Nr. 8. Gießen, Sonntag Invokavit, I.März 1914. 3. Jahrgang.
persönliche Beeinflussung.
Brief des Paulus an die Philipper 2, 2. (Erfüllet meine Freude, daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einhellig seid.
Wer in der Geschichte des christlichen Glaubens Bescheid weiß, dem ist es auch wohlbekannt, daß in alter Zeit, in den ersten Jahrzehnten, in denen es Christen gab, der Wandel der Thristen viel reiner, liebevoller, ehrlicher, mit einem Wort viel christlicher war. Wir kennen wobl alle noch von unserer Schulzeit her das Wort jener Sklavin, welche selbst unter schweren Folterqualen nur zu sagen wußte: „Ich bin eine Christin, und unter Christen wird nichts Böses getan!" Das ist allerdings ein Urteil aus Christenmund selber, allein, was den römischen Staat schließlich gezwungen hat, die Waffen vor dem Christentum zu strecken, das war die Achtung vor dem Wandel von Leuten, die sich verzehrten in uneigennütziger, aufopfernder Liebe und rein waren von den Lastern der damaligen peidenwelt.
Daß der Wandel der heutigen Christen weit, weit zurücksteht hinter dem der damaligen Bekenner des Christenglaubens, bedarf kaum eines Beweises. Das fühlen wir an uns selber und sehen es alle Tage, daß Leute, die sich Christen nennen, die sich wohl noch ein besonderes Ansehen zu geben wissen, fähig sind zu schlimmen Dingen, erfüllt sind von grobem Eigennutz und daß sie Unwahrhaftigkeit und Sinncnlust nicht scheuen. Was das Christentum heutzutage so in Mißkredit gebracht hat, das ist gar nicht die Unfeindung und Anfechtung seiner Feinde, sondern der Sündendienst, die Scheinheiligkeit so vieler „Christen".
Ganz gewiß hat mancher von uns schon darüber nachgedacht, woher das kommt, warum das christliche Leben damals so rein, so achtunggebietend war und heute so ganz anders. Das hat mancherlei Gründe, hier soll, so weit es der Baum erlaubt, nur auf eine Ursache näher eingegangen werden. In alter Zeit war mehr persönliche Einwirkung der Christen aufeinander, mehr persönlicher Einfluß der Führer auf die Gemeindeglieder.
Dieser persönliche Einfluß tritt uns auch in unserem kurzen Texteswort entgegen. „Erfüllet meine Freude", schreibt Paulus aus dem Gefängnis in Uom an seine Gemeindeglieder in Philipp!, von denen er gewiß die aller
meisten persönlich gekannt hat. Ihm zu Liebe, um ihm in der Trübsal eine Freude zu machen, sollen die Gemeindeglieder in Philipp! der Liebe und der Verträglichkeit gegeneinander sich befleißigen. Cs läßt sich leicht denken, wie dieser Gedanke an die Bitte, an die drangvolle Lage des Apostels Paulus den Christen in Philipp! ein mächtiger Sporn war, seine Wünsche zu erfüllen, seinen Mahnungen nachzukommen. Gar manche gefahrvolle Situation in seinen Christengemeinden hat Paulus durch den Einfluß seiner Persönlichkeit wieder in das Geleise gebracht, entweder durch einen Brief, welchen er sandte, oder indem er selber kam. Das gilt z. B. ganz besonders von der Christengemeinde in Korinth.
Dieser persönliche Einfluß hat heute unter uns Christen sehr nachgelassen. Man wird freilich Gründe dafür anführen können. Zur Zeit des Apostels Paulus war das Häuflein der Christen noch klein, daher waren die Beziehungen der Christen untereinander enger, herzlicher, inniger als heute. Und ferner wird man sagen können, daß Persönlichkeiten wie Paulus, der auf seine Mitchristen ganz besonders nachhaltig einwirken kann, heute selten sind.
Uber trotzalledem könnte das persönliche Band auch in unseren Christengemeinden viel enger, nachhaltiger sein, wenn wir nur ernstlich wollten. Pate sein, ein Kind aus der Taufe heben, das war früher viel mehr als heute eine persönliche Sache. Man lese so manche Schrift von Glaubrecht, wie z. B. „Der Zigeuner", wie da zwischen dem Paten und seinem Patenkind wirklich ein Band der Freundschaft, der Treue und des Zutrauens herrschte, wie der Jüngere beim Ael- teren sich Bat holte, wie einer mit dem anderen litt und mit ihm fühlte! Dieses schöne Verhältnis hörte damals nicht mit der Konfirmation des Patenkindes auf, sondern es löste sich oft erst mit dem Tode, es dauerte lebenslang, Heute ist von diesem schönen Verhältnis oft nicht viel mehr geblieben als der Name, und oft noch nicht einmal der. In der Stadt hört man kaum noch ein Kind von seinem Paten reden, den Erwachsenen kommt das Wort nicht mehr über die Lippen. Cs ist eine rein äußerliche Sache, wenn heute in der Stadt jemand ein Kind hebt; am Weihnachtsfest wird irgend ein Geschenk gegeben, ein Löffel und dergleichen, womit dar Kind im Augenblick noch gar nichts anzufangen weiß.


