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Moderne Unkultur.
1. Der unausrottbare Aberglaube.
Man sollte es nicht für möglich halten, wie vertrauensselig manche Menschen sind. Sic schenken Leuten Glauben, die sie noch nie im Leben gesehen haben, gehen auf die plumpsten Schwindeleien mit einem Ernst und einer Ueber- zeugung ein, die einer besseren Sache würdig wären, und sind am Ende gar noch erstaunt, wenn sie sich gründlich übers Ohr gehauen sehen. Da kommt irgend ein hergelaufenes Individuum, zeigt großes Interesse für jemand, und der „jemand", der vielleicht gegen jeden anständigen Menschen Mißtrauen hegt, läßt sich fangen, beschwindeln, bestehlen. Die Zigeuner sind bekannt als Betrüger ersten Grades, wohin sie kommen, hat man ein wachsames Auge auf sie. Besonders die Zigeuner- weiber sind verrufen, aber merkwürdigerweise gelingt es ihnen immer wieder, ihr unsauberes Handwerk zu üben. Sie wissen, daß in dem weiblichen Geschlecht die Neugier wohnt, sie wissen, welche Personen für ihre Gaukelei die besten Objekte sind, sie wissen auch, daß es ... . gewisse Leute gibt, die nicht alle werden! So finden sie denn auch immer wieder Unverständige, die mit einer staunenswerten ver- trauensseligkeit der „Wahrsagerin" Ninge, gespartes Geld, ja alle Habseligkeiten übergeben, in der Hoffnung, daß nun alles gut werde, und in der Gewißheit, daß sie ja alles wiedererhalten. Um einen „Blick in die Zukunft" tun zu können, lassen sich Frauen und Mädchen aus dem Kaffeegrund weissagen, d. h. das dümmste Zeug vorschwatzen und geben dann alles, was sie besitzen, hin, um „das Schicksal zu beschwören". So wurde auch jüngst wieder in Groß-Berlin eine Zigeunerin wegen Betruges zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil sie ein Dienstmädchen durch Schwindeleien betrog. Sie lieh sich von ihrem Opfer neun Mark und brachte das Geld dann auch „reell" zurück. Zum Dank für die ihr bewiesene Hilfe wollte sie dem Mädchen aus der Hand wahrsagen. Sie Kündigte ihm zunächst schwere Krankheit an, die sich allerdings beseitigen lasse, wenn das Mädchen ihr drei Zwanzigmark- stücke und eine goldene Uhr oder einen goldenen Uing gebe. Das geschah natürlich. Alles wurde scheinbar in einen Beutel getan, der bis zum 10. Februar ungeöffnet und versteck! liegen bleiben sollte. In ihrer Ueugier oder auch wohl aus Argwohn öffnete das Mädchen den Beutel früher und fand . . ein Zehnpfennigstück darin. Die Festnahme der schwindelhaften Zigeunerin war natürlich sehr schwierig. Aehnliche Schwindeleien sind in Berlin und Umgebung kürzlich durch zwei Berliner Frauen verübt worden. Sie verkauften an Dienstmädchen Spitzen und erboten sich „im Anschluß daran", ihnen zu weissagen. Dabei erlangten sie verschiedentlich Geldstücke, die sie zu ihrem „Zauber" brauchten und vorher mit Kreuzen versahen. Goldstücke wurden ihnen zwar nicht ausgehändigt, aber dennoch hat ihnen ihr Treiben etwas eingebracht. Wann endlich werden die Leute so gescheit sein, auf derart plumpen Schwindel nicht mehr hineinzufallen!
