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man die Erfahrung gemacht, daß jemand, der sich aus Gutmütigkeit einmal mit Sektierern in die Diskussion eingelassen hat, fort und fort von ihnen behelligt wird.
Wenn jemand Erwachsene gegen ihren Willen zu einer Sekte hinüberzuziehen sucht, so ist das ganz gewiß nicht schön, immerhin kann ein Erwachsener sich wehren und kann'lästige Elemente abschütteln. Wer jedoch auf Kinder in dieser Krt einzuwirken sucht, handelt direkt verwerflich. Wenn Litern ihre Kinder in die Konfirmandenstunde schicken, so geben sie damit kund, daß sie ihre Kinder für die Landeskirche erzogen haben wollen. Gerade in der Konfirmandenzeit besteht ein besonders inniges Verhältnis zwischen dem Seelsorger und den ihm anvertrauten Kindern. Oie Gießener Pfarrer können in dieser Beziehung viel Erfreuliches erleben. Wenn aber ein fremder Mensch sich an Konfirmanden herandrängt, so tastet er mit plumpen Händen ein Vertrauensverhältnis an. Das Urteil über ein derartiges Vorgehen steht in den Kreisen derer, die christlich und ohne Voreingenommenheit denken, fest.
Sollte der unbekannte Mann seine versuche, sich an Konfirmanden heranzudrängen, erneuern, so empfiehlt es sich, daß die Kinder durch einen Schutzmann oder durch den nächsten, ihnen erreichbaren Erwachsenen den Namen des sonderbaren blattverteilers feststellen. Die Eltern werden ihn dann darüber belehren, wie sie über seine versuche, auf ihre Kinder einzuwirken, denken.
Räuberleben in Gberhessen vor 100 Jahren.
Kuch in unseren Tagen gibt es noch viele Menschen, die das Lob der „guten, alten" Zeit singen, früher, so sagen sie, war alles besser als jetzt, die Menschen waren treuer und beständiger, man konnte leichter Geld verdienen, die Verhältnisse begünstigten viel mehr das vorwärtrkommen des Einzelnen, als dar in der Gegenwart möglich ist. heute ist die Welt so laut und unruhig geworden, Treue und Glauben herrschen nicht mehr, die Traulichkeit und Gemütlichkeit des Lebens der alten Tage ist dahingeschwunden.
Wer die Geschichte kennt und sie nicht nur aus den Lehrbüchern der Schule kennt, weiß, daß kein Knlaß zu solchen Erwägungen vorhanden ist. Die alte Zeit war rauh und wild, und noch im Knfange des 19. Jahrhunderts herrschten in Deutschland Zustände, die sehr übel waren, heute haben wir Kühe und Sicherheit im Lande. Wenn es auch Menschen gibt und die gibt es auch heute noch in großer Zahl —, die sich gegen die Gesetze vergehen und das Leben und das Gut der anderen antasten, so werden sie doch in der Kegel rasch ermittelt, und die Furcht vor Strafe schreckt doch sehr viele vor verbrecherischen Taten zurück. Unsere Urgroßväter lebten jedoch in fortwährender Kngst und Unruhe vor Käubern, Dieben und Wegelagerern. Um da; Jahr 1800 war die Unsicherheit in Deutschland entsetzlich groß. Die fortwährenden Kriegsunruhen, das hin- und herziehen der Heere, die bald siegreich waren, bald sich geschlagen und in Unordnung auf den Straßen dahinwälzten, ließen das Käuberunwesen von Jahr zu Jahr mehr zu einer schrecklichen Landplage werden. Dazu kam die Zersplitterung des deutschen Lande; in eine Unzahl kleiner Staatsgebilde, die nie miteinander harmonierten und nie zu gemeinsamem handeln zu bringen waren, besonders schlimm waren die Zustände im westlichen Deutschland. Kuf beiden Seiten des Kheins, von der holländischen Grenze bis zur Nahe und bis zum Neckar gab es viele Käuberbanden, die mit der unerhörtesten Frechheit zu Werke gingen. In der Kegel galten ihre Kngriffe einzeln stehenden Gebäuden, namentlich Hofgütern und Mühlen, aber die Ver
brecher schreckten auch nicht davor zurück, in die Dörfer einzudringen und vermögende Einwohner auszurauben, bekannt ist ja in ganz Deutschland der Schinderhannes. So wurde der Käuber Johannes bückler, geboren 1778 zu Miehlen in Kassau, genannt, weil er in seiner Jugend bei einem Wasenmeister (Schinder) in der Lehre gewesen war. Mit seiner bande machte er den ganzen Hunsrück und das benachbarte Gebiet mehrere Jahre hindurch unsicher, bis man ihn bei Limburg aufgriff und 1803 mit 19 seiner Spießgesellen in Mainz hinrichtete.
