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Musikant geworden und hatte sich gleich nach der Entlassung aus der Schule einer jener zahlreichen pfälzischen Musikkapellen angeschlossen, die die ganze EDelt durchziehen. Die Heimat dieser Musikanten, auch ,,Schnorranten" genannt, ist allerdings nicht eigentlich die Nordpfalz, sondern vielmehr der Werrich, das Glan- und Gdenbachtal, die Gegend zwischen dem Donnersberge und dem Oberlauf der Nahe einerseits und zwischen Kim und Kaiserslautern andererseits. Kusel, Wolfstein, Lauterecken, Jettenbach und Kaulbach, das sind die eigentlichen Musikantensitze. Bber das Musikantenland erstreckte sich damals mit seinen Busläufern bis in die Gegend, in der ich geboren bin. Sn der Nähe von Nockenhausen, in den Dörfern Heiligenmoschel, Teschenmoschel und Hefersweiler wurde ebenfalls viel Blechmusik gemacht. So war Gottfried Keiper, der kein Geschäft erlernt hatte, Musikant geworden und hatte nun, am Ende meiner Schulzeit, schon mehrere große Neisen hinter sich. Sm Winter waren die pfälzischen Musikanten allesamt zu Hause, übten auf ihren Instrumenten und verzehrten das Geld, das sie in der guten Jahreszeit erworben hatten. Sobald die Lenzsonne wieder schien und die Bauersleute in der Zeit nach Fastnacht wieder hinaus auf das Feld gingen, taten sie sich zu Kapellen zusammen und zogen in die weite Welt, durch die Nheingegend und Norddeutschland hindurch, nach Belgien, Holland, Frankreich und England, in gleicher Weise nach Norwegen und Schweden, vereinzelte Kapellen spielten in den russischen Ost- sceprovinzen, in den letzten Jahren sind pfälzische Kapellen sogar nach Nfrika und Nustralicn gegangen, nachdem sie den Weg über dar Weltmeer nach Nmerika schon viel früher gefunden hatten. Sch würde mich nicht wundern, wenn Nmundsen pfälzische Musikanten mit nach dem Südpole mitgenommen hätte, die unterwegs den Eisbären aufgespielt hätten.
Es wird im Winter 1872/73 gewesen sein, da hatte der Donnersberg eines Morgens, als wir aufwachten, eine weiße Kappe über sein Haupt gezogen, richtiger gesagt, er hatte eine weiße Decke über seinen breiten Bücken gebreitet, und nun schneite es mehrere Tage lang, daß in Feld und Wald nichts auszurichten war. Sn diesen Tagen war Gottfried Keiper von einer Reife, die ihn mit seiner Kapelle nach England geführt hatte, zurückgekommen. Sch hatte mich an einem Nachmittage mit meinen Schulkameraden auf dem Schloßbergc Herumgetrieben. Wir hatten Schneemänner gemacht und schließlich ein Schneeballengefecht geführt, auf einmal stand Gottfried in unserer Mitte. Bber er beteiligte sich nicht an unserem Spiele, sondern tat wie ein fremder, vornehmer Herr. Er trug einen neumodischen, runden, steifen Hut und hatte einen Pelzkragen um den hals gelegt. Buch sprach er nicht mehr in der allvertrauten nordpfälzischen Mundart, sondern sagte „dal" und „wat" und „jejangen" und „jesehen".
Sck kann nicht anders sagen, als daß der elegante, vornehm tuende Jüngling uns Buppertsecker Buben, die wir nichts weniger als geschniegelt waren, sehr imponierte. Besonderen Bespekt bekamen wir vor ihm, als er dort oben auf dem Schloßbcrge aus einem Block ein dünnes, weißes Papier hcrausriß, dann einer Dose etwas Tabak entnahm, sich kunstgerecht eine Zigarette drehte, diese in Brand steckte und das Streichholz mit einer eleganten Brmbewegung wegwarf. Den Namen „Zigarette" horten wir damals zum erstenmal aus Gottfrieds Munde. Noch nie hatten wir gesehen, daß jemand solche Dinger rauchte. Die Männer in Ruppertsecken rauchten allesamt die Pfeife, zumeist die kurze Pfeife, die bei der Arbeit nicht hinderlich war und in der Winterkälte
hübsch die Nase wärmte. Junge Burschen gingen Sonntags stolz durch das Dorf, wenn sie die mächtige, lange Pfeife, die mit großen Troddeln geziert war, in der Hand trugen, aber selbst Zigarren kannte man damals in meiner Heimat noch nicht. Und es waren auch nur zwei Sorten Tabak bei Krämer Lippert zu haben. Die eine nannte man „Tlephant", weil auf dem Päckchen ein Tlephant abgebildet war, und die andere, die auf der Vorderseite der Umhüllung einen stolzen Beitersmann zeigte, hieß „kl. 8. Beiter", von dieser Sorte ging die Bede: „B. 6. Beiter, drei Züg' do leit er." Buch brachte niemand seine Pfeife mit einem Zündholz in Brand, für diesen Zweck hatten alle Männer Zunder und Feuerstein.
