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Gefühl des pfälzer Bauernstandes, dem das „kein hüsung" als letzte Grenze und als Sprung ins Dunkle gilt, hat doch einst jener Bürgermeister, als er in seiner Bede seine rhein- hessische Heimat pries, behauptet, daß dort auch die „Lelleut" (Bettelleute) Bapitalrentensteuer zahlen als „Belleut" rechnete man dort alle, die nicht auf eigener Scholle sitzen, auch die Beamten, die unter staatlichem Vach ihre Lebsucht aus dem allgemeinen Staatssäckel beziehen, hat mir doch einmal einer von ihnen behauptet, sie seien ein Vierteljahr zu früh auf die Welt gekommen, weil sie immer schon Ver­wendung für das wüßten, was sie nach einem Vierteljahr einzunehmen hätten.

Es bildete sich so allmählich ein Bodensatz solcher im Dorf, von denen Biehl behauptet, daß ihnen der Stolz des Erwerbs und die Freude des Besitzes fehle. Es fingen dann auch erst einzelne, dann mehrere an, sich vor der Gberpforte in der Bähe des einst herrschaftlichen Bmthauses auf dort freiem Gelände planlos kleine Hütten zu bauen, wozu sie sich das Material, luftgetrocknete Lehmsteine, an Drt und Stelle selbst fertigten, höchstens blieb noch daneben Platz für ein Geißenställchen und ein Ländchen für Gurken- oder Boh- ncnpflanzung.

Buch der in Br. 5 des „Sonntagsgrußes" genannte Dbcrpörter Schuster, nachdem er d»rch bureaukratischenMiß- verstand um sein heim war gebracht worden, hatte sich sein Häuschen so nebenan gebaut. Im übrigen aber setzte er seine ganze Hoffnung auf die damals namentlich in den rhein- hessischen Weinorten sich immer weiter einfressende Frank­furter Lotterie. Was er an Geld in die Hände bekam, ver­spielte er in ihr, und ein pflanzäckerchen nach dem andern wurde versilbert, und den Erlös fraß dieser Moloch. Unter anderen hatte er einen Sohn, der vom Vater das Schuster- Handwerk erlernt hatte und davon der Schusterhannes ge­nannt wurde. Ein braver Mann, dessen Hünengestalt wenig zu seinem Handwerk paßte, wie er denn auch, da ihn der Be­darf seiner Mitbürger, besonders im Sommer, wo viele bar­fuß gingen, nicht genügend beschäftigte, gerne zur Feldarbeit bereit war, und so war er zu Zeiten, wenn diese sich häufte, gar manchmal Gast an unserem Tische.

Tr versah unsere Schuhe mit frischen Sohlen und Fleck und benagelte sie im Winter mit breitköpfigen Bügeln für die Schleife. Gar manchmal saß ich ungeduldig harrend neben seinem Stuhl, während ich das Lichtspiel an seiner Glaskugel über dem Werktisch bewunderte und dabei mancherlei Ge­spräche hörte, welche ich erst später begriffen habe. Seine Frau, einst ein schönes Mädchen in Diensten in einem Bach­barort, war mit einem dortigen wohlhabenden Bauernsohn zu Fall gekommen. Dieser hatte sie auch heiraten und wieder zu Ehren bringen wollen, war aber von seinen Bngehörigen davon abgebracht worden. Er hatte sich auch als Vater ihres Sohnes bekannt und sie mit einer für die Verhältnisse beträcht­lichen Geldsumme abgcfunden. Daraufhin hatte sie dann der Schusterhannes in Bücksicht seiner eigenen trostlosen Verhält­nisse geheiratet, und er lebte auch in friedlicher Ehe mit ihr. Line Trübung gab es nur manchmal wegen des eingebrach- ten Sohnes. Derselbe, Schusters wennel (Wendel) genannt, nur etwa ein Jahr älter als ich, ein schlank und ebenmäßig ausgewachsener Junge mit intelligentem Busdruck in den hell­blauen Bugen, schien wohl zu fühlen, daß der Makel seiner Geburt ihn durch eine weite Kluft von den anderen Dorfbewohnern trennte, weshalb er sich wie ein wild einge­fangener Vogel benahm, und sich dem Zwang der Grdnung nicht fügte.

