Zehnsucht.
Gott hat eine wunderbare Sehnsucht in ein noch fernes Land in unsere Kerzen gelegt, einen Heimatszug, der alle Lust und Last dieser Welt überdauert, einen 3ug so groß und stark, so fest und klar wie nichts in dieser Sichtbarkeit. Venn was sichtbar ist, das ist zeitlich, dieser Zug aber ist ewig und will Ewigkeit haben.
Ist es nicht über alle Beschreibung herrlich, zu wissen, daß Gott die Sehnsucht nach dem Ewigen, nach etwas völlig Unvergänglichem uns in das Herz gegeben hat, einem jeden von uns, dir und mir und allen, die wir lieben, ja auch allen denen, an welchen wir gleichgültig vorüber gehen? Weißt du nicht, daß dies allein, daß wir alle dieselbe Gabe, dieselbe himmels- sehnsucht in das Herz bekommen haben, daß dies allein uns alle zu Brüdern und Schwestern macht?
Du wirst mir sagen, das kann wohl nicht fein; denn der und der und die und die das weißt du genau — leben nur für ihr Vergnügen, für raschen Erwerb von möglichst viel Geld und Gut, sie haben nie Freundlichkeit für ihre Nachbarn, sondern nur Hochmut und Geringschätzung. Nun, weißt du das so ganz genau? Weißt du wirklich, ob in ihren Herzen nicht mitunter der feine Glockenton erklingt, der ihnen die Erinnerung daran bringt, wie sie in ihrer Nindheit, wo sie noch frei von bewußter Schuld und Sünde waren, zu Füßen der Mutter oder eines treuen Lehrers saßen, die ihnen davon sprachen, daß es eine ewige Heimat gibt, zu der wir alle berufen sind, und daß Gott die führen will, denen es ernst darum ist, und daß er in seiner nie ermüdenden vaterliebe uns diese Himmelssehnsucht in das Herz gepflanzt hat, die schon in jungen, reinen Kinderherzen fühlbar ist?
Und dann kamen sie heraus aus dieser Heimatsatmosphäre, in die Welt hinaus, die sie so lockte und rief, wo Keine liebe Stimme mehr da war, sie zu warnen, und war sie da, fo war sie zu schwach gegenüber den lauten Stimmen, die sic umgaben, die nur von vergänglichem Genuß sprachen, laut, immer lauter, je schaler der Genuß wurde. Schließlich waren sie zu weit gewandert von der Heimat fort, und die Sehnsucht war erloschen - vielleicht nicht ganz ; denn sie fühlten, daß sie wieder aufleben würde, wenn nur irgend jemand mit sanfter Stimme ihnen davon spräche. Gewiß, da würde die Eisrinde ihres Herzens schmelzen, und sie würden wieder froh und glücklich werden und brauchten nicht mit dem finstern Gesicht mehr einherzugehen.
Gibt uns das nicht zu überlegen, ob irgend jemand, der uns bisher völlig gleichgültig war, nicht eines freundlichen Wortes von uns bedarf, unseres steten Helsens und Bemühens, kurz, eines hilfbereiten Herzens, um ihm erst einmal wieder Wärme in sein Herz zu bringen, damit er dann vertrauen zu unserer Aufrichtigkeit bekommt? Dftmals bedarf es anfangs gar keiner Worte, sondern nur ein freundlicher Blick, ja ein Nicken des Nopfes genügt, um den innerlich vereinsamten zu erfreuen, ihm das Gefühl zu geben, daß andere mit ihm wandern, mit denselben Hoffnungen und Wünschen, mit demselben Sehnen an Gottes Vaterherzen dereinst ausruhen zu können.
Ts war vor mehreren Jahren, als ich auf der Durchreise in einem großen Bahnhofe an einige Nngestellte und Fremde kleine Schriften verteilte, d. h. im Gehen sie den Einzelnen in die Hand gab, mitunter mit einigen Worten, oft auch nur mit einem freundlichen Nicken. Die meisten dankten freundlich. Als ich dann still in meinem Abteil saß, darüber nachdenkend,
wer wohl unter den vielen Neisenden, Angestellten, hastenden den Weg zur Heimat suche oder schon wandere, öffnete sich plötzlich die schon geschlossene Tür meines Abteils, und ein Gepäckträger, den ich sonst persönlich nicht kannte, reichte mir die Hand und sagt«, er wolle mir nur für das Schriftchen danken und mir sagen, daß auch er den Heiland liebe und den Weg zpm Himmel suche. Sch konnte ihm nur erwidern, daß wir da den gleichen Weg hätten und daß wir hoffen wollten, uns einstens in lichteren Sphären wieder zu begegnen, hierauf setzte mein Zug sich in Bewegung.
Wir sehen daran, daß manche diese Sehnsucht im Herzen tragen, an denen wir gedankenlos vorübergehen. Wie schön es aber ist, unerwartet einer sehnsuchtsvollen Seele zu begegnen, das wird mir ein jeder glauben. Er wird mir auch glauben, daß man dann noch freudiger wird und noch mehr zu suchen und zu ersehnen wünscht. Im Lärm des Lebens und im Geräusch des Alltags mit seiner Arbeit muß es besonders schwer sein, eine innere Stille sich zu bewahren. Db die alles durchdringende göttliche Liebe da nicht besonders hilft und stärkt und aufrichtet, wer darf wagen, das zu bezweifeln?
Sch fuhr damals weiter „fröhlich meine Straße", war ich doch einem „Königskind" begegnet. Baronin N.
Gießen im 50jährigen Nriege.
(Fortsetzung statt Schluß.)
1636.
Das Sterben ließ nach, man zählte in diesem Jahre hier überhaupt 336 Tote, unter welchen 65 aus dem Hospital waren. Unter den verstorbenen waren viele Fremde, welche in der Festung Schutz gesucht hatten.
Durch das große Sterben waren manchen Leuten Erbschaften zugefallen, an die sie nicht gedacht hatten. Ls fanden sich daher auch manche heiratslustige; den 29. Februar u. a. wurden nach gehaltenem Gottesdienst 13 paar Eheleute in der Nirche zusammengegeben.
Der Kaiserliche Gberfeldherr Graf von Gallas ließ alle Früchte in den Nhein- und INaingegenden abmähen und verkaufen, wodurch viele Familien in Hungersnot gerieten. Zu den überall verbreiteten Kriegsbedrängnissen kam eine erstaunliche Menge Mäuse und das sehr überhand nehmende Wild, welche den größten Teil der Ernte verzehrten. Auch Frösche gab es damals in außerordentlicher Menge. Es entstand nun eine allgemeine Teuerung und Hungersnot, viele Leute starben aus Mangel. Und doch war in der Stadt der Mangel weit weniger als auf dem Lande, weil Landgraf Georg II. für Anschaffung von Magazinen und Unterstützung der Armen väterlich sorgte. Eben dieses tat Landgraf Philipp in Butzbach. Die reichsten Leute hatten damals das Brot unter ihrem Schloß und schnitten den Kindern und dem Gesinde die Stückchen eigenhändig zu. Die armen Leute aßen Brot au; gemahlenen Eicheln, Leinsamen, Uübschnitzen und 0)bfl- schnitzen: Kleienbrot galt für einen Leckerbissen.
1637.
Die Hungersnot nahm gegen das Frühjahr so zu, daß die Leute Hunde, Katzen und Natten als Leckerbissen verzehrten. Die Armen folgten dem Karren des Abdeckers, wenn er ein gefallenes Vieh hinausführte, scharenweise, und um den Besitz einör Schweinekeule gab es damals blutige Köpfe. Ja sie kamen oft dem Abdecker zuvor, zogen ein krepiertes Vieh ab und verteilten es. Man erzählte sogar, daß in der Wetterau eine Nlutter, welche mit zwei Kindern vor Hunger und Elend rm Bette lag, von ihrem zuerst gestorbenen Kind ein Stück ge-