Kber auch Gberhessen hatte damals und noch ein Jahrzehnt länger unter einer furchtbaren Käuberplage zu leiden. Man unterschied um das Jahr 1810 eine Wetterauer und eine Vogelsberger Käuberbande. Erst im Jahre 1812 gelang es, dieses Unwesen mit Stumpf und Stiel auszurotten, viele von den Käubern wurden hingerichtet, viele brachen auch aus ihren Gefängnissen wieder aus, insonderheit das Gießener „Stockhaus" scheint nicht allzu fest gewesen zu sein) denn es gelang vielen darin eingesperrten Uebeltätern, durch die Mauern hindurch und über das Dach hinüber die goldene Freiheit wieder zu gewinnen.
von den Untaten dieser Käuber, so weit sie in dem der Stadt Gießen benachbarten bezirke geschehen sind, soll hier die Kede sein. Uuffallend ist, daß die Stadt Gießen fast niemals Käuberbesuch bekam. Die Stadt war eben mit Wall und Graben umgeben, man konnte durch die Tore nicht ein- und auspassieren, ohne bemerkt zu werden, das Polizeiwesen war für die damalige Zeit gut organisiert, und die Stadt hatte eine starke Garnison, all dieses mochte die Herren Käuber so nervös machen, daß sie ihre Kaubzüge nicht auf den Selters- weg und die Mäusburg ausdehnten.
Um so mehr aber hören wir von Einbrüchen und Diebstählen, die auf dem Lande vorkamen. Kuch in Gberhessen hatten es die Käuber auf die einzelnstehenden Gebäude abgesehen. Im Jahre 1809 unternahmen es Diebe, auf dem Wirberg die Glocken zu stehlen. Sie waren durch ein Fenster eingedrungen, hatten hier die Windeisen verbogen und das Blei durchgeschnitten. Kber sie konnten den Glockenraub doch nicht ausführen, entweder brachten sie die Glocken vom Glockenstuhl nicht los, oder sie erkannten, daß das Metall doch zu schwer sei, um es von dem berge wegzubringen. Unter diesen Umständen hielten sich die Käuber an die Grgel. Sie brachen die Drgelpfeifen ab und verkauften sie hernach an einen Spengler. Wer dieser Käufer war, ist aus den erhaltenen berichten nicht zu ersehen) er war weder ein Ehrenmann, noch handelte er nach dem Worte der bibel: Wer mit Dieben teil hat und sagt's nicht an, der hasset sein Leben. Spr. 29,24. Kn der Grgel hatte ein Mantel gehangen, der einen Wert von 6 Gulden hatte. Den nahmen die Diebe gleichfalls mit, ebenso rissen sie die Schellchen von dem Klingelbeutel und ließen sie mit sich gehen. Die Grgel mußte mit einem Kostenauf- wande von 98 Gulden repariert werden, die Gesamtreparaturen der beschädigten Kirche beliefen sich auf 105 Gulden, das war für diese Zeit eine ansehnliche Summe. Die Käuber wurden nicht ermittelt. Der Tat verdächtig war der „har- bacher Hannes". So lautete der Käubernamen eines Einwohners aus Harbach, dessen eigentlichen Kamen wir hier nicht mitteilen wollen, weil möglicherweise noch Träger dieses Uamens heute existieren können.
Ebenfalls im Sommer 1809 wurde in die Kirche zu Stangenrod eingebrochen. Wieder wurden die Fenster aus- gcbrochen, aber auch hier gelang es den Käubern nicht, die Glocken wegzuschaffen. Sie nahmen die heiligen Gefäße mit.