Sch betrachtete es als einen großen Vorzug, als Gottfried Keiper an jenem Wintertage mich aufsorderte, mit in das Haus seines Vaters zu gehen, weil er mir die Sachen zeigen wolle, die er von seiner Beise mitgebracht habe. Tr kramte aus der Tischschublade eine ganze Menge von Dingen aus: einen Tabaksbeutel, der in Bmslerdam gekauft sei, ein Stammbuch, in das seine Freunde einschreiben sollten, eine Ziehharmonika, die in Paris, und eine Taschenpistole, die in Brüssel erstanden sei. Was er sonst noch für Gegenstände damals vor mich hinlegte, habe ich vergessen.
Dann erzählte mir Gottfried von seinem Wander- und Musikantenlcben. Die Kapelle war 8 Mann stark gewesen, der Ulcister so nennen die pfälzischen Musikanten ihren Direktor, der zugleich Unternehmer ist war aus Bltenglan gebürtig. Gottfried hatte Klarinette geblasen, aber er spielte mitunter auch Baß. von Oberstein an der Nahe hatten sie ihre Wanderung angctrcten, quer durch den Hunsrück waren sie, immerfort musizierend, bis nach Trier gezogen, von Trier ging es die Saar aufwärts bis nach Metz. Buf einem Landgute bei Metz hatten sie bei der Hochzeit der Tochter eines Barons aufgespielt. Bber die Sache war dadurch unangenehm geworden, daß die jungen Damen, die an der Hochzeit teilnahmen, Gottfried zu oft zum Tanze aufgefordert hatten. Und Gottfried tanzte natürlich mit ihnen: Schottisch, Mazurka und Walzer links herum. Da war der Meister wütend geworden, weil ihm die Klarinette fehlte, aber Gottfried, der wußie, daß er dem Meister unentbehrlich sei, hatte sich natürlich nichts gefallen lassen. Energisch hatte er erwidert: „Mein Herr, mäßigen Sie sich, sonst sorge ich dafür, daß Sie aus dem Saale hinausfliegen." Sn Metz hatte Gottfried in einem Tafs ich wußte damals noch nicht, was das sei einen preußischen Leutnant kennen gelernt, der ihn in das Offizierskasino cingeladen hatte. Dort hatte er auf seiner Klarinette blasen müssen, und ein Oberst hatte gesagt: „Sch habe schon viele gute Musiker gehört, aber so ein schönes Klarinettenblaien ist mir noch nicht vorgekommen." Dann war die Kapelle nach Frankreich gewandert, und die Franzosen waren allemale begeistert, wenn sie Gottfrieds Musik hörten. Nur einmal war es dem Gottfried beinahe übel gegangen. Da; war in einer Vorstadt von Paris, da hatte ihn eines Bbends, als er nach seiner Herberge gehen wollte, einige Franzosen verfolgt mit dem Bufe: „un prussien!", aber Gottfried hatte die Bn- greifcr rechts und links in die Straße hineingeschleudert und ruhig seinen Weg fortgesetzt. Was er weiter von seinen Erlebnissen in Belgien, Holland und England erzählte, weiß ich nicht mehr, ich halte cs auch für kein großes Unglück, daß ich das vergessen habe. Bber das ist mir noch in der Erinnerung, daß der junge Musikant erzählte, wie er auf der Rückreise von England einen großen Seesturm erlebt habe.
Sch war von diesen Mitteilungen ganz hingerissen. Daß aus Gottfried, der mir früher durch sein Fratzenschneidcn so


