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den Rufsatz. den ich qeschrieben hatte, den anderen als Muster vorlas. Alles mögliche schrieben wir damals in der Schule: Geschäftsbriefe. Rechnungen. Zeugnisse. Bald träumte ich da­von. daß ich ein großer Kaufmann sei und bestellte bei einem Geschäfte in Mannheim oder in Mainz Zucker, Kaffee. Essig und Steinöt so nannten wir das Petroleum in großer Menge, unbekümmert darüber, ob ich auch Kredit habe oder nickt. Oder ick fühlte mick als lVaqnermeister und stellte dem Iobannes Mltinger in Ruppertsecken eine Rechnung aus über eine Scheuerleiter, die ich ihm angefertigt. und über einen Karren, den ich ihm ausgebessert hatte. Gder in derselben Eioensckaft bescheinigte ich dem Gottfried Keiver. daß er als Geselle drei Iabre lang bei mir gearbeitet und sich stets flei­ßig. treu und ehrlich verhalten habe.

Besondere Freude hatte ich an dem Geschichtsunterrichte. Zu gern hörte ich Rnekdoten aus dem siebenjährigen Kriege. Buck freute ich mich, wenn Lehrer Winterstein von den alten Deutschen. von den Timbern und Teutonen und von Bermann, dem Tberusker. erzählte. Tinen Rtlas hatten die Kinder in den pfälzischen Dörfern damals noch nicht, und die Landkar­ten. die zusammengerollt in der Ecke des Sckulzimmers stan­den. waren mindestens Ickon 30 Iabre alt, aber 'ck folgte auf ihnen dock gern dem Lauf der Zlüsse und reiste im Geiste in weit entlegene §erne.

3n Wahrheit hatte ich von der Welt nicht viel gesehen. Buvvertsecken mit den benachbarten Bergen und Wäldern, das war meine Welt. Darum war es für mick ein Ereignis, als mick der Vater im Jahre 1872 mit nack Kirckbeimbolanden nahm, wo er allerhand einzukaufen hatte. Ich sprang hoch vor Lreuden. als er mir einige Tage vorher sagte, daß ich mitgehen dürfe.

Morgens um 6 Uhr gingen wir schon weg. der Nach­bar Gerhäuser, der auch Geschäfte in der Stabt hatte, beglei­tete uns. Ts war ein weiter Weg. wir hatten wobl drei Ztun- den zu geben, aber ich hüpfte munter wie eine Wachtel, weil ick darauf gespannt war, was ich alle; in Kirchheimbolanden würde zu seben bekommen. Die beiden Männer waren auf dem ganzen Wege in ernstem Gespräche begriffen, und vol­ler Interesse hörte ich ihnen zu. Namentlich erzäblten sie da­von. was alles in dem Walde, den wir durchschritten, schon passiert sei. Nachbar Gerhäuser bezeichnete eine Stelle, wo im 1780er Jahre so sg"te er ein Fuhrmann mit seinem Gespanne im Sumpf versunken und umgekommen sei. erst viel später habe man diesen Sumpf trocken gelegt. Seitwärts auf einer Berqeshöhe sahen wir den Untertierwasenhof lie­gen. Bus diesem Hofe. so berichtete der Vater, wohnte einst eine Familie, deren Glieder allesamt durch ihre große Kör­perkraft berübmt waren?) Einst war der Knecht auf einer fsabrt von Gberwiesen nach dem Hofe mit einem Karren, der mit Rüben beladen war. auf einem schlechten Feldwege stecken geblieben, und die Pferde konnten den Karren aus den morastigen Geleisen nickt herausbringen. Da waren der Va­ter und seine Tochter herbeigekommen und hatten den Karren vorn und binten angefaßt und mit der Kraft ibrer starken Rrme bergusoeboben. Tin andermal hatten österreichische oder kurbestsicke Werber den einen Sohn zu Kirchbeimbolanden durck Geld und reichlich gespendeten Wein dazu bestimmt, daß er Handgeld angenommen und versprochen hatte. Soldat zu

') Diele Mitteilung ist historisch, ich habe sie aus dem Munde alter Leute. Hoch heute erzählt man in der dortigen Gegend von den starben Leuten aus dem Tierwasen. Die Familie ist jetzt ausgestorben.

Der Derfasser.

werden. Der junge Mann hatte in der Stadt etwas besorgen sollen und war dabei den Werbern, die er nicht kannte, in die Hände gefallen. Rber die Nachricht von seinem Schicksale war nach dem Untertierwasenhof oder, wie dort die Leute kurz sagen, nach dem Tierwasen - gelangt. Da ließ die Schwester den Melkeimer, den sie gerade am Brunnen scheuerte, fallen und eilte auf dem kürzesten Wege durch Dor­nen und Gestrüpp, durch tiefe Taleinschnitte und über hügel- kämme hinweg nach Kirchheimbolanden. Gerade wurde der Bruder, dem man die Hände mit Stricken gebunden hatte, auf einem Wagen weggeführt, vor ihm und hinter ihm saßen je zwei Bewaffnete. Da war das mutige Mädchen auf den Wagen gesprungen, hatte dem einen Soldaten das Gewehr entrissen und mit dem Kolben auf die anderen eingehauen, daß ihnen hören und Sehen vergangen war. Dann hatte sie die Stricke, mit denen der Bruder gefesselt war, zerschnitten und diesen mit sich fortgerissen. Bevor die Begleitmannschaft sich so weit erholt hatte, daß sie sich zur Wehr setzen konnte, waren die beiden in Sicherheit. Tine Waldecke zeigte mir ferner auf diesem Wege Nachbar Gerhäuser, an der hat man im grimmig kalten Winter 1785 auf 1786 drei Wölfe, die jedenfalls über den zugefrorenen Rhein aus den Vogesen her- llbergekommen waren, mit Knütteln totgeschlagen.

Unter solchen Gesprächen schwand mir rasch die Zeit da­hin, und bald tauchten die ersten Häuser von Kirchheimbolan­den vor uns auf. Rber ich war einigermaßen enttäuscht, als ich diese sah: denn sie waren nicht größer als die meines Hei­matdorfes. Dann aber staunte ich doch, als wir das Innere der alten Stadt betraten. Zwar für die eigentümliche Bau­art der alten Häuser und alten Türme hatte ich kein Interesse, umsomehr aber zogen mich die Läden mit ihren Schaufenstern um. Rlles mögliche war da zu sehen. Da hing vor einem Schuhgeschäfte ein riesiger Stiefel, ein Kappenmacher hatte über der Ladentür eine Mütze aus Blech befestigt, und vor einem Kolonialwarengeschäft hing ein Schild, auf dem ein großer Neger zu sehen war, der eine Zigarre rauchte. Die Bäcker hatten allerhand appetitliche Sachen ausgestellt, die weit anziehender waren als die Schwanengänschen, die der Vater uns früher aus Rockenhausen mitgebracht hatte. Rlles, was man brauchte, war in den Schaufenstern zu sehen, und ein Laden reihte sich an den anderen. Mich dünkte, eine so große und schöne Stadt wie Kirchheimbolanden gäbe es kaum noch in der Welt, und was ich in der Geographiestunde von Berlin, London und Paris gehört hatte, das glaubte ich hier einigermaßen vor Rügen zu haben.

Der Vater kaufte allerhand ein. eine neue Sense, ein paar genagelter Schuhe und für die Mutter Samen verschie­dener Rrt, den sie im hausgarten ausstreuen wollte. Ger­häuser hatte Geschäfte bei dem Glasermeister Kilp: denn er wollte einen Kniestock auf sein Haus bauen und brauchte na­türlich für die beiden Stuben, die es da gab, auch Fenster. Der Meister wohnte in der Holzgasse, seine Werkstatt war hinten im Hofe. Tr war ein älterer Mann mit breit wallen­dem, grauem Barte und trug die Brille auf der Nasenspitze. Während Gerhäuser mit ibm sprach, sah ich mich in der Werk­statt um. Rußer dem Meister hantierten hier zwei Gesellen. Der eine stand vor einem großen Tische und schnitt Glasschei­ben mit einem Diamanten durch, der andere war mit dem Tinrahmen von Bildern beschäftigt. Ich sah mir die Bilder an, es waren zumeist Bilder von Kaiser Wilhelm. Kronprinz Friedrich Wilhelm, Bismarck und Moltke. Ruch befand sich das Bild eines mir fremden Mannes darunter, aber der Name war 'beigefügt, er lautete: Hecker. Dieses Bild mag wohl