2. Uebertriebener Tierschutz.
Cs zeugt von einer edlen Gesinnung, wenn der Besitzer eines Haustieres diesem auch den notwendigen Schutz gewährt. Auch den hilflosen Tieren soll der Mensch in der Uot beistehen, er soll ihnen die Barmherzigkeit nicht versagen und auch für ihre bescheidenen Dienste dankbar sein. Tierschutzvereine bemühen sich denn auch nach Möglichkeit, die Ouälereien vornehmlich der Zugtiere zu beobachten und Strafanzeigen gegen rohe Kutscher und dergl. zu erstatten. Lächerlich dagegen wirkt es, wenn man, wie das in der letzten Zeit vielfach
„Mode" geworden ist, Hunden ganze Anzüge, Kleider, selbst Schuhe anlegt, damit sie mehr Schutz vor der Witterung haben, oder wenn man ihnen, wie das auf fast jeder Hundeausstellung beobachtet werden kann, Betten zum besseren Wohlgefallen anfertigen läßt. Aber mag immerhin jeder in seinen vier pfählen seine Hunde wie seinesgleichen behandeln, das geht die Außenwelt schließlich nichts an. Wenn aber in München eine Abordnung von Damen vor dem König erscheint, um ihn zu bitten, das Protektorat über „Asyle" für kranke Tiere zu übernehmen, die im ganzen Ueich gegründet werden sollen, dann ist die Grenze des Dernünftigen überschritten. König Ludwig III. hat nun zwar nicht gelacht, als man ihm die sonderbare Bitte aussprach, sondern er hat eine sehr ernste Antwort gegeben, welche allgemein bekannt zu werden verdient; sie lautete: „Kranke Tiere, meine hochverehrten Damen, tötet man, kranken Menschen aber hilft man. verwenden Sie Ihr Geld lieber für die armen, kranken und erwerbsunfähigen Menschen, denen Sie nützen, den kranken Katzen, Hunden und Pferden aber nicht. Folgen Sie, meine Damen, und Sie werden ein wohltätiges Werk tun. Ich bitte Sie, meine Worte zu beherzigen."
Erst die Menschen, dann die Tiere! Das ist denn doch wohl der Grundsatz wahrer Humanität und wahren Thristen- tums! Wir leiden zunehmend an einer „Humanität am falschen ffirt!" _
Griechische Erinnerungen.
Dritte Folge.
von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt.
(Fortsetzung.)
Man stelle sich vor, daß unterdessen die Anwesenden dem Toten den letzten Kuß geben, und man hat damit einen Begriff von dem Eindrucksvollen dieser Zeremonie.
Den Beschluß des Ganzen bilden zwei Wünsche aus priestermund, in die die ganze Trauerversammlung einstimmt <und das heißt bei bedeutenden Persönlichkeiten viele Hunderte von Menschen): „theos sinchoresi, Gott vergebe ihm", und „äonia su i muimi, ewig sei dein Gedächtnis, unser der Seligkeit würdiger und unvergeßlicher Bruder!".
Uach Beendigung der kirchlichen Feier geht es hinaus auf den Friedhof, wo die kirchliche Handlung sehr kurz ist. Der Priester wirft mit der Schaufel ein wenig Erde kreuzweise auf den Sarg und spricht „Die Erde ist des Herrn und ihre Fülle, der Erdkreis und was darauf wohnet". Darauf tut er etwas Gel aus der Lampe und Asche aus dem Rauchfaß ins Grab, und dieses wird geschlossen.
In besonderer Art wurden bis vor etwa 30 35 fahren
alle Bischöfe und Erzbischöfe bestattet, die in ihrer Diözese starben, nämlich sitzend auf ihrem Stuhl in voller Amtstracht, selbstverständlich angebunden. Das habe ich nicht mehr gesehen, doch soll es noch vor einigen Jahren gegen das verbot der Synode auf Korfu geschehen sein. Ich selbst habe einen Metropoliten von Athen mit zu Grabe geleitet. Da muß alles, was in Würden ist, folgen, vom König angefangen.
Daß bei Beerdigungen Geistliche die Rede halten, gehört zu den Seltenheiten. Den Laien ist selbst in der Kirche einen Uachruf zu halten gestattet. Meistens geschieht es am Grabe. Bei Leuten von hervorragender Stellung treten gewöhnlich mehrere Leichenredner auf und oft folgt denselben noch eine Elegie oder mehrere. Rednerisch natürlich begabt, mit einer Sprache ausgerüstet, die, wie die griechische, ihren Kindern einen unermeßlichen Wortschatz in den Mund schiebt, melden sich die Griechen gern zu Trauerreden, und zwar aus allen


