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„Ich will mich als Knecht zu dem Herrn Wilhelm Hin­kel verdingen", erwiderte ich etwas zaghaft.

„Li, da kommst du ja gerade recht, wer hat dich denn hergeschickt?"

„Ich bin von Ruppertsecken, dem Johannes Wiltinger sein Lohn, und die Rltpeter-Lene, die gestern hier mit zur Leiche war, hat mich hergeschickt."

„5o, die Lene hat dich geschickt. Na, als Knecht werde ich dich noch nicht brauchen können,' denn du bist noch ein bißchen klein, und ich glaube, wenn meine zwei Braunen einmal mit dem Pfluge draußen im Felde durchgingen, du würdest sie mit dem Leitseile nicht halten können. Korn­garben kannst du auch noch nicht gabeln. Rber als kleinen Knecht will ich dich gern nehmen. Da kannst du im Felde und im Stalle helfen, und was du nicht packst, das läßt du einfach sein."

„Ich bin nicht so schwach, wie Ihr glaubt," sagte ich dem Manne, in dem ich inzwischen den Wilhelm Hinkel er­kannt hatte, „ich habe in der Heuernte den ganzen Tag gemäht."

„Das ist schön. Und dann brauche ich auch einen, der mit mir auf die Jagd geht, sobald die wieder auf ist, ich brauche einen, der mir die Hunde an der Leine führt und die Hasen und die Rehböcke nach Hause trägt."

„Das macht mir gerade Lpaß," sagte ich freudig, „ich gehe sehr gern mit auf die Jagd."

„Ua, dann komm vor allen Dingen einmal herein, du wirst Hunger und Durst haben, da du einen so weiten Weg gemacht hast."

Ich merkte, daß ich in ein reiches Dauernhaus ge­kommen war. Der Hausflur war mit schönen Mettlacher Platten belegt, die Küche war hell und geräumig, in dem Herde, der ringsum von glänzenden Messingstangen umgeben war, flackerte das Feuer. Das Wohnzimmer, in das wir traten, war gleichfalls groß, zwei Fenster gingen hinaus auf die Straße, hinter dem Tische stand eine Lehnenbank, an den Wänden sah ich die Dilder von Kaiser Wilhelm, von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, von Dismarck, Roon und Moltke. Damals, im Rnfang der 70er Jahre, waren die Namen dieser großen Männer in aller Munde, und ihre Dil­der waren auch in dem abgelegensten Dorfe zu finden. Sonst sah ich noch an den Wänden Jagdbilder und Nehgeweihe. Was mein Interesse besonders erregte, war der Gewehr- schrank, der in der Tcke stand. Dreit schob sich der große Gfen, an dessen Wänden Dilder aus der Bibel zu sehen waren, in dar Zimmer hinein, er war in die Wand eingebaut und wurde von der Küche her geheizt.

Wir waren kaum eingetreten, da kam eine mittelgroße Frau mit schlicht gescheiteltem haare in das Zimmer, und Hinkel sagte zu ihr: „Das ist ein junger Bursche aus Rup­pertsecken, der will sich zu uns verdingen. Geh' hin, Sann- chen, und hol' ihm etwas zu essen, er hat Hunger."

Frau Hinkel sah mich freundlich an, dann ging sie weg, brachte rasch Brot, Lutter, Käse und alten Schwartemagen und forderte mich auf, zuzulangen. Vas ließ ich mir nicht zweimal sagen und hieb kräftig ein,' denn ich stand in dem Rltcr, in dem der Mensch einen gesunden Appetit entwickelt. Hinkel ging in den Keller und holte mir einen halben Schop­pen Dirnenwein.

Rl; ich gegessen hatte, fragte er mich nach meinen El­tern und Geschwistern und sagte dann, er wolle mich neh­men, wenn ich bis zum zweiten Weihnachtstage, dem Tage,

an dem die Knechte in der Pfalz wandern, mit 60 Gulden und einem paar Schuhe zufrieden sei.

