61
nommen." Lin Herr, der mit bei Tisch saß und diese Unterhaltung mit anhörte, hat mir dies später erzählt.
Diese Zeiten liegen lang zurück, wie jedermann weiß, so war auch die Stadt Berlin damals noch nicht die Millionenstadt, wie sie es heute ist, und besonders das Leben auf den Straßen in den späten Nachtstunden war durchaus nicht lebhaft. So erinnere ich mich eines Winterabends, an dem tiefer Schnee lag, und mein Weg mich, als ich aus dem Theater kam, gegen elf Uhr die Linden entlang führte, daß ich von weitem schon auf der fast menschenleeren Straße eine hohe Gestalt an den Häusern entlang vor mir hergehen sah. Mein Wagen konnte des vielen Schnees wegen nur langsam fahren, doch erkannte ich sogleich die Persönlichkeit. Ls war Moltke in Uniform, der allein und tief in Gedanken versunken, gar nicht um sich blickend, die einsame, schneehelle Straße nach Hause ging.
Mir ist dieser Anblick unvergeßlich geblieben,' denn es strahlte eine solche Hoheit und Nuhe von dieser Persönlichkeit aus, wie er so groß und doch so völlig schlicht einherschritt, daß ich mir sagen mußte, so lange dieser Mann für unser Vaterland dachte und wachte, so lange könnten äußere Feinde uns nichts anhaben. Baronin U.
(Eilt pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
Mittlerweile war ich 12 Jahre alt geworden und war für meine Jahre ein recht Kräftiger Junge. Bei der Feldarbeit mußte ich tüchtig mithelfen, namentlich im herbste, wenn wir Schulferien hatten, gab er viel zu tun. Sch habe manchen Wagen mit vickrüben oder Weißrüben ganz allein geladen und dann das Gespann selbständig nach Hause gelenkt. Sn dieser Zeit habe ich auch mein erstes Geld verdient, ich bin nämlich einmal zur Zeit der Weinlese 14 Tage lang bei dem Weinhändler Mahler in Kreuznach beschäftigt gewesen. Das hat sich auf folgende Art gemacht. Notar Graf in Bingen, bei dessen Vater, wie ich schon mitgeteilt habe, mein Vater als Knecht gedient hat, hatte mit Freunden einen Nusflug nach dem Donnersberge gemacht und hatte meinen Vater, an dem er immer noch mit großer Liebe hing, nach Marienthal bestellt. Er wollte den „Nupperts- ecker Hannes", wie er sagte, wieder einmal sehen. Mein Vater hatte mich mitgenommen, und so saßen wir beide denn im Wirtshause „Zur Burg Falkenstein" mit den Herren aus Bingen zusammen, von allem möglichen wurde dort gesprochen, im Mittelpunkte des Gespräches stand der deutschfranzösische Krieg. Mein Vater halte erzählt, daß Georg bei Sedan geblieben sei, und da stellte sich heraus, daß unter den fremden Herren einer war ich weiß nicht mehr, wie er hieß , der einen Sohn im Gefechte bei Artenan am 3. Dezember 1870 verloren hatte. Schließlich war auch die Nede auf mich gekommen. Man hatte mich gefragt, was ich werden wolle, worauf ich froh und stolz erwidert hatte: „Sch will ein Glaser werden." Dann mit einem Male hatte Herr Graf gesagt: „Sag mal, Hannes, ißt dein Peter gern Trauben?"
Da hatte mein Vater gelacht und gesagt: „Warum nicht? Herr Notar, der ißt Trauben, wenn er sie hat, aber auf unserem Schloßberge wachsen nur Schlehen und Hagebutten."
„Sch weiß aber etwas für den Peter," sagte Herr Graf, „mein Freund Mahler in Kreuznach sucht Leser, er hat seither immer Mädchen aus dem Hunsrück gehabt, die sind
dieses Jahr ausgeblieben. Laß den Bub mit uns fahren, Hannes, ich bringe ihn heute noch zu meinem Freunde."
„Sch habe nichts dagegen," sagte der Vater, „wenn der - Peter will."
Gb ich wollte? Sch sprang beinahe vor Freude in die höhe. Line Weinlese mitmachen und eine Stadt, von der ich schon viel gehört hatte, sehen, das kam mir als ein großes Glück vor.
viel Zeit war nicht zu verlieren, da die Herren bald abfahren wollten. So sprang ich denn rasch den Berg hinauf nach Hause, ließ mir von der Mutter, die zuerst über meine Pläne den Kopf schüttelte, die nötigsten Habseligkeiten in ein großes, rotes Taschentuch einpacken und eilte nach Marienthal zurück. Sch bekam meinen Platz auf dem Bocke neben dem Kutscher, hier saß ich hundertmal lieber als in der Thaise selbst, obwohl man das Vach zurückgeschlagen hatte,' denn ich konnte mich frei nach allen Nichtungen Umsehen. Ls war auch ein schöner, milder Herbsttag, und der Kutscher war ein alter, freundlicher Mann, der mir viel erzählte von seinen Kindern, von seinen Pferden und von seinen Erlebnissen. Wir fuhren über Nockenhausen und dann das Nlsenzthal hinab und waren abends in Kreuznach. Sch bekam bei Weinhändler Mahler mein (puartier in einem Seitenbau neben dem Kelterhause, in einem Zimmer, in dem außer mir noch ein Knecht schlief.
Vas war nun eine Lust, in den darauf folgenden beiden Wochen bei der Traubenlese mitzuhelfen. Sch lernte alle berühmten Weinlagen der Nahestadt kennen, den hasenrech, den Kauzenberg und den hinkelstein. Lmsig schnitt ich die Trauben ab,' daß ich manche der süßen Beeren in meinen Mund spazieren ließ, brauche ich wohl nicht zu sagen. Meine Fröhlichkeit wurde auch nicht durch einige freche Kreuznacher Buben herabgemindert, die gleichfalls bei Mahler beschäftigt waren und mich, weil ich vom Lande war, nur „Bauer" oder auch „dummer Lauer" nannten. Sch habe mich ja meiner Herkunft von einem kleinen Dorfe nie geschämt, bin vielmehr Gott allezeit in meinem Leben dankbar gewesen, daß ich meine Kindheit nicht in einer großen Stadt verlebt habe, wo ein Kind nicht in Zusammenhang mit der großen, freien und schönen Natur steht.
Aber meine größte Freude war, als die Weinlese zu Lnde war und Mahler mir zwei neue, blitzende, preußische Taler gab. Vas war mein erstes, selbstverdientes Geld. Sch ging den weiten weg nach Hause zu Fuß, und zwar ging ich über Alsenz, Gberhausen und Wllrzweiler. Als ich an diesem (Orte den steilen Feldweg hinauf nach meinem Heimatdorfe ging, beschleunigte ich immer mehr meine Schritte, ja den letzten Teil des Weges legte ich im Laufschritte zurück. (Ohne guten Tag zu sagen trat ich in die Wohnstube und sagte zur Mutter, indem ich meine blinkenden Geldstücke auf den Tisch legte: „Mutter, das habe ich verdient, das ist für dich!"
„Du bist ein braver Bub," sagte die Mutter, „aber es ist gut, daß du wieder daheim bist." Dann schenkte sie mir Kaffee ein und gab mir ein großes Butterbrot.
Sm Winter gab es für mich nicht allzu viel zu tun. Wenn der Vater mit Fritz im Walde arbeitete, hatte ich das Vieh zu besorgen. Sonst aber war ich, wenn die Schule zu Ende war, ganz beschäftigungslos. Da knüpften sich nun für mich Beziehungen an, die für mein ganzes späteres Leben von der größten Bedeutung werden sollten. Der, der mein Schicksal in bestimmte Lahnen lenken sollte, war Gottfried Keiper, der Nachbarssohn, der mir einst, als ich noch klein war, so viel Angst gemacht hatte. Gottfried war nämlich


