut mundet. i

Meine größte Freude war es immer, wenn mich Herr Hinkel mit zur Jagd nahm. Oft durfte ich milgehen, wenn

er ausging, um Rehböcke zu schießen. Das ist jedoch nicht immer eine pläsierliche Jagd; denn im Stein-Rockenheimer Walde gibt es nicht viele Rehe. Einem Rehbocke gingen wir lange Zeit hindurch zu Gefallen. Jeden Rbend kam er aus dem Walde heraus, um sich an einem davor liegen­den Rübenacker satt zu fressen. Wir postierten uns regungs­los hinter einem dicken Birnbaum, Herr Hinkel setzte sich auf seinen Jagdstuhl, ich legte mich auf den Roden, so schauten wir aus, ob der Rehbock aus dem Dickicht hervor­treten würde. Rber der Bursche war gescheiter, als wir dach­ten. Rbends, so gegen 6 Uhr, kam er aus dem Walde, aber er stürzte nicht blind auf das Futter los, sondern schaute sich zuerst sehr vorsichtig um, und immer schien er uns zu wittern,' denn er floh, wenn wir kaum seinen Kopf ge­sehen hatten, mit raschen Sätzen zurück in den Wald. Wir hörten die Zweige knacken und mußten unverrichteter Sache nach Hause gehen. Herr Hinkel sagte dann in der Regel: ,,Das muß ein alter, gewiegter Kerl sein, ich glaube, der lebt länger als wir."

Da, als wir eines Rbends nach Hause gingen, da ge­rade das letzte Tageslicht über dem Walde lag und die Schleier sich schon von Stamm zu Stamm Hinüberspannen, sahen wir den Rehbock mitten auf der Schneise, auf der wir gingen, stehen. Tr muß keine Gefahr von unserer Seite ge­fürchtet haben,' denn er blieb stehen und sah uns, wie ich zu erkennen glaubte, mit seinen großen Rügen etwas spöttisch an. So schnell, wie der Blitz herniederzuckt, hatte Herr Hinkel das Gewehr von der Schulter gerissen, ehe ich es noch für möglich hielt, krachte der Schuß, und der Reh­bock brach zusammen. Das war eine unverhoffte, aber schöne Jagdbeute. Ich rechnete e; mir zur großen Ehre an, den Rehbock nach Hause tragen zu dürfen. Ich nahm ihn über die Schultern, daß die Vorderläufe über die rechte und die Hinterläufe über die linke Schulter nach der Brust hingen. Rber dieser Gang ist mir sehr sauer geworden,' denn der Bock hatte ein kapitales Gewicht.

In dieser Zeit hatte ich mancherlei von den jungen Stein-Bockenheimer Burschen zu leiden. Weil ich fremd und noch jung war, machten sie mich, wo sie nur Gelegenheit dazu fanden, zur Zielscheibe ihrer Witze. Weil ich ein armes Knechtchen war, so hielten sie mich für dumm und glaub­ten, mir alles mögliche aufbinden zu können. Wenn ich Sonntags einmal unter sie geriet, so erzählten sie mir die tollsten Geschichten in der Rnnahme, daß ich alles glauben werde. Sie berichteten, ein großes Wildschwein treibe sich an der Straße, die nach dem Walde führt, umher, oder ein Wolf sei in der Gemarkung gesehen worden. Tiner von ihnen schenkte mir gelegentlich eine Zigarre, ich glaubte, diese nicht abweisen zu sollen,' denn ich fürchtete, an Rchtung zu verlieren, wenn die anderen merken würden, daß ich noch nicht rauchen könne. Rls ich einige Züge aus der Zigarre getan hatte, zischte sie auf, ein Sprühregen von Fun­ken flog umher, und es roch sehr übel. Rlle, die dabei stan­den, lachten, daß es mir mit derVexierzigarre" so er­gangen war.

Tin andermal, da man in allen Straßen die Zwetschen- latwerge roch, .die die Hausfrauen kochten, wollten meine Peiniger mir den Ruftrag geben, zu meinem Herrn zu gehen und mir dasLatwergleiterchen", mit dem man in den Kessel hinuntersteige, für eine Rachbarsfamilie geben zu lassen. Rber ich war längst so gewitzigt, daß ich auf diesen alten Witz nicht hereinfiel.