Freudig sagte ich zu,' denn mein Vater hatte gemeint, ich werde nur 40 Gulden Lohn bekommen.

„Na, dann ist es gut, Peter," meinte Herr Hinkel, „übermorgen kann mein großer Knecht, der Karl, deine Kiste holen, und du bleibst dann bei uns. Rber, ehe du wie­der nach Ruppertsecken zurückgehst, ißt du mit uns zu Mittag, vorher kannst du einmal in den Hof hinaus gehen und dir ansehcn, was da geschafft wird."

Im Hofe fand ich den „großen" Knecht, den Karl. Er war ein dicker, stämmiger Bursche mit etwas fallendem Gang und schief stehenden Füßen. Gerade war er in der Scheuer dabei, das Futter abzuladen. Lr hatte bereits erfahren, wer ich sei, und so forderte er mich kurzer Hand auf, ihm zu helfen, das Futter in den benachbarten Kuhstall zu tragen. Im Stalle war es peinlich sauber, zehn Kühe und zwei Kälber standen miteinander in zwei Reihen angekettet und zupften an dem Futter, das wir ihnen in das Reff warfen.

„hier im Kuhstall kannst du helfen," sagte Karl, „aber, das sage ich dir gleich, von den zwei Gäulen bleibst du weg. Die putze ich und die füttere ichl, und ich allein fahre auch mit ihnen. Das habe ich mir gleich ausgehalten, als ich mich verdingt habe."

Stumm hörte ich zu, wie der Karl seine Rechte geltend machte. Ich wußte schon, daß es allen vienstknechten eine große Ehre ist, das Fuhrwerk zu lenken und daß sie selten es ihrem Dienstherrn zukommen lassen wollen, die Zügel zu halten.

Rber Karl würdigte mich doch der Lhre, mir „seine" Pferde zu zeigen. Vas dunkelbraune hieß Hektar, das sei ein Massik,*) ein Heimtücker, meinte Karl, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Wenn er übler Laune sei, so schmeiße der Hektar aus, auch bleibe er gern mit dem schwer beladenen Wagen stehen, nicht, weil er nicht mehr ziehen könne, son­dern nur, um den Fuhrmann zu ärgern. Wenn man dann in die Speichen der Rades greife, um den Wagen weiter zu schaffen, so könne der Hektar so recht schadenfroh wiehern. Rber der dunkelbraune Gaul, Keil genannt, sei gut, nur sei er ein Leckermaul, der Hafer lieber fresse als Häcksel, am allerliebsten aber Zucker aus der hohlen Hand seines Herrn.

Was ich damals an dem Karl beobachtet habe, ist mir später noch oft an Menschen entgegengetreten, die viel mit Tieren umgehen. Sie betrachten sie als Ihresgleichen, schie­ben ihnen menschliches Seelenleben unter, nehmen an, daß sie von Liebe und haß, von Neid und Schadenfreude genau so getrieben werden, wie die Menschen. Der alte Posthalter Scholl zu Gerbach sprach, als er im Rlter etwas kindisch war, mit den Postpferden, als ob sie Menschen seien. War schönes Wetter, so sagte er, wenn sie angeschirrt vor der Post standen: „heute ist aber schönes Wetter, da kann mein Gäulchen schön springen." Fielen im Dezember, wenn die Straßen aufgewcicht waren, Regen und Schnee vom Himmel herunter, so streichelte er zärtlich die Tiere und sagte: „Ihr armen Gäulchen, ihr dauert mich im Herzen drin."

Gb die innigen Beziehungen des Karl zu den Pferden daher rührten, daß er auch im Pferdestalle schlief, weiß ich nicht. Jedenfalls sah ich damals zum ersten Male sein Bett, das in Mannshöhe im Stalle auf vier Pfosten ruhte und in das er nur mit einer kleinen Leiter gelangen konnte. Die Dicnstknechte in der Pfalz waren damals nicht verwöhnt.

*) Der Ausdruck stammt aus dem hebräischen und bedeutet so viel wie Narr.