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Weißt du, Vater, was ich tue," erwiderte ich,ich kaufe mir beim Lippert ein Los und dann gewinne ich damit so viel Geld, daß du zwei Gäule kaufen kannst."

Das ist recht, Peter, tu' das nur!"

>,,Ia, Vater, du mußt mir aber das Geld für das Los geben."

Dafür habe ich kein Geld, frage einmal deinen petter, der schenkt es dir vielleicht."

So nahm ich mir denn vor, bei der nächsten Gelegen­heit dem petter meinen Wunsch vorzutragen. Im Geiste hörte ich die beiden Braunen schon im Stalle wiehern, und ich sagte: Bber, Vater, ich darf die Gäule doch jeden Tag putzen?"

Du würdest das putzen bald satt Kriegen," gab der Vater lachend zur Antwort.

Wir hatten weit zu fahren, um an die Stelle zu kommen, wo da; vom Vater ersteigerte Holz lag. Tr war dies in der Nähe der Mordkammer am westlichen Bbhange des Donners- berges. So heißt nämlich eine Bergschlucht zwischen Marien- thal und Falkenstein, die ringsum von hochstämmigen Buchen umgeben ist. Woher der schauerliche Name stammt, weiß ich nicht zu sagen, vermutlich hat hier in alten, grauen Zeiten, vielleicht im dreißigjährigen Kriege oder noch viel früher, in der Zeit der Völkerwanderung ein blutiger Zusammenstoß zwischen zwei kriegführenden Parteien stattgefunden, vielleicht haben reisige Scharen hier im Wiesengrunde friedliche Bewoh­ner niedergemetzelt. Der trauliche Grt gibt davon keine Runde, die zwei (Quellen, die munter bergabwärts rinnen und bei Marienthal sich zum Bppelbach vereinigen, erzählen nichts von dem Wehklagen und Sterben der alten Zeit, vielleicht daß in der Erde, die sich dort so lieblich ausbreitet, noch die Gebeine der Erschlagenen ruhen und, wenn sie einmal durch den Pflug des Landmanns oder den Spaten des Waldarbei­ters an das Tageslicht gefördert werden, von der Wildheit vergangener Tage reden.

Wir mußten über Narienthal fahren, von hier aus ging es auf schmalen Feldwegen hinauf in die höhe zur Mordkam­mer. Bald hatten wir unseren Holzstoß gefunden. Der Vater und Fritz luden auf, und ich stand vorn bei den Pferden und wehrte mit dem Peitschenstiele so gut, als ich konnte, von ihnen die Fliegen ab, die sie massenweise umschwärmten.

Still und einsam war es an der Stelle, wo unser Fuhr­werk hielt, vorher waren wir durch die sonnbeschienene, Helle Landschaft bergab und bergauf gefahren, hier, in der Mord­kammer, war es dunkel. Die Sonne, die im Südosten stand, drang durch das dichte Laubwerk nicht hindurch. In fröhlichem Gespräch hatten wir vorher nebeneinander auf dem Wagen gesessen, nun auf einmal war die fröhliche Stimmung ver­schwunden. Reiner von uns redete. Tine schwüle Temperatur herrschte im Walde, mir war es, als ob ich gar nicht atmen könnte, ich verspürte einen schweren Druck auf der Brust. Und mit einem Male kam eine so unsagbar traurige Stim­mung über mich. Ich war sonst nicht so, daß ich den Ropf hängen ließ, wir Uuppertsecker Buben überließen das Wei­nen den Mädchen, jetzt aber, mitten im grünen Walde, konnte ich mir vor Wehmut kaum helfen. Ich sah den armen, fern von seiner Heimat gestorbenen Niels Iwer Hansen, dann dachte ich an die Toten, die hier in der Mordkammer begraben la­gen, schließlich konnte ich meine wehmütige Stimmung nicht mehr zurückhalten. Gerade als die Turmuhr in Marienthal IO Uhr schlug warf ich die peitsche weg, ließ mich auf den Waldboden fallen und weinte, von geheimnisvollem Schmerze erfüllt, laut vor mich hin.

