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gegen den Toten und die Leidtragenden geschwungen. Die Ge­bete sind z. T. außerordentlich schön. Ich möchte die ganze Handlung vergleichen mit einem Kranz von Blumen (jede Blume ein Gebet oder eine Schriftlesung), zusammengebunden durch den einen, immer wiederkehrenden Gedanken, die Litte: „vergib ihm seine Zünden, gib die ewige Luhe deinem Knecht." Diese Litte legt man gewissermaßen dem Geschöpfe in den Mund gegenüber dem Schöpfer, der es nach seinem Bilde geschaffen hat: „Ich bin dein Lild, erbarme dich, reinige dein Geschöpf, gewähre mir das ersehnte Vaterland, mach' mich zum Bürger deines Paradieses." Dann müssen die Märtyrer für die Seele de; Lbgeschiedenen bitten. Dazwischen tönt im­mer wieder das feierliche „anaparoson tin psiokln tu ilülu su, gib Luhe der Seele deines Knechtes!" Ergreifend ist die Schilderung der Nichtigkeit des irdischen Lebens bei dem h. Jo­hannes Damaseenus:

„lvehe, welch einen Kampf hat die Seele, wenn sie vom Leibe

sich scheidet:

wehe, wieviele Tränen, und keiner, der sich ihrer erbarme: zu den Engeln erhebt sie die Lugen, vergebens ist ihr Ziehen; gegen die Menschen breitet sie die Hände aus, da ist keiner,

der ihr hülfe!"

Luf solche und ähnliche ernste Gedanken folgen dann die Seligpreisungen, die dem Lbgeschiedenen gleichsam den Weg zum Himmel weisen und an deren Schluß der Weg selig ge­priesen wird, den heute seine Seele geht.

Lach Vorlesung von Epistel und Evangelium tritt dann ein Priester nach dem andern an die Leiche heran, betet leise und wendet sich dann an die Versammlung mit der Lfforde- rung: „Tretet herzu, laßt uns den letzten Kuß ihm geben, ihr Brüder!" Dieser letzte Kuß, der telsrvt aos aspasmos, ist eine oft ganz ergreifende Zeremonie. Einer nach dem andern tritt an den Toten heran und küßt ihn auf die Stirn, oder auf das Heiligenbild, das auf seinen gefalteten Händen liegt. Dabei singen die Priester:

„Welch ein Scheiden, o Bruder, welch ein Jammern, welch ein Klagen in diesem Lugenblick! Kommet, küsset nun den, der vor kurzem unter euch weilte. Dem Grabe wird er übergeben, mit einem Steine bedeckt, in Dunkel gebettet, den Toten zugesellt. E> ihr Llle, verwandte und Freunde, nun scheiden wir von ihm. Der Herr gebe ihm die Luhe! Was ist unser Leben? Blüte und Lufthauch und morgendlicher Tau. Laßt uns an den Gräbern es deutlich sehen! Wo ist da die Schönheit'des Leibes, wo die Jugend, wo sind die Lugen? Llles ist verdorrt wie Gras, alles ist verschwunden, laßt uns dem Herrn zu Füßen fallen mit Tränen."

Im griechischen Gottesdienst ist viel Dramatisches, auch bei der Leichenfeier; denn nun wird schließlich dem Toten selbst noch da; Wort gegeben:

„Ihr, die ihr mich ohne Odem und Stimme hier liegen seht, weinet alle um mich, Brüder und Freunde, verwandte und Bekannte: denn gestern sprach ich noch mit euch und plötzlich überfiel mich der furchtbare Tag des Todes. Lber tretet herzu alle, die ihr nach mir euch sehnet, und küßt mich mit dem letzten Kuß: denn ich werde nicht mehr mit euch wandeln oder reden. Denn zu dem Lichter ziehe ich, vor dem kein Lnsehen der Person gilt. Dort sind sie alle gleich: Knecht und Herr, König und Krieger, Leich» und Lrm, jeder wird nach seinen eigenen Werken verherrlicht oder zu Schanden werden. Ich aber bitte und flehe euch alle an, ohn Unterlaß, Thristum zu bitten, daß ich nicht nach meinen Sünden an den Drt der Oual getan werde, sondern daß er mich dorthin tue, wo das Licht des Lebens ist." (Fortsetzung folgt.)

