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Nr. 11. Gießen, Sonntag Lätare, 22. März 1914. 3. Jahrgang.

Ewiges Leben.

Evangelium nach Johannes, Kap. 6, Vers 47: wahrlich, wahr­lich, ich jage euch: wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.

Ewiges Leben, das war einst das Ziel aller religiösen Sehnsucht. Oer reiche Jüngling z. 6. tritt Jesus mit der brennenden Frage entgegen: „Guter Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben gewinne?" Und diese Frage, sie geht durch die Jahrhunderte der christlichen Geschichte hin­durch. Tausende und Ubertausende von wahrheilsuchenden Ge­mütern haben sie in ihrer ganzen Wucht empfunden als die Kardinalfrage ihres Lebens.

Heute steht diese Frage lange nicht mehr so wie einst im Vordergrund des Interesses. ändere vinge sind es, die die Seelen der Zeitgenossen viel mehr bewegen, was muß ich tun, um zu Unsehen, zu Macht und Einfluß, zu Genuß und Freude zu gelangen, so hallt es uns von ihren Lippen entgegen.

Uber kann das gut sein für unser Volk, wenn es auf­geht im Irdischen, Materiellen? wie sagt doch Jesus: „was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?" Schon mehren sich denn auch von allen Seiten die Stimmen, die über die un­geheure Verarmung und Verödung klagen, die der Materia­lismus auf dem Gebiet des seelischen Lebens in unfern Tagen hervorgerufen hat. Ja selbst auf sozialistischer Seite erklingen einsame Stimmen, Stimmen wie die von Predigern in der wüste, die einer Kückkehr zur religiösen Uuffassung des Lebens das Wort reden.

Uber so sagt man vielleicht trotzdem: Kann denn ein Ideal wie das des ewigen Lebens je wieder das bestimmende und richtunggebende für unsere Zeit werden? Ist nicht ewiges Leben ein allzu jenseitiges, ist es nicht etwas, das allenfalls dem hoffnungslos Kranken, dem Sterbenden als ein tröstlich' Licht leuchten mag in der Nacht des Lebens, das aber für den Schaffenden, der mitten drin steht im brausenden Leben der Gegenwart, gar wenig zu sagen hat?

Doch das wäre falsch geurteilt. Ewiges Leben ist nicht nur das jenseitige Leben. Es ist etwas unmittelbar Gegen­wärtiges, schon hier Lrlebbares. wer an mich glaubt, so sagt der Meister, der ha t das ewige Leben. Mit andern Wor­ten, wer sich Jesus anschließt, wer eintritt in die große Schar

der Kämpfer, die mit ihm ringen wollen um Gottvertrauen, Herzensreinheit, Liebe, der ist auf dem Wege zum ewigen Leben. Der reißt, je inniger er „glaubt", d. h. je tiefer er in Jesu Geist hineinwächst, immer mehr ewiges, d. h. bleiben­des, unvergängliches Leben an sich. So bedeutet also ewiges Leben ein von Ehristus erfülltes Leben. Jenseitig ist dies Leben nur insoweit, als der Geist für das, was er hienieden begonnen — aber nicht vollendet hat/ denn alles Irdische bleibt immer Stückwerk, Unvollkommenheit — bei Gott eine selige Vollendung erhofft.

Gerade das Johannesevangelium hat dieses feine Ver­ständnis des ewigen Lebens als eines schon hienieden vor­handenen höheren Lebens der Seele entwickelt. Ls ist weit davon entfernt, es zu betrachten unter dem bloßen Gesichts­punkte des Lohns, der den Frommen einmal erwartet, oder gar unter dem einer Vertröstung, die dem Unglücklichen die Leiden des irdischen Vaseins erträglicher machen soll.

Ist dem aber so, ist ewiges Leben soviel wie Leben mit Jesus aus Gott und in Gott, ist es all' das, was unsere Seele gerade auch im schaffenden und tätigen Leben notwendig braucht, wer wollte dann nicht gern in der alten Frage: „was muß ich tun, daß ich das ewige Leben gewinne" auch seine Lebensfrage erkennen, und wer wollte dann nicht gerne den einfachen weg unseres Johanneswortes gehen, um das ewige Leben zu finden? H. H.

Unser Passionsweg.

Scheu nicht den weg, den du mußt gehen, da die Verheißung mit dir geht:

Ls wird dir treu zur Seite stehen der äusgesonderten Gebet!

Der Gleichgeführten, die seit Jahren des Kreuzes weg gegangen sind, und haben's alle gleich erfahren, wie Gott doch selig führt sein Kind.

Sie ließen alle auf dem Pfade ein Schutzgebet für alle stehn, die willig, von derselben Gnade geschickt, dieselbe Straße gehn.

Bensheim a. d. B.

K. L. Knodt.