44 -
Ich habe später in alten Schriften gelesen, daß im achtzehnten Jahrhundert in den politisch so zerfetzten linksrheinischen Landen eine Art Lund bestand, der einigermaßen als Ueberrest der alten Lehme gelten Konnte, am meisten aber Sehnlichkeit hatte mit dem oft geschilderten Haberfeldtreiben im altbaperischen Gebirge. So erzählte ein Ingelheimer Rrzt, hofrat Dr. Fritschler, in den 1860er Jahren im „Ingelhei- mer Blättchen", daß um 1760 herum zu Bubenheim ein Einwohner gewesen sei, von dem die Rede ging, daß er es nicht verstünde, die IVürde des Hausherrn und (Oberhauptes der Familie zu wahren. Da hätte sich in einer Nacht eine Menge, darunter viele aus benachbarten (Orten, vor seinem Hause aufgestellt, die unter greulichem Lärmen und dem Rbsingen von Spottversen ihn an seine Mannespflicht erinnerten und zum Zeichen hätten sie ihm einige Ziegel vom Dach abgedeckt. Wie aber nach einiger Zeit es sich ergeben habe, daß die Ermahnung ohne Erfolg geblieben sei, da habe sich das Ereignis wiederholt. Diesmal sei ihm aber das ganze Scheuerdach abgedeckt worden.
Ich habe schon früher einmal in meiner Erzählung vom 1848er Jugenheimer Tintenkrieg darauf hingewiesen, wie gewisse Ideen und Erinnerungen jahrhundertelang in der Volksseele schlummern wie Samenkörner in einem tiefen Lee, und dann plötzlich zu neuem Leben heraufsteigen. So scheint die Erinnerung an Dinge, welche fast ein halbes Jahrhundert vor der französischen Revolution sich abgespielt haben und von denen kein Mensch mehr sprach, den Rnstoß zu solch eigentümlicher Selbsthilfe einer ganzen Dorfgemeinschaft gegeben zu haben.
Zrühlingswehen.
Eine Erzählung von Hanna Rrüger.
(Schluß.)
Ts gibt leuchtende, makellose Werte im Walten des Schicksals, die eine Brücke spannen von Menschenherz zu Men- schenherz, eine greifbare Brücke, die nicht wie ein Nebelgebilde beim Zutasten verrinnt, vertrauen und Gemeinschaft heißen die Werte: Gemeinschaft im Denken und Fühlen, gemeinsames vertrauen im handeln und im Bekenntnis. Dazu gesellt sich als Dritter der Glaube: an den Wert des anderen und an sich selbst, und der Glaube an eine unauslöschliche Unvergänglichkeit, die schon in das Trdenleben hineingewoben und darinnen verwurzelt ist! So standen die Dinge bei den jungen Leuten, und darum ist es nicht zu verwundern, daß Elisabeth und Ernst schon beim ersten flüchtigen Rennenlernen Rameradschaft miteinander schlossen. Die Bekanntschaft der Rinderzeit ist nicht gut zu rechnen. Der Mensch entwickelt sich am meisten in den Rindheitsjahren. Jeder Tag bringt einen Fortschritt und einen Verlust,' jeder Tag zeigt aber auch ein neues Gepräge und eine veränderte Form in dem wundersamsten Werk des göttlichen Schaffenswillens, in dem Menschengebilde! — Frohsinn und Tateifer erhielten in der Folgezeit nun erst die rechte Weihe. Die Freundinnen nahmen auch ferner daran teil. Die Stunden aber mit dem Freund allein in der Werkstatt und auf Spaziergängen oder in dem kleinen Hof am Haus, von alten Bäumen bestanden und beschattet, waren geheiligt! -
„Das Mitleid ist manchmal furchtbar schwer, wenn man so gar nicht helfen kann, weil die Umstände sich dagegen stemmen und der menschliche Wille selbst sich widersetzt. Vas ist am allerbittersten zu tragen, das letzte! wenn dieser Wille zu seiner trotzigen Festigkeit erst langsam gezwungen wurde! Mein Vater ist ein Beispiel dafür,' wissen Sie keinen weg und
Rat, daß seine Runst mehr anerkannt würde?" Elisabeth strich vorsichtig, wie prüfend, über den Kühlen roten Sandstein des Grabmals, das im Hofe seiner Bestimmung harrte, und heftete nun den Blick auf den Strauß Schneeglöckchen, der in der kleinen, in den Stein gehauenen Nische, dem Rltar des liebenden Gedenkens, frühlingszuversichtlich blühte. Ernst hertwig schlug die dunklen grüblerischen Rügen auf, als die Frage an ihn gerichtet wurde. „Fräulein Elisabeth, nicht wahr, Sie denken an den lauten Ruhm und die verdienten öffentlichen Ehrungen, die Ihrem Vater versagt werden, ich weiß, Sie vertrauen meinem Wort, wenn ich sage, daß es ein Glück ist, daß Ihr Vater in der Stille wirken darf! Tr wäre den Stürmen, dem Wetteifern, kurz dem rastlosen, schier fieberhaften Rrbeiten und Neuern des Rllnstlertums der Jetztzeit nicht gewachsen. Seine feine Natur müßte sich aufreiben und in teuer erkauftem Siege dahinsiechen. Das wollen Sie doch nicht? Etwas anderes ist es bei Ihrem Bruder. Jung und stark, ein Feuerkopf, in vollem blühendem Leben stehend und empfindend, wird er das Ziel erringen, und ehrlich, in stetem Rnsporne, es immer weiter stecken, bis er in der Ewigkeit die Vollendung findet!" Ernst hatte sich warm gesprochen und schwieg nun tiefatmend. Elisabeth sah ihn dankbar an: „Sie haben Recht, nun sehe ich es auch ein, daß der stille Friedhof ein gefahrloserer und heiligerer Boden für Vaters Schaffen ist. Meine Liebe zu ihm hat mich auf einen Irrweg geführt, haben Sie warmen Dank für Ihr Wort, das mich zurechtgewiesen hat."
Ernst hertwig sang und pfiff, während er zeichnete, droben im gemeinsamen Freundesreich. Rifred sah ein paarmal verwundert zu ihm hinüber. Schließlich stand er auf und stellte sich hinter den Freund. „Ja, sag mal, macht dich der haur- plan, den du da entwirfst, so vergnügt? Ernst, hörst du?" Ernst war in Träumen versunken. - „Du, sei mal aufrichtig und gib mir klare Rntwort. Nicht wahr, du stellst dir etwas ganz Bestimmtes beim Entwerfen vor und kopierst gewissermaßen das Bild, das in deiner Seele steht: habe ich Recht? Und wie es dahin kommt, verrätst du mir später." Rlfred war unermüdlich, doch eine Rntwort bekam er nicht. Tr erreichte bloß, daß der Freund den Bogen mit dem Entwurf zusammenfaltete und zur Geige griff, der Trösterin und - Verräterin.
Elisabeth hob den Ropf, als die Geigenklänge sehnsüchtig und fragend am geMneten Fenster vorbei schweiften und auf den Frllhlingswinden in die Ferne zogen. Ihre Rügen rüsteten sich: Wartet, weilet, wir ziehen mit euch ! So groß waren Elisabeths Rügen geworden, so weit. Sie konnten eine ganze große blütenschwere und -prangende Liebe fassen und festhalten. Die Hand spielte mit dem Meißel, und die kleine feine Nymphe, die Elisabeths Züge trug, stand allein und konnte sich ungestört in der flutenden Frühlingssonne baden. Und dann ward die vergessene auf einmal die Ursache zu einem seligen Liebewerben und -gewinnen, in einem Lied, wie es immer frisch und immer neu und froh klingt und singt, solange es eine Erde gibt und solange Menschenkinder die Erde lebendig und gabenreich machen! -
Rch, der Mund der jungen Elisabeth hatte nicht lügen können, als der Liebste so eindringlich fragte! Wie sollte das Figürchen für den Bruder sein! hatte ihr Herz doch ständig an den Freund gedacht, derweil die Hände Linie für Linie, Form für Form gestalteten und bogen. Wie zwei liebeselige Menschlein doch küssen können! Die Werkstatt wandelte sich in einen Himmel. War das ein Flüstern und ein Raunen,