Erinnerungen eines alten Mannes.

von Dr. Kappesser.

16. Dorftragödien.

(Schluß.)

2. s' hannarem's.

Meinem elterlichen Hause schräg gegenüber wohnte ein altes Ehepaar mit drei Kindern, der Klara, der Lisbeth und dem jüngsten Sohn Philipp, der, nur wenige Monate älter als ich, mein erster Spielkamerad war. Später freilich, da er etwas rauh und wild wurde, kam ich mehr von ihm ab. Lach ortsüblicher Gewohnheit nannte man die Familie, um sie von anderen gleichen Lamens zu unterscheiden, nach dem Luf- namen des Mannes, Johann Ldam ,,s' hannarem's". Ich hatte so in frühester Jugendzeit Gelegenheit, in dem stillen Hause zu verkehren, dessen überbautes Hoftor, meist ge­schlossen, nur selten Einblick in das Innere gewährte. Das Ganze mit gut gehaltenen Gekonomiegebäuden machte den Eindruck bäuerlichen Wohlstandes. Die beiden Eltern erschie­nen gedrückt und abgearbeitet und dadurch älter, als sie viel­leicht in Wirklichkeit waren. Der Mann war gelernter Küfer, trieb aber in meiner Kindheit neben der Landwirtschaft diesen Beruf nicht mehr. In einem Seitenbau aber befand sich noch eine Küferwerkstatt mit Werkzeug voll ausgestattet, in die ich wohl spielend einmal hineingesehen habe.

Ich sah den alten Mann manchmal, wie er auf der Eckbank hinter deck Tisch sitzend in der großen hausbibel mit Hilfe einer Messingbrille las, wobei er mit dem Finger den Zeilen nachfuhr. Solches geschah aber, wie ich erst später er­fahren, nicht aus religiösem Lntrieb, sondern er forschte dann nach Wortformen und Zahlenkombinationen, mit deren Hilfe er die richtige Lummer der Frankfurter Lotterie erraten wollte. Denn er war durch die Bedrängnis der Zeit und mancherlei Mißgeschick in Lückgang gekommen und hoffte allein noch Hilfe von dieser Frankfurter Sphinx, die, wie gesagt, damals in jener Gegend immer weiter sich einnistete, und das Bewußtsein, daß er dabei die Zustimmung seiner Mitbürger nicht besaß, machte ihn wohl scheu und zurück­haltend.

Die Frau, ein still geduldiges Wesen, war emsig bemüht, Stall und Hof und besonders die eigene Wohnung in sauberer Ordnung zu erhalten. Die schon erwachsene Tochter Klara saß zumeist in der Lähe des Ofens, mit Spinnen oder einer Handarbeit beschäftigt. Dabei war ihr Kopf und Gesicht stets mit Tüchern verwickelt, daß nur ein schmaler Spalt für die Lugen blieb. Ihre Stimme aber, wenn sie einmal sprach, klang hohl und die Worte waren schwer verständlich, weil die Gaumenlaute darin fehlten. Einmal kam ich dazu, wie gerade der verband ab war, und da sah ich mit Entsetzen, daß an der Stelle, wo man sonst die Lase sieht, sich nur eine große Geffnung befand, welche als dunkle höhle sich in das Innere des Kopfes erstreckte. Die Unglückliche litt an der furchtbaren Krankheit, welche die Lerzte lupus vorax, fressender Wolf, nennen, es ist eine Lnverwandte der Tuberkulose, welche be­sonders die Organe der Lase befällt und deren Knochen wie Weichteile nach und nach gänzlich zerstört, und zu deren Be­kämpfung erst die neuere Wissenschaft sich aufrafft, während sie damals diese Krankheit als ein Verhängnis ansah, dem man nicht entrinnen kann.

Die jüngere Schwester Lisbeth war das Bild von einem hübschen Landmädchen, von blühender Gesundheit und fröh­lichem Lebensmut, der sich schwer in die Stille dieses Hauses fügte. Eines Tages, sie war bald 18 Jahre alt, ging sie