noch nicht erfolgt. Selbst wenn in Deutschland die Mobilisierung beschlossen wird, so ist dies noch kein Krieg. Die militärischen Kreise in Deutschland können den Rüst- ungen Rußlands und Frankreichs nicht mehr lange Zusehen, ohne Gegenmaßnahme zu treffen, da sie sonst bei Ausbruch eines Krieges strategisch im Nachteil sind. Es liegt also so, daß die Diplomatie am Frieden weiter verhandelt, während das Militär zum Kriege rüstet. Wenn Deutschland mobilisiert, dann ist der Weg zur Eröffnung des Krieges nicht mehr weit.
Im Augenblick scheint die Hauptfrage immer noch die zu> sein, ob die russischen Rüstungen zum Zwecke des Krieges erfolgen, und die Absicht eines strategischen Vorsprunges vor Deutschland und Oesterreich haben, oder ob si>e nur eine Unterstützung der russischen diplomatischen Bestrebungen sind, die dahin gehen, Oesterreich gegenüber Serbien nachgiebiger zu stimmen. Es kann fein, daß Rußland zu einem bestimmten Zeitpunkt an Oesterreich die Forderung stellt, den Krieg gegen Serbien ein- zustellen und es mit dem genug sein zu lassen, was geschehen ist und was Oesterreich erreicht hