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dem Tag Gottesdienst und sogar die jüdischen Einwohner durf­ten an demselben das Weichbild des Dorfes in Geschäften nicht verlassen, sondern mutzten am allgemeinen Gottesdienst sich be­teiligen.

Das führt mich hinüber zu einem derb klingenden, aber den Nagel auf den Nopf treffenden Nusspruch eines Negiments- kommandeurs meines Negimentes, den ich als einen echten Edelmann und frommen Menschenfreund in ehrendem Gedächt­nis bewahre. Derselbe sagte eines Tags gesprächsweise: Der vorfjude gehört zum Dorfbauern, wie der Floh zum Hund. So lange dieser gesund ist, hält er diese, seine Gäste, in Schran- ken und diese verhüten, datz er in Trägheit verkomme,' wird er aber krank, so nehmen sie zu an Größe und Zahl, und so kann man manchmal sehen, daß da, wo die jüdischen Mitbe­wohner plötzlich und ohne wahrnehmbare äußere Veranlas­sung das Uebergewicht erhalten, der Bauernstand selbst von innerer Fäulnis ergriffen ist."

heutzutage ist ja diese strenge, ständische Gliederung, wie überhaupt der Unterschied zwischen Dorf und Stabt, verloren gegangen. Uber au? meinen weit zurllckreichenden, eigenen Erinnerungen ist mir manches im Gedächtnis geblieben, was mir solches zu bestätigen scheint, und es ist vielleicht nicht ohne Interesse, diese Bilder einer lang vergangenen Zeit festzu­halten.

In meinem Geburtsort Jugenheim in Nheinhessen wie in dem nahen Partenheim hatten sich von alther, vielleicht durch größere Toleranz der Herrscher, der Uassau-Laarbrücker Ne­gierung wie der früh auf die evangelische Leite getretenen Fa­milie Wallbrunn, israelitische Gemeinden gebildet, welche mit den christlichen Mitbürgern von jeher in einem bestimmten Verhältnis standen und sich gegenseitig gleichsam ergänzten. Ja man konnte wohl sagen, daß die rein ackerbauende Bevöl­kerung der Mitwirkung ihrer Dorfgenossen zum Verkehr mit der Nußenwelt gar nicht entbehren konnte. Die Juden mit mehr weltmännischem Gebaren bildeten gleichsam den bunten Einschlag in das eintönige Grau des Bauernstandes. Tharak­teristisch für das Zusammenleben war, daß ich mich erinnere, wie bei besonderer Veranlassung, z. B. bei Beerdigung eines angesehenen Grtsangehörigen, ich den Salme und den Mosche auf der Emporbühne unserer Nirche sah, wo sie mitten zwischen den jung verheirateten Grtsbürgern andächtig der Leichen­rede zuhörten.

Nm deutlichsten aber zeigte sich das in dem nahen Dörf­chen Engelstadt, wo mein Vater geboren wurde und seine Vor­fahren laut Nirchenbuch seit Jahrhunderten in Ehren und Nn- sehen gelebt haben. Dort hat niemals ein Jude gewohnt, mit einer kurzen Nusnahme zu Nnfang des vorigen Jahrhunderts. Da hatte einer vielleicht geglaubt, in seinem und seiner Xund- schaft Interesse zu handeln, indem er sich ein bescheidenes Ei­gentum dort erwarb. Man begegnete ihm auch von Seiten der Einwohner nicht feindlich, aber die mutwillige Jugend konnte sich an den fremden Vogel nie gewöhnen und tat ihm so viel Schabernack an, daß er schließlich sein Domizil wie­der wo andershin verlegte. Dafür hatte aber dort jedes Haus seinen stetigen, jüdischen Geschäftsfreund. Ich erinnere mich manchmal in strengen lvintern, wenn alle Wege beschneit waren, da hat mein Vater, der auf Bewegung in freier Lust bestand, wohl gesagt: lvir wollen ein bißchen nach Engelstadt gehen, dorthin haben die partenheimer Juden wohl schon den lveg gebahnt.

Bei meinen Großeltern bekleidete dieses Hausamt der alte Seligmann zu Jugenheim, dessen ich mich aus frühster Jugendzeit noch erinnere. Er trug auch, im Gegenteil zu an­

deren, die alte Judentracht: kurze Lederhosen und einen kaftanartigen Nock und hatte einen ungepflegten Zottelbart, während damals alle Mannsleute noch von der französischen Zeit her bis auf einen kleinen Nest vor den Ohren glatt rasiert gingen. Er scheint gewisse Stammesvorrechte bei seinen Glau­bensgenossen gehabt zu haben und in dem hinterbau seines Hauses war ein Gelaß zu Gemeindegottesdienstzwecken ein­gerichtet (Schule). lvir NBE-Schllhen haben uns einander das Geheimnis anvertraut: Beim Backen der vielbegehrten Maz- zen müsse allemal eine Zottel von Seligmanns Bart in den Teig gerührt werden, damit derselbe koscher werde. (!) Das hat uns aber nicht abgehalten, tapfer hineinzubeißen in das kracheliche Gebäck, wenn Salmes Frummot oder die Sorle uns, sauber in eine Serviette eingeschlagen, die Probe von ihren Osterkuchen brachten, wofür sie durch Produkte aus un­serem hllhnerstall entschädigt wurden.

Bei dieser Gelegenheit erinnere ich an einen alten, jetzt wohl vergessenen Brauch, den ich aber noch selbst gesehen habe. Ivenn es gelungen war, einen Marder, diesen gefähr­lichen Feind der Hühnerzucht, zu erlegen, dessen Nrt trotz aller Verfolgungen sich noch in Scheuern und Ställen erhielt, dann wurde die Jagdtrophäe an einer Stange aufgehängt, welche zwei Buben auf die Schultern nahmen und dann, gefolgt von den anderen, vor die einzelnen Häuser zogen mit dem lärmen­den Gesang:

Nier (Eier) raus, Nier raus,

Der Madel (Marder) hupt ins hinkelhaus,

Säuft die Nier alle aus!

Dafür erhielten sie dann hier und da ein Ei oder ein Stück Speck als Fangprämie.

Nach dem Tod des alten Seligmann ging dessen Nmt bei meinen Großeltern auf dessen Sohn, des Seligmanns Männche, in Erbgang über. Da geschah es wohl, wenn wir Buben auf der Bank hinterm Ofen uns drückten, wo auch der Uhrkasten mit den Spazierstöcken des seligen Großvaters stand, da hieß es: weg ihr Buben, das Männchen kommt. Dann kam er, eine untersetzte Figur mit einem lächelnden, glatt rasierten Vollmondsgesicht, dessen untere Hälfte bläulich angelaufen war. Er saß eine Zeitlang auf der Bank, meine Großmutter auf der anderen Seite des Ofens in ihrem Sorg- stuhl, die Naffeemllhle neben sich, deren Verwendung sie sich stets Vorbehalten hatte. Es wurden nur hier und da ein paar Worte gewechselt, dann ging er wieder. Nber kein lebendes Haupt kam aus dem Stall oder hinein und die Verwertung des Inhaltes von Speicher und selbst des Nellers ging durch seine Hände, und es wäre ihm übel geraten, wenn er je­mals seinen eigenen Nutzen vor dem des Hauses gesetzt hätte. Sogar beim Einkauf der Einlegschweine und deren Gewichts­abschätzung vor dem Schlachten hatte ein solcher Berater mit­zuwirken. (Schluß folgt.)

Hrühlingswehen.

Eine Erzählung von Hanna Nrüger.

(Fortsetzung statt Schluß.)

Eine eigenartige Beleuchtung hatte in dem Nusstellungs- raum hinter der großen Glasscheibe den Schleier der Dämme­rung verdrängt und in die Winkel geschoben, von der gegen- überslehenden Laterne fielen Streiflichter und -schatten herein und spielten leicht bewegt auf den Bildwerkgruppen. Eine Büste von Naiser Friedrich stand jedoch in vollem Lichtglanz, von keinem Dunkel berührt. Der Vater hatte dereinst eine Büste des großen Dulders nach dem Leben geschaffen. Ich sage absichtlich: nach dem Leben, trotzdem er ihn nie gesehen hatte