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Die ganze Gegend litt in diesem Jahre durch die ver­schiedenen Kriegsunruhen. Der schwedische Generalwacht­meister Graf von Königsmark brandschatzte Stadt und Land, die Franzosen unter Turenne standen einige Zeit zwischen Marburg und Gießen und die Bayern in der Wetterau.

(Fortsetzung folgt.)

Griechische Erinnerungen.

Dritte Folge.

von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt.

Nachdem ich in meinen früher erschienenenGriechischen Erinnerungen" die Vorverhandlungen geschildert habe, die in dem heutigen Griechenland einer Eheschließung vorausgehen, gehe ich heute dazu über, von der Verlobung, der Brautzeit und der ksochzeit zu reden. Ohne eine Mitgift ist in Griechen­land Kaum eine Eheschließung denkbar, selbst die Dienstmäd­chen sind zur Ehe nur dann begehrenswert, wenn sie im Koffer recht viele im Lause der Jahre ihnen geschenkte Kleider und wenigstens einige hundert Drachmen bar oder verzinslich an­gelegt haben. Diese Verhältnisse tragen entschieden dazu bei, den haushälterischen Sinn und die Sparsamkeit zu fördern, lvenn eine griechische Magd nicht an die Zukunft denkt, nicht Geld zurücklegt, ist es mit ihr nicht weit her. Nuf die Mitgift sieht eben die ganze Welt, und die Bezeichnungen polipkornos, wörtlich vielbringend, viel mitbringend, eindringlich, und kalä peprikismeni, mit reicher Mitgift ausgestattet, ist eine ganz gewöhnliche lobende Kennzeichnung einer Braut. Bei uns heißt esklls Verlobte empfehlen sich", in Griechenland be­sorgen die Zeitungen das Empfehlen. Uns muten diese öffent­lichen Hervorhebungen der Tugenden der Verlobten seltsam, oft geradezu komisch an, aber wenn der Südländer (nicht bloß der Grieche) feierlich wird, hascht er nach schmückenden Bei­wörtern. Die Braut ist meistens okarisstati, höchst anmutig, okaritöloritos, eigentlich vor Unmut überquellend, ofl ist sie ,,'mit vielen Tugenden geschmückt". Ich entnehme einer be­liebigen Zeitung eine Verlobung:vorgestern abend wurden im Kreise von verwandten und Freunden die Uinge gewechselt zwischen dem anmutigen und durch außerordentliche Schönheit ausgezeichneten Fräulein Ssmene 3E., der Tochter des hervor­ragenden Politikers und früheren Ministers des Innern, Herrn X., mit dem durch mannigfache Gaben geschmückten und durch Bildung ausgezeichneten Udvokaten panos I). Mit den vielen verwandten und Freunden der Verlobten wünschen wir alle, daß die das wohl und glücklich assortierte paar jetzt schmückenden natürlichen und erworbenen Gaben auch nach der glücklichen Hochzeit reichlich ihnen erhalten bleiben mögen mit immer frischen Beizen und Kränzen, wie die immer grünen Bäume, die zu jeder Jahreszeit kräftig sind und nie ihre Blät­ter verlieren." Mr verstehen schon, daß da von den Herren Zcitungsredakteuren resp. Neportern arg mit der Ivurst nach dem Schinken geworfem>wird; und dann gehört in Griechen­land alles mögliche in die Deffentlichkeit, was wir für uns behalten.

Blso der Ehekontrakt ist fertig bis auf das Sofakissen und das Staatspapier. Bei den mittleren Ständen kann man in 5lthen wohl eine Nrt Parade der Nussteuer erleben. Denken wir uns einmal, wie ich es gesehen habe, gegen ZO Landauer hintereinander ihre Nundfahrt durch die belebtesten Straßen Nthens halten. Der Fremde weiß natürlich erst gar nicht, was er denken soll, wenn er die fröhlichen Menschen in den Wagen sichte die veilchenbekränzten Nthener, welche viel mehr auf den Straßen lustwandeln als wir, und zudem auf den großen

freien Plätzen zu Hunderten ihren Kaffee trinken, wissen das ganz wohl und freuen sich besonders auf den Einblick in die Geheimnisse des künftigen Hausstandes, die da auf den Wa­gensitzen ausgebreitet liegen. Man begreift es, daß ein ganzes Bett mit den hübsch gestickten Paradekissen, auf denen man, wohlgemerkt, nicht schläft, sondern die nur tagsüber als Zeu­gen der Neinlichkeit und des Wohlstandes auf dem Lagerpara­dieren, in einem Landauer ausgebreitet liegt, statt eines Men­schenkindes, etwa darauf ein Spiegel,' aber eine Kommode und Stühle im Wagen wirken komisch. Jedenfalls ist das ganze ein offenes Geständnis, was man in Griechenland als die not­wendige Grundlage des Ehebundes ansieht.

Lange Verlöbnisse kennt man in Griechenland nicht. Das hat seinen guten Grund. Nllein dürfen die zwei Betreffenden nicht miteinander sein. Huf Spaziergängen muß immer noch ein anderes menschliches Wesen mit dabei sein, und ich denke mir das für Verlobte recht langweilig. Nuf die Verlobung folgt in wenigen Monaten, zuweilen nur Wochen, die Trauung. Tachia stepsis!,schnelle Trauung", ist der Wunsch, den man einem Brautpaar darbringt.

Die Trauung wird, wie die Taufe, in Griechenland oder besser wohl rn Nthen, sehr oft, wenn nicht meistens, im Hause vorgenommen. Man kann nicht sagen, daß sie einen feierlichen Eindruck mache, selbst in der Kirche nicht. Nicht als ob es an sich der kirchlichen Feier, insbesondere den Gebeten, an Weihe zu fehlen brauchte, aber wie so oft in der griechischen Kirche verderben die Menschen, die die feierliche Handlung vollziehen und die Gebete sprechen, alles. Die Gebete sind reichlich lang, und heben meistens das Nlttestamentliche, die Uaturseite der Ehe hervor, und man hört immer die Namen der Frommen des Nlten Bundes heraus. Die Handlung selbst bewegt sich in sehr schönen Symbolen. Was einem Evangelischen gleich auffällt, ist das scheinbare Fehlen der Traufrage. Diese ernste Frage, das Ja des Brautpaares, der darauffolgende Segen sind der Mittelpunkt der Trauung bei uns.

Der Ernst des Schrittes und die Heiligkeit der Handlung machen sich darin dem empfänglichen Gemllte fühlbar. Dies alles ist bei der griechischen Trauung fortgefallen, oder tritt doch so in den Hintergrund, daß man es nicht bemerkt, und ich glaube, daß das der Grund ist, weshalb es an Weihe fehlt. Nichts wird den Beteiligten direkt nahe gelegt, an Herz und Gewissen gebracht. Sie haben nichts zu sagen, es wird an ihnen eine Handlung vollzogen und auch diese noch in möglichst un­persönlicher Form. Man hat, wenn man eine griechische Hoch­zeitsgesellschaft bei der Trauung ansieht, wirklich den Ein­druck einer heiteren Karncvalsgesellschaft, die einer klufsüh- rung beiwohnt. Bei der Symbolik der Trauung spielen Ninge und Kränze eine hervorragende Nolle. Diese Symbolik ist eine natürliche und vielen Völkern gemeinsame. Die griechische Kirche hat gewiß manche Gebräuche des Nltertums einfach christianisiert, so daß wir darin Uraltes vor uns haben. Die Bekränzung mit Blumen, der Ning am Finger als Pfand der Treue ist uralt, findet sich bei Griechen und Nömern. Nn die Stelle der alten Hochzeitsfackeln bei den Juden und Griechen traten in der Kirche die Lichter. Selbst in den von der volks- sittc verbotenen Trauzeiten ist Nltes erhalten: der wunder­schöne Monat Mai, da alle Knospen springen, sieht in Grie­chenland noch heute keine Hochzeit.

Bei der griechischen Hochzeit heutzutage fallen Verlobung und Trauung zusammen. Der Name für die Verlobung, mni- stron tu arrawonos, weist auf eine alte Volkssitte hin, da z. B. bei den Juden die Morgengabe von dem Bräutigam an den Vater der Braut entrichtet wurde. Bei den Griechen der