Erschrocken hielt mein Vater im holzaufladen inne und sagte:Um Gotteswillen, Peter, was ist mit dir?"

Bch, Vater, ich weiß es nicht, mir schnürt es fast das Herz zusammen vor lauter Traurigkeit, ich kann mir nicht helfen, ich muß weinen."

Das ist die schwüle Luft, die hier herrscht, und dann sind die alten Geschichten daran schuld, die von der Mord­kammer erzählt werden", gab der Vater zur Bntwort und wollte sich weiter daran machen, dem auf dem Wagen stehen­den Fritz das Holz hinaufzureichen.

Uber gleich hörte er wieder mit der Brbeit auf, setzte sich auf einen Baumstrunk und sagte:Mir ist es auch so sterbensangst zu Mut. vorhin bin ich auf den Tod erschrocken,' denn er war mir, als ob eine große Menge Menschen dahin­ten durch den Wald stürme,' es waren lauter Soldaten, die das Gewehr in der rechten Hand trugen. Ich hörte die Trom­mel rasseln, dann war alles wie Bauch vor meinen Bugen."

Mein Vater, der starke Mann, stöhnte laut auf wie ein Mensch, der von einem schweren Schicksalsschlag getroffen ist, und blieb, indem er den Ropf in die Hand stützte, auf dem Baumstrunk sitzen. Ich weinte laut vor mich hin und wußte doch gar nicht zu sagen, warum ich so traurig sei. Der ein­zige, der seine Fassung behielt, war Fritz. Ich hörte ihn sa­gen:Ihr seid traurig, weil der fremde Soldat in der vori­gen Woche gestorben ist, aber wenn wir nicht bald mit dem Bufladen fertig sind, so kommt noch ein Gewitter über uns, und wir werden naß bis auf die haut."

Da stand der Vater wieder auf und begab sich weiter an die Brbeit. Buch ich erhob mich und trat wieder zu den Pferden. Langsam, wie der Nebel am Septembermorgen von der Flur weggeht, so wich der Schmerz von meiner Seele, und beim Nachhausefahren konnte ich gar nicht mehr begreifen, was mich so traurig gemacht hatte. -

Bm dritten oder vierten Tage darnach, in der Mittags­stunde, als wir gerade vom Grummetmachen nach Hause ge­kommen waren, kam der Gemeindediener in unseren Hof und sagte zu meinem Vater, er solle gleich einmal zum Bürgermei­ster kommen.

Was wird das schon wieder sein?" sagte der Vater, mein letztes Steuerziel habe ich doch richtig bezahlt, und ich bin doch keinem aus der Gemeinde über seinen Bcker ge­fahren."

Wie er gerade war, in Hemdärmeln, ohne einen Bock anzuziehen, ging er weg. Weder er, noch wir anderen ahn­ten, daß das der schwerste Gang sein solle, den er in seinem Leben gemacht habe.

Bls er zu Bürgermeister Bodenbecher kam, lief dieser aufgeregt in seiner Stube hin und her. hinter dem Tische saß der Greffier Honeck und schrieb, beim Eintreten des Vaters legte er die Feder aus der Hand.

Es ist eine Rarte angekommen, Hannes, es ist eine Rarte angekommen", sagte Bodenbecher, nahm die Brille ab und setzte sie wieder auf, aber er wußte nicht, wie er seine Bede fortsehen solle.

Honeck, sagt Ihr doch dem Hannes, was auf der Rarte steht!" mehr brachte der alte INann nicht heraus.

Bbcr auch der Honeck fand keine Worte. Langsam stand er auf, nahm eine auf dem Tische liegende Rarte und reichte sie dem Vater, der mir und den Meinen diesen Vorgang später so oft erzählt hat, daß ich ganz genau weiß, was sich da­mals in der Stube des Bürgermeisters zugetragen hat.

Es war eine Feldpostkarle. Bus der Vorderseite trug sie den Stempel:Röniglich Bayerisches Infanterie-Leibregimcnt,