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Aber es ist kein persönliches Land, welches Pate und Patenkind miteinander verbindet, keine Fürbitte des Paten für das Kinb, kein Gefühl der Mitverantwortlichkeit.
persönliche Beziehungen bestanden früher auch zwischen den Kirchenoorstehern und den ihnen anbefohlenen Kirchengemeinden. Wer die Geschichte der Deformation in Hessen kennt, der weiß, wie persönlich diese alten „Senioren" ihr Amt aufgefaßt und geführt haben. Lei Familienzwistigkeiten in einem Hause, wenn Tod und Krankheit irgendwo einkehrten, bei Not und Armut, haben diese Senioren persönlich mitgeholfen, mitgetragen und manches wieder in das rechte Geleise gebracht. Man lese die alten Kirchenkonvents- protokolle, wie diesen Männern das Wohl und Wehe der Gemeinde wirklich persönlich am Herzen lag.
Schließlich wäre noch darauf hinzuweisen, wie auch ein rechter Pfarrer sich die persönlichen Beziehungen zu seinen Gemeindegliedern mit aller Kraft soll angelegen sein lassen, sich persönlich soll verantwortlich fühlen für alles, was in seiner Gemeinde Unerfreuliches geschieht. Daß das persönliche Verhältnis der Thristen zueinander enger geknüpft wird, davon hängt zum guten Teil die Neugeburt und Neubelebung des christlichen Lebens in unseren Gemeinden ab.
G. G.
Hühre uns nicht in Versuchung.
vor einigen Jahren hörte ich von einer den besseren' Ständen angehörigen Frau, daß sie die Ehrlichkeit eines neuen Dienstmädchens auf „sehr schlaue" Weise leicht und sicher bald nach dem Eintritt des Mädchens feststelle. Sic lege zu diesem Zweck an irgend einen versteckten Platz - etwa unter einen Teppich oder unter eine Vorlage ein Geldstück. Ast nun das Geld nach einiger Zeit, nachdem das Mädchen an der Stelle geputzt hat, verschwunden, ohne daß es der gnädigen Frau abgegeben wurde, so steht fest: das Mädchen ist unehrlich, und es wird bald entlassen. Ast es aber in seiner Arbeit tüchtig, und man kann im übrigen mit ihm zufrieden sein, dann wird die Probe wohl auch wiederholt, und die Entlassung erfolgt erst, wenn auch das zweite Geldstück wieder verschwunden ist.
An diese „kluge" Frau wurde ich in diesen Tagen unwillkürlich erinnert, als ich, nachdem des Tages Last und Hitze getragen war, mich noch ein Stündchen zu den Füßen meines lieben Peter Nosegger setzte, indem ich einige Abschnitte aus seinem neuesten Werke „Heimgärtners Tagebuch"*) las und mir da von ihm ein Erlebnis in seiner schlichten, ergreifenden Weise folgendermaßen erzählen ließ:
„Zu Ahnen hätte ich vertrauen", sagte er weichmütig, während es schien, als schäme er sich dessen. „Das Beichten- gehcn habe ich mir schon lange abgewöhnt. Gibt aber halt doch Lachen, die man mit der Zeit nicht ertragen kann. Etwan weil sie schwerer werden oder weil unsereiner schwächer wird.
Aber ein schönes Zimmer haben 5'." So unterbrach er sich, als ob ihn der augenblickliche Eindruck des Zimmers die schweren Anliegen schon vergessen ließe.
Ein mir wohlbekannter Grobschmied aus dem Murtale wars, der wegen einer geschäftlichen Angelegenheit auf ein paar Tage nach Graz gekommen war und bei dieser Gelegenheit mich besuchte. Tr hatte in der Stadt mancherlei Gänge gehabt und dabei war der Grobschmied, der seine Kraft mehr in den Armen als in den Leinen hatte, etwas müde geworden
*) „heimgärtners Tagebuch", Verlag von L. Slaackmann, Leipzig, Preis geb. 5 Mb., sei den Lesern des „Sonnlagsgrußes" zur Lektüre warm empfohlen.
und hatte sich gedacht, er besuche den „Herrn Dichter". Es sei ihm bei diesem herumgehen nämlich eine alte Geschichte eingefallen, die sich mit ihm früher einmal in Graz zugetragen, die ihm in schlaflosen Nächten zu schaffen mache und die er gern vom Gewissen haben möchte. — ®b ich mich nicht erinnern könne, wie ihm dazumal auf dem Grazer Lahnhof die Brieftasche gestohlen worden ist?
Nein, davon wisse ich nichts.
„Es ist geredet worden davon", sagte der Schmied. „Nur die Ursache weiß niemand als ich. Ast es Ahnen recht, wenn ich die dumme Geschicht' erzähle?"
„Aber natürlich. Wollen Sie sich dazu nicht eine anstecken !" und schob ihm das Zigarrenkistchen vor.
„Vergelts Gott, 's ist nicht der Brauch, daß der INensch beim Sündenbekennen Tabak raucht."
„Nun, also legen Sic los."
Der Alte neigte sich vor, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch, legte die flachen Hände an die Stirn und begann heiser zu lachen. „Wir Gbersteiner tun immer einmal gern Leut foppen", sagte er dann. „Lin auch so einer gewest, aber seit neun Jahren foppe ich nimmer, Hab' mir's abgewöhnt.
Na, gewest ist die Geschicht so. Lin dazumal nach Graz gefahren, eines Lisengeschäfts wegen war's. Hab' mich selber noch nicht so ausgekannt in der Stadt und hat mich der Do- natl herumgeführt, von einem meinigen Lruder der Sohn, der beim Militär ist gewest und für die paar Tage Urlaub bekommen hat. Tin gutmütiges Lürschel, ein wenig von der leichten Zeiten, und die Zeit ist einem bei ihm nicht lang worden. Sind auch ins Theater miteinand, ins Wirtshaus und überall hin. So gut wie dazumal Hab ich mich selten unterhalten in der Stadt. Am dritten Tag ist's die höchste Zeit, daß ich heimfahr, schier's ganze Geld ist beim Teuxel gewest. Da fällts mir im Vorwitz ein: halt, heul foppest einen Spitzbuben! Zieh aus dem Leibelsack die leere Brieftasche, ein alter Fetzen, und stecke sie auswendig in den Nocksack, so daß sie ein bissel herausschaut. Will doch einmal sehen, ob's wirklich so schlimm ist mit den Taschendieben in der Stadt. Unterwegs zum Bahnhof schau ich mir noch den Zirkus an, kauf mir nachher ein Glas Lier, und auf dem Lahnhof stellt mein Soldat .sich nochmals ein, um sich bei mir zu verabschieden und mir Grüße an seine Leute daheim mitzugeben, hernach schieb ich mich durchs Gedränge gegen den Schalter hin, um die Fahrkarte zu kaufen, zahle sie mit Silbergeld aus dem Lederbeutel, stecke den wieder in die Hosentasche und denk': So, alte Grazerstadt, jetzt schau dir den Schmiedemeister Neffelbacher von hinten an. Nun höre ich auf einmal Getrappel in der Halle, und die Leute fahren durcheinander. „Was ist denn geschehen?" frage ich. - „Tin Taschendieb!" heißt es, „der Sicherheitsmann hat einen Taschendieb abgefangen. Ach taste nach meiner Brieftasche, richtig die ist glücklich weg. Und Hab heimlich keine schlechte Freud darüber, daß ein Langfinger in den billigen Köder geschnappt hat und dabei erwischt worden ist. Wie ich aber Hinschau o du heilige Mutter Anna! zwei Sicher- hcitswachmänner haben ihn dazwischen und legen ihm Eisen an die Hände und ist's der Soldat, der Donatl, meines Lru- ders Sohn. Seine Mütze tief über die Augen herab und schnappen ihm die Knie ein. Wem was gestohlen ist, der soll sich melden! wird ausgerufen. Ach schau, daß ich durch den Wartesaal komm' zu meinem Eisenbahnzug. Da haben sie mich aber aufgehalten und geschrien: „Der ist's, dem hat er die Brieftasche aus dem Sack gestohlen," und der Wachmann, der es auch gesehen hat, sagt: „Wahr ist's." Aber ich stoß mit dem Ellbogen die Leut weg und sag: „Laßt's mich einsteigen, ich


