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und sich in seiner Bescheidenheit niemals zu dieser Ehre gedrängt haben würde! Aber es gab Bilder und Photographien, getreu nach dem Leben. Lin solches Bildchen hatte dem schlichten Künstler zum Vorwurf gedient. Liebevolles Studieren der Linzeizüge und ein Sichhineinversenken weckten das ganze, heldenhaft getragene Leid des unglücklichen Herrschers mit Macht und herzzerreißender Wucht wieder auf. Lin schönes Werk mußte auf solche Weise entstehen. Und der Sohn schuf feine Büste nach der des Vaters, während der Arbeit sich loslösend und Ligenes gestaltend. In ihm hatte sich der Genius der Kunst voll entfaltet, der in dem Vater nur behutsam die fvlügcl regte und versuchte. Schon als Kind hatte er sehnend und ehrfürchtig vor dem Kaiser gestanden, dunkel dessen schweres Schicksal empfindend, das einen Vornenkranz um die Stirne flocht. Dann als Heranwachsender Knabe war er hinaufgeschlichen in sein Kämmerchen, nachdem er mit einem langen, ernsthaft wollenden Blick sich die Züge eingeprägt, und hatte heimlich, das Bild im Herzen und vor Augen, mit Hammer und Meißel in dem spröden, leblosen Stein gearbeitet, bis er endlich den Vater mit Betteln und Schmeicheln und flehen umgestimmt hatte und seine geliebte Kunst offen hegen und üben durfte! So mußte das Ganze, aus vielen ineinander- gefllgten Linzelheiten hervorgegangen, sich groß und herrlich gestalten, weil die einzelnen versuche schon heiße Kämpfe im Grübeln und Nachsinnen durchgefochten hatten; es mußte erschütternd und erhebend wirken, erschütternd besonders in diesem Linzelfalle, vie stillen Augen des Kaisers leuchteten kein körperlicher Schmerz, kein Seelenkampf hatte den Glanz trüben können unter den leicht zusammengezogenen Brauen. —
„prachtvoll hat der Alfred das zuwege gebracht! Man erkennt deutlich, nur durch das feine Merkmal der Brauen, Kaiser Friedrichs Heldentum des Leidens, das geradezu übermenschliche schweigende Sichzusammenraffen, um dem niederzwingenden Schicksal würdig begegnen zu können und dem Volk nicht Bangen und Mutlosigkeit einzuflößen! Ja, prachtvoll und ergreifend!" Lrnst hertwig hatte laut gedacht, denn eine Stimme sagte bestätigend und in innerer Bewegung ein wenig zitternd hinter ihm: „Nicht wahr! Wie freue ich mich, daß es Ihnen wie Vater und mir ergeht! vie Büste ist Alfreds Bestes und sein Lieblingswerk. Auch ich liebe sie so sehr." Lrnst hertwig drehte sich um — aus Höflichkeit und ein klein wenig aufgeschreckt, aber auch ein gutes Teil aus Neugierde. Lin Ltwas in der Stimme fesselte ihn und erweckte seine Teilnahme für den Menschen, dem sie zu eigen war. Lr sah in zwei Augen, in denen das ganze Fühlen und Meinen eines gehaltvollen und kampftüchtigen Lebens stand, und die jetzt tief und warm auf ihn gerichtet waren. Und von den Aug»n glitt sein Blick herab auf die weiße schmale Hand und verharrte darauf eine lange Weile. Uun wußte er es, weshalb ihn die junge Gestalt seltsam ergriff und wunderbar anzog, wie dasselbe ihn mit ganzer Seele zu dem Freund gezogen hatte! vie Hand führte eine beredte Sprache: Bewußtsein, Kraft, Freudigkeit drückten die feinen Finger und die anmutig geschwungene Linie des Handrückens aus. Vas war es: Auch die Schwester diente der Kunst mit ungeteilter Liebe!
„Guten Abend, Fräulein Llisabeth, und verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht schon eher begrüßt habe! Ihr Bruder hat mich gleich angestellt" ein wissendes Lächeln huschte bei diesen Worten aus Llisabeths Augen — „und dann hierher befohlen. Wissen Sie, Fräulein Llisabeth, Sie verstehen mich und verstehen den Grund dazu bitte kein Wort der Lrklärung, ich sehe es und fühle es mit dem Herzen , Sie wissen, welch
großes Leid, welch inniges Glück in der Kunst lebendig wird und lebenspendend wirkt!"
„holla, Lrnst, schon Kameradschaft geschlossen?" Lin blonder Kopf mit lustigen lachenden Augen tauchte im Kähmen der Türe auf. vie wanderten von der Schwester zum Freund und blieben auf dessen Gesicht haften, ver Freund errötete. Llisabeths Züge blieben unverändert,' sie sagte kein Wort, aber in ihren Augen glomm ein lichter Strahl auf. „Nicht, Schwesterlein, du sorgst für eine Lampe!" va wandte sich Llisabeth und ging. Wie gut, daß sie nicht sah, welche Veränderung in den Blicken des brüderlichen Freundes vorging! Sie folgten ihr schmerzlich. Aber sie hätte nicht betrübt sein dürfen, sondern merken müssen, daß seine Traurigkeit aus einem guten, leidverstehenden Herzen kam! — ver Bruder zog den Arm seines Lrnst vertraulich durch den seinigen und sagte: „Ich wollte dir die perle unseres Hauses eigentlich selbst zeigen und den Lindruck, den sie auf dich macht, mit eigenen Augen wahrnehmen. Na, ich bin nicht böse, daß es auf eine andere Art geschehen ist. Komm, wir wollen jetzt hinaufsteigen in unser gemeinsames Keich."
An diesem Abend lag Llisabeth noch lange wach. Vas Schwatzen und Lachen der Freunde in der geräumigen Giebelstube mit der einen schrägen Wand scholl durch das offene Fenster zu ihr herein. Linmal wurde es für ein Weilchen still, dann schwebten süße, schwermütige Geigentöne in die Nacht hinaus. Ls war bald wie ein seliges Träumen, bald wie ein trauriges Schluchzen! va stand Llisabeth auf und schloß das Fenster. Lin unnennbares Weh erfüllte plötzlich ihr Herz und verdunkelte den Glanz, den die gütigen Augen Lrnst hertwig? und seine herzlichen Worte in ihren Augen hervorgerufen hatten. (Schluß folgt.)
Lin pfälzischer Musikant.
Lrzählung von Heinrich Bechtolsheimer.
(Fortsetzung.)
Ls kamen trübselige Kegentage. Grau lag der Himmel über Berg und Tal, auf den Straßen standen große Wasserlachen. höchstens am späten Nachmittag verzogen sich die Wolken etwas, und matt blinkte die Sonne durch den vunst hervor. Klit dem haferschneiden war es vorläufig nichts, zum Glück hatten wir nur einen Acker mit dieser Frucht bestellt, vie alten Leute sagten: „Gottlob, daß die Lrnte in der Scheuer ist, sonst hätte es wieder ein sechzehner Jahr gegeben." Und die Zahnlosen, Kunzligen, an ihrem Stock vahinschleichen- den erzählten, wie es in diesem Notjahre gewesen sei.
Nlit dem kranken Soldaten ging es in der ersten Zeit leidlich. Zwar konnte er sich kaum rühren, seine Glieder waren steif, auch quälte ihn der husten, und das Fieber stieg bis zu einem hohen Grade, aber er war bei Bewußtsein und konnte sprechen. Mein Vater war, wie ich schon berichtet habe, ein fleißiger Mann, der unverdrossen sein ganzes Leben lang in schwerer Arbeit sich abgemüht hat, aber in den Tagen, da der norddeutsche Soldat krank in dem Gemeindehause lag, war ihm die Arbeit nicht das Wichtigste. Ich weiß, wie er einmal sagte: „Thristenpflicht geht über Geldverdienen, ver Soldat war unser Csuartiergast, wir dürfen ihn jetzt nicht im Stiche lassen. Ich habe auch einen Sohn, der im Felde steht, und wenn dem etwas zustößt, so wünsche ich auch, daß gute Leute sich um ihn kümmern". So widmete sich der Vater der Pflege des Kranken, so gut er konnte. Beinahe in jeder Nacht wachte er bei ihm, und vr. Walter sagte einmal: „Hannes, das hätte ich an dir nicht gesucht, vaß du Bäume umhauen und Klee mähen kannst, habe ich gewußt, aber daß du mit einem


