43
erbtes Häuschen, das sonnig und frei am Vachufer lag, gegen eine größere hofreite zu vertauschen, welche abgelegen, am Ende einer nach Norden gerichteten Lackgasse liegend, unmittelbar an den damals noch dicht mit Tffen (Riijtern) bestandenen Dorfgraben grenzte. 3n kurzem war der Gumperich aber so verstrickt, daß ihm die Rehle zuging und er seine habe dem Geldgeber zu eigen überlassen mußte. Ts geschah das etwa um das Jahr 1850. Lolch grausame Rbschlachtung eines eingesessenen Grtsbürgers, wenn man auch im übrigen sein unkluges Gebaren nicht billigte, machte aber doch einen üblen Eindruck bei der gesamten Vevölkerung, zumal bei dem Gedanken, daß so eine gefährliche Persönlichkeit sich im Grt jetzt festsehen werde. Da geschah etwas Rußergewöhnliches:
In einer Nacht entstand in der abgelegenen, jetzt leer stehenden hofreite ein unheimliches Numoren. Neugierige, welche sich nähern wollten, wurden mit Schelten und Drohungen verjagt, und am andern Morgen bildete das ganze Gehöft nur noch einen Trümmerhaufen. Logar der gewölbte Torbogen lag auf der Lrde. Ls sollen starke Männer mit einem Durchzugsbalken auf den Lchultern wie mit einem antiken Mauerwidder im Taktschritt gegen die gemauerten Pfeiler angerannt sein, bis sie umstürzten. Rndern Tags kam der Friedensrichter mit Gendarmenbegleitung zur Untersuchung. Da war aber niemand, der etwas gesehen hatte, zumal ja, wie gesagt, die Neugier mit Gewalt fern gehalten worden war. Ruch eine Haussuchung bei einigen verdächtigen nach verschleppten Vaumaterialien verlief erfolglos. Ts sollen damals ganze Valken zwischen den Mngertzeilen eingegraben gewesen sein.
Nach und nach scheint sich, zumal in der damals politisch bewegten Zeit, die Zache im Land verlaufen zu haben, wenigstens habe ich nie von Vestrafung eines Lchuldigen gehört. Jahr und Tag nachher aber, ich weilte gerade in den Herbstferien zu Hause, ereignete sich wieder etwas Merkwürdiges. Ls war an einem Lamstag abend. Meine Litern hatten sich schon zur Ruhe begeben, und ich war im Vegriff, es ihnen nachzutun, da hörte man plötzlich auf der Straße Lärm, und auf mein Fragen erhielt ich Vescheid, daß das Häuschen des Itzig an der Unterpforte brenne. U)ie ich dann dorthin kam, fand ich nur eine schreiende Menge, auch die Feuerspritze war da, aber von Feuer sah man nichts. Ich ging dann wieder nach Hause zum Schlafen, und am andern Morgen hörten wir, daß die Feuerlöscher, die sich gleichsam gefoppt sahen, das ganze Häuschen dem Erdboden gleich gemacht hatten.
Rus den erregten Reden, welche ich an jenem Übend gehört hatte und weiteren Nachfragen habe ich dann das folgende zusammengestellt:
wie anfangs der dreißiger Jahre auf Rosten der Gemeinden die Landstraße von der Napoleonschen Heerstraße bei Nieder-Glm ausgehend nach Jugenheim und eine kurze Ltrecke darüber hinaus hergestellt und damit, wenn auch mit einem Umweg, eine notwendige Verbindung mit der Provinzialhauptstadt Mainz geschaffen werden sollte, da fielen den Launen des staatlichen Vauleiters, der auch sonst recht schrullenhaft sich gebärdet haben soll, die beiden überbauten Dorfeingänge, die Gber- und die Unterpforte, zum Gpfer, die nach den Verichten älterer Leute einen malerischen Zugang durch die damals größtenteils noch erhaltenen und dicht mit Rüstern bepflanzten Dorfumwallungcn gebildet hatten. Sie mußten als angebliches Verkehrshindernis abgerissen werden, obgleich sie dem damaligen Verkehr noch lange genügt haben würden, zumal die neue Ehaussee für die nächsten 50 Jahre eine kurze Strecke oberhalb des Dorfes im freien Feld endete.