Die wachsende Bot der Zeit hatte damals den Grts- vorstand und den Schulvorstand zu einer eigentümlichen Ein­richtung gebracht, durch welche sie das Gute mit dem Bütz- lichen verbinden wollten. Die schulpflichtigen Binder der be­dürftigen Familien durften an zwei Bachmittagen in der Woche Gaben heischend an den Türen der Wohlhabenderen erscheinen, wo sie ein Stück Brot oder andere viktualien er­hielten. Da hatte nun der alte Lehrer 5. für jeden der Be­treffenden ein Papier auf ein Stück Pappe geklebt und mit Linien bezogen. Beim verles am betreffenden Tag bescheinigte er ihnen die Bnwesenheit in der Schule, und wer keine solche aufweisen konnte, erhielt nichts, wohl aber vielleicht einen Ersatz dafür zu Hause. Bm hervorragendsten unter den Schul­schwänzern war aber stets der Wennel, wobei ich mich damals in der Schule wunderte, daß derselbe mit einem anderen Bamen aufgerufen wurde, als dem seines vermeintlichen Vaters. Diesen letzteren hörte ich einmal sich bitter bei meinem Vater beklagen wegen des Breuzes, das er mit dem Buben habe. Venn wenn er ihn so gehen lasse, reife er sicher dem Galgen zu, und wenn er, der Vater, ihn strafe, erwüchsen ihm Vorwürfe, daß er sein Recht überschreite. Wie ich den Jungen so im Gedächtnis habe, würde er in der Zeit des dreißigjährigen Brieges vielleicht ein Jan van Weert oder ein wilder Bandenführer geworden sein. Ich habe ihn schließ­lich aus dem Gesicht verloren, aber wenn ich recht berichtet bin, ist er später mit Buswanderern nach Bmerika gezogen, was für ihn, wie für die Zurückbleibenden wohl das beste war.

Der Dberpörter Schuster aber setzte bis zuletzt seine Hoffnung auf die Frankfurter Lotterie, was aber am merk­würdigsten war: Während sonst gerade in bäuerischen Ver­hältnissen die Heranwachsende Generation nur zu oft mit einer gewissen Härte die abgehende für den Rückgang des Gutes verantwortlich zu machen pflegt, war das hier nicht der Fall. Wenn der Blte im Sorgenstuhl sitzend wie ein Pro­phet den Seinen dartat, wie nach seinen Träumen und den Buskünften, welche er in der Bibel und in dem Gesangbuch gefunden habe, ganz gewiß noch da; große Los der Lotterie ihm zufallen müsse, und er in begeisterten Worten die Herr­lichkeit schilderte, die alsdann kommen werde, so stimmten sie hypnotisiert ihm zu und darbten mit ihm weiter. Und so machte die Frankfurter Harpyie mit hoffen und harren die Menschen zu Narren. — (Schluß folgt.)

Lin pfälzischer Musikant.

Erzählung von Heinrich Bechtolshpimer.

(Fortsetzung.)

Dann nahm Gottfried seine Blarinette hervor und fing an zu blasen. Eilfertig lasteten seine Finger über die Blappen des Instrumentes. Tänze, Märsche, Lieder wie „Zu Sedan auf der höhe stand ich im blut'gen Feld" oder „Schier dreißig Jahre bist du alt", alles spielte Gottfried, und er spielte gut. wenn auch die pfälzischen Musikanten sich an Richard Wagner nicht heranwagen, sie sind doch taktfest und die geborenen Straßenmusikanten.

Mir gefiel die Musik, die Gottfried machte, ausnehmend gut. Wie elektrisiert war ich von diesen Tönen, und ich bat meinen Freund, er möchte mich auch einmal die Blarinette blasen lassen. Bber o weh! es kam ein übles pfeifen heraus, und Gottfried sagte lachend: „Peter, hättest du im Sommer, wo so viele Mäuse in der Gemarkung waren, draußen auf dem