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Weibern von Rewgate gesehen, rastete sie nicht, bis eine gründliche Lesserung erreicht war. Sie gründete einen aus zwölf Frauen bestehenden Verein zum Lesuch der weiblichen Gefangenen und entfaltete selbst in dem Gefängnis eine überraschende Tätigkeit. Ihr Wort, ihr Gebet mit Schriftauslegung wirkte wunderbar auf die verwilderten Gemüter. Sie bringt Ordnung, Gehorsam, Arbeit und Zucht in jene Räume, die vorher nur von Flüchen und wildem Lärmen widerhallten, so daß bald die Rufmerksamkeit der Behörden und der Geffentlichkeit sich ihrer erfolgreichen Arbeit zuwendete. (Es entstand eine förmliche Lewegung im ganzen Lande zur Verbesserung des Loses der Gefangenen. Sie erweiterte ihre Tätigkeit über die Grenzen Londons hinaus, wo sie erschien, öffneten sich ihr die Gefängnisse, bildeten sich Frauenvereine zum Lesuch der Gefangenen, berichtete sie den Obrigkeiten und bahnte viele Verbesserungen an. Sie forderte u. a. Trennung der Rlänner und Frauen in besonderen Gefängnissen, für die weiblichen Gefangenen ausschließlich weibliche Rufsicht, zweckmäßige Leschäftigung aller Gefangenen, Unterricht in besonderen Gefängnisschulen, Fürsorge für die entlassenen Sträflinge, vor allem aber, daß den Gefangenen regelmäßig Gottes Wort ans Herz gelegt werde. In dieser weise hat sie 24 Jahre lang bis 1837 überwiegend in England, Schottland und Irland gewirkt durch eine unermüdliche Reisetätigkeit. Ruch auf dem Rontinent war sie 1837 bis 1843 zu fünf verschiedenen Walen, wir treffen sie in den Palästen der Rönige von Frankreich, Lelgien, Holland, Preußen, Hannover, Dänemark, und aus den Rönigspalästen sehen wir sie wiöder in die Rerkcr schreiten und vor engeren Rreisen zu den Werken der christlichen Larmherzigkeit mahnen. Lis zum 64. Lebensjahr war der geisterfüllten Frau diese rastlose Tätigkeit vergönnt. Und wie sie groß gewesen war im wirken und Schaffen, so wurde sie es von nun an in andauernden, schweren, körperlichen und seelischen Leiden, von denen sie nach Jahresfrist am 12.Oktober 1845 erlöst wurde. Vas war der ,,Engel der Gefangenen", wie man sie mit Recht nannte, deren Losung das so bekannt gewordene Wort war: „Die Larmherzigkeit mit der Seele ist die Seele der Larmherzigkeit."
Lin pfälzischer Musikant.
Erzählung von Heinrich Lechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
4.
Es war wieder Frühling geworden, und zu Frankfurt am Rlain hatte man Frieden geschlossen. Lerg und Tal waren in meinem heimatlande mit dem ersten frischen Grün geschmückt, und mit meinen Rltersgenossen pflückte ich Rlai- glöckchen an der bewaldeten Lerglehne, die sich in das Tal nach Rockenhausen herniederneigt. Sonntags gingen wir in der Regel schon morgens um 4 Uhr zu Hause weg, damit uns Keiner zuvorkäme und die lieblich duftenden Llumen, deren Standort wir vorher erspäht hatten, für sich erbeute, wenn wir weggingen, war der Himmel noch fahl, graue Wolken zogen an ihm hin und her, und erst, wenn wir einige Zeit im Walde gewesen waren, zitterten die ersten Sonnenstrahlen durch die Stämme hindurch. Um 7 Uhr zogen wir, mit dicken Sträußen beladen, nach Hause.
Vas ganze umliegende Lergland hallte von Löllerschüs- sen wieder, und im deutschen vaterlande wurde die Friedensfeier begangen. In dieser Zeit zogen die deutschen Truppen aus Frankreich wieder zurück in die Heimat. Diesmal, auf dem Rückmärsche, sah die Rordwestpfalz weit weniger Sol
daten als im Sommer zuvor; denn die meisten Truppen wurden mit der Eisenbahn zurückbefördert. Rber einmal halten wir doch Einquartierung. Es war sächsische Artillerie. Die Leute trugen grüne Röcke und waren ausnehmend lustig. Rlan merkte, daß jetzt zur Heimat schlug der sanfte Friedensmarsch ; denn alles ging mit weit mehr Ruhe als bei dem Vormarsch nach dem Feindesland. Rls die Sachsen bei uns lagen, schien gerade der Vollmond. Rbends waren die Gassen überfüllt. Singend zogen die Soldaten mit den Leuten aus dem Dorfe auf und ab, am nächsten Rlorgen marschierten sie nach Rlzep und von da nach Rlainz.
Reber meinem Elternhause lag es, nachdem der älteste Lruder gefallen war, wie ein dunkler Schatten. Gearbeitet wurde nach wie vor, aber das fröhliche Leben war dahin. Rlcrkwürdigerweise hatte sich meine Mutter rascher gefaßt als mein Vater, sie trug in stiller Ergebung ihr Leid. Rber der Vater ist in dem Winter 1870 auf 71 sehr gealtert, vorher war sein Lart grau, jetzt wurde er rasch weiß. Obwohl er erst 53 Jahre alt war, sah er doch viel älter aus, Runzeln und Fallen durchzogen sein Gesicht, auch magerte er sichtlich ab Mit stillem Schmerze nahm ich mit meinem Lruder Fritz wahr, daß seine Rrafl bedeutend abgenommen hatte. Früher konnte er, wenn gedroschen wurde, ohne große Rn- strengung einen Maltersack mit Rorn von der Tenne nach dem Speicher tragen, jetzt mußte er das Säcketragen ganz aufgeben, und beim Dreschen wurde er sehr rasch müde. Es tat uns leid, wenn er dabei rasch in Schweiß geriet und blaß aus- sah, aber wir wollten ihm doch nicht sagen, daß er aufhören solle, damit er sich nicht bekümmere. Oft hielt er in der Feldarbeit inne und sah, auf seine hacke oder seinen Spaten gestützt, ernst sinnend hinaus in das Land, wir wußten, daß er in solchen Rugenblicken an seinen ältesten Sohn dachte.
In dieser Zeit fing unser Elternhaus an, sich zu leeren. Es war nicht hinreichend Rrbeit da für meine Geschwister, darum mußten Rnnmarie und Jakob ihr Lrot außerhalb des Elternhauses suchen. Rnnmarie kam als vienstmagd nach Er- bes-Llldesheim in Rheinhessen, und Jakob wurde gleich nach seiner Ronfirmation Schmiedlehrling bei meinem petter Ron- thaler in Gerbach. Fritz, den der Vater nötig hatte, blieb zu Hause. In diesen Jahren arbeiteten die beiden, wenn die Feldarbeit es irgendwie zuließ, an dem Lau der Lahn, die von Mainz nach Raiserslautern führt. Sie hatten sich in Rirch- heimbolanden einlogiert und kamen während dieser Rrbeit nur an den Sonntagen nach Hause.
Rm 1. September 1871 wurde auf dem Schloßberge zur Erinnerung an die siegreiche Schlacht bei Sedan ein Freu- denfeucr abgebrannt. Ringsum von den Lergesgipfeln leuchteten die Feuer in die Rächt hinaus, wir Rinder trugen Lieder vor, und Lehrer Frei) hielt eine Rede. Rber im dunklen Wohnzimmer saßen meine Eltern beieinander. Die Flamme vom Lerge her warf ihren Schein in das Zimmer, da dachten beide an den Lrand des Dorfes Lazeilles, das sie nie gesehen hatten und das doch seit einem Jahre mit ihrem Denken und Empfinden auf das innigste verwachsen war.
von ihrem Leide empfand ich damals nicht viel. Der Tod des Bruders hatte mich zwar sehr erschüttert und betrübt, aber ein Rindesherz verwindet schnell auch den tiefsten Schmerz. Und wie in Schule und Dorf jeden Tag neue Eindrücke auf mich einstürmten, da geschah es schnell, daß ich den armen Lruder vergessen hatte. Ich wurde rasch der beste Schüler des Lehrers Winterstein. Dazu gehörte allerdings nicht viel) denn die Schulklasse war nur klein, mein Iahrgang umfaßte nur 8 Rinder. Rlehr als einmal kam es vor, daß Winterstein


