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Kranfeen so behutsam umgehen kannst, hätte ich nicht geglaubt."
Der kranke Soldat hietz Niels Iwer Hansen. Den Namen Hansen konnten sich die Leute in Ruppertsecken leicht einprägen, aber die beiden Vornamen machten ihnen schwer zu schaffen. Solche Vornamen war in der Pfalz unerhört, da hießen die INannsleute Georg, Peter, Philipp, Hannes oder hennerich, wie man nach alter Nlode den Namen Heinrich aussprach und wie er auch in den alten Kirchenbüchern verzeichnet war, aber Niels Iwer! Iver hätte je so etwas gehört?
INanchmal durfte ich den Vater nach dem Gemeindehause begleiten. Mit scheuen Rügen sah ich nach dem kranken Manne, der unter der rot geblümten Bettdecke lag. In den Tagen, an denen es ihm gut ging, erzählte er von seiner Heimat. Tr war ein Landmann aus Nordschleswig, hart am Nande eines Buchenwaldes lag sein Hof, und wenn man durch den Buchenwald eine Stunde nach Osten wanderte, so kam man an die blaue Ostsee. Dort im Norden stehen die Gehöfte nicht unmittelbar nebeneinander wie in Südwestdeutschland, sondern sie sind weit voneinander getrennt. Jeder Landmann hat seine Becker und wiesen dicht um sein Haus her. wie Niels Iwer Hansen schilderte, so war sein Haus ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude, das mit Stroh gedeckt war, auf dem Dache hatten Störche ihr Nest gebaut, vor dem Hause lag ein Ziergarten, und in dem Ziergarten stand auf einem starken Pfahle eine große Glaskugel. Unweit des Hauses dehnten sich die wiesen aus, eingefaßt von dichten Hecken, auf den wiesen weidete, wenn es die Witterung nur erlaubte, das Rindvieh, das zum Hofe gehörte. Die Tiere hatten am halse ein Stück Holz hängen, das ihnen allemale zwischen die Vorderbeine schlug und sie hinderte, weite Sprünge zu machen.
Dann erzählte der Soldat von seiner Familie. Er war schon 28 Jahre alt und war als Reservist beim Rusbruch des Krieges zum Regimente nach Flensburg eingezogen worden. Tr hatte eine Frau, zwei kleine Kinder und eine alte Mutter zu Hause. Rls ich von den beiden Kindern hörte, wollte ich gern wissen, wie sie hießen. Da sagte der Kranke - es dauerte lange, bis ich den Namen recht verstanden hatte —, der Knabe hieße Jens Jürgen und das Mädchen Thora. Rls er mir die Namen nannte, wischte er sich die Tränen aus den Rügen. Ich hörte ihn sagen: ,,In drei Wochen hoffe ich wieder zu Hause zu sein. Mit meinem Rheumatismus kann ich doch nicht mehr zu meinem Regimente kommen, aber die Heimreise wird mir möglich sein". —
von Georg hörten wir nichts. Er war immer ein schlechter Briefschreiber gewesen, nun gar auf dem Marsche und in dem Feldzuge kam er erst recht nicht mehr an das Schreiben. Den einzigen Brief, den wir von ihm bekommen hatten, hatte er von München aus an uns gerichtet. Tr hatte mitgeteilt, daß er in seine frühere Kompagnie gekommen sei und auch seinen alten Hauptmann, den Grafen Dllrckheim, wieder habe, worüber er sich sehr gefreut habe.