Die überbaute Gberpforte hatte einem Schuhmacher und seiner zahlreichen Familie als lvohnung gedient, der sich dann daneben ein kleines Häuschen erbaute, aber den Namen: der Gberpörter Schuster behielt. Ich halte ihn im Gedächtnis als eines der frühesten Gpfer der Pest, genannt Frankfurter Lotterie, welche sich damals in Rheinhessen, besonders in den weinbautreibenden Grten ausbreitete und so viel trauriges Unglück angerichtet hat, ein Rapitel, das auch noch als Ergänzung bei meinen „Dorftragödien" Platz finden könnte.
Neben der ehemaligen Unterpforte war dann ein einstöckiges Häuschen mit einigen Rammern unter dem Ziegeldach gebaut worden, das, so lange ich zurück denken Kann, im Besitz eines jüdischen Geschäftsmannes war, der sich und die Seinen mit Rälberhandel ernährte, und von dem ich nur noch den Namen „der Itzig" behalten habe. N)ie einmal in einem Sommer ein vaganter Tanzmeister in das Dorf kam, der unsere Jugend in die Runst Terpsichores einzuführen versprach, da waren seine Tochter, etwa zwei Jahre älter als ich und ein stattliches Frauenzimmer, das sich städtisch kleidete, und einige ihrer Glaubensgenossinnen die Hauptteilnehmerinnen. Später gingen seine Heranwachsenden Söhne nach Rmerika, wo sie gutes Ruskommen fanden, und die Schwester folgte ihnen nach. Dem Vater scheint es dann kratzig gegangen zu sein, so daß er in Schulden geriet und zuletzt sein Häuschen dem Hauptgläubiger, dem genannten Jesel, überließ und seinen Rindern übers lvasser nachfolgte. Jetzt war also wieder Gefahr, daß der Gefürchtete im Grt Fuß fassen werde. Er hatte diesmal zur besseren Bewahrung seines Besitzes einem herabgekommenen Schreiner Unterstand darin gewährt, der sich mit seiner Familie und seiner Hobelbank in den Rammern unter dem Dach einrichtete.
Me gesagt, ich war gerade wieder in Ferien zu Haus, und wieder an einem Samstag abend entstand auf der Straße Lärm und eiliges Rennen und auf meine Frage hörte ich: dem Itzig sein Häuschen an der Unterpforte brenne. Ich begab mich dahin und traf dort eine Ulenge, die, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, unverständig durcheinander schrie. Ruch die Dorffeuerspritze war schon da, aber von Feuer sah ich nichts. Ich hörte dann, ein noch spät vorbeigehender habe durch die Ritzen der Türe Feuer gesehen und sofort Lärm gemacht und mit Hilfe von herbeigeeilten Nachbarn dasselbe im Entstehen erstickt. Ulan habe dann auf der Treppe und in den unteren Stuben Hobelspäne, die zum Teil angebrannt waren, gefunden, und sofort erhob sich ein Geschrei über Brandstifter, welche wegen Profit das ganze Dorf hätten in Gefahr bringen wollen. Rm meisten lärmte der zeitweilige Insasse, daß man ihn und seine ganze Familie habe ins Unglück bringen wollen. Da das Dach übrigens nicht viel über Nlanneshöhe lag, wäre die Gefahr nicht allzugroß gewesen. Jedenfalls war der Feuerrufer schneller als der Brand. Ich begab mich dann zur Ruhe, hörte aber am andern Morgen, daß die Löschmannschaft, vielleicht erbost, weil sie sich gefoppt hielt, wieder nach bekanntem Muster das ganze Häuschen dem Erdboden gleich gemacht hatte. Ruch diesmal scheint die Untersuchung keinen Schuldigen gefunden zu haben, lve- nigstens habe ich auch diesmal nicht gehört, daß jemand deshalb gestraft worden sei. vielleicht lag es in mehrfachem Interesse, nicht allzusehr nach einem Schuldigen zu forschen.
Neben der Brandstelle, die ja eigentlich keine war, hat dann mein Freund Heinrich Maul den Gasthof zur Traube erbaut, dessen Dach mir noch manchmal, wenn ich die alte Heimat besuchte, freundliche Herberge bot.