Längst hatte die Schule wieder begonnen, da kam eines Morgens um 10 Uhr, als wir Schiefertafel, Griffelbüchse und Lesebuch unter dem Rrme hatten und nach Hause gingen, ein Reiter den Berg heraufgesprengt. Schon von weitem rief er: „Hurra, Sieg! Die Bayern haben bei Weißenburg die Franzosen geschlagen." wir Knaben riefen auch Hurra, und mit dem Glöcklein, das sonst zum Gemeindeläuten diente, wurde Viktoria geläutet. Zwei Tage später geschah dasselbe, diesmal wurde ein noch größerer Sieg, den die Bayern mit den Preußen bei Wörth erfochten hatten, verkündet. Und so ging es den ganzen Feldzug hindurch. Telegraph und Telephon erreichten
damals meinen Geburtsort noch nicht, allenthalben in der Rheinpfalz und auch in Rheinhessen sprengten, wenn ein Sieg gemeldet wurde, aus den hauptorten der Kantone Reiter nach den benachbarten Dörfern. Da sie Pferde ritten, die sonst im Rcker gingen, so erfolgte die Uebermittelung der Siegesnachrichten nicht immer mit wünschenswerter Schnelligkeit, wir Kinder freuten uns am meisten, wenn ein Sieg gemeldet wurde,- denn dann wurde sofort der Schulunterricht geschlossen.
Nach ungefähr zehntägiger Dauer hatte der Regen aufgehört, und wir konnten unseren Hafer schneiden. Die Repfel, die an den Bäumen hingen, gingen von der grünen zur roten Farbe über und wurden allmählich reif, das Wiesengras war infolge des Regens sehr in die höhe geschossen. Jeden Tag kam Dr. Walter angefahren und saß lange" am Bette des Kranken. Im Rnfange hatte er gehofft, diesen durchzubringen, aber eines Tages sagte er zu meinem Vater: „Ich glaube, der Mann macht es nicht durch, das Herz ist durch den Rheumatismus zu sehr angegriffen."
Die Voraussage des Rrztes traf bald ein. Rn einem Sonntag im Rugust kam in das Gemeindehaus der Tod. Mein Vater und der alte Nachbar Gerhäuser saßen an dem Bette des Kranken. Draußen lag das Sonnenlicht über Berg und Tal, von Marienthal her läuteten am Nachmittage die Glocken zur Thristenlehre, in dunkelgrüner Färbung lag der vonnersberg, da war das Gesicht des fremden ^Soldaten ganz eingefallen und auffallend verändert, nur mit Mühe konnte er reden, wie es mit seinen letzten Lebensstunden gegangen ist, hat mir der Vater, auf den sein Sterben einen tiefen Eindruck gemacht hat, später erzählt.
Der Kranke hatte lange an seiner Brust herumgezerrt, gleich als ob er dort etwas suche, und auf die Frage des Vaters hatte er mühsam und stockend gesagt: „Ich wollte sehen, ob ich meine Erkennungsmarke noch hätte, die uns gegeben worden ist, als wir ausrückten, viele von uns haben sie weggeworfen, weil sie sagten, daß die Marke den Tod bringe. Ich habe sie in Kassel nachts aus dem Zuge geworfen. Rber nun muß ich doch sterben."
Die beiden Männer, die bei dem Kranken waren, fragten ihn, ob er noch etwas auf dem Herzen habe und wie der Ort heiße, wo seine Familie wohne. Rber da wurden seine Gedanken wirr, „holt das Vieh von der Koppel herein!" sagte er, „es kommt die Nacht, es wird so dunkel, daß ich gar nichts mehr sehen kann. . . . Bring mir die Kinder hinaus auf den Rcker, wo ich pflüge, ich will noch einmal meine Hand auf ihre blonden Köpfe legen . . . Mutter, verlaß meine arme Frau nicht, sie kann allein auf dem Hofe nicht fertig werden, der Knecht ist faul und trinkt."
Nachbar Gerhäuser, der mit dem Vater am Sterbebette saß, hatte seine Starckebuch geholt und sprach dem Sterbenden Worte aus der heiligen Schrift vor: „Fürchte dich nichts denn ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." -
„Nein, ich fürchte mich nicht," sprach der Kranke, dessen Geist einen Rugenblick lang ganz klar war, „Gott wird mit meinen kleinen Kindern sein."
Der Nachbar sprach weiter: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn."
„wir sind des Herrn", sprach der Kranke nach.
Dann verwirrten sich seine Gedanken wieder. „Ts braust und rauscht mir in den Ohren, das ist das Meer, es kommt durch den Buchenwald. Mutter, wir kriegen Sturmflut, wenn nur der Damm standhält!" (Fortsetzung folgt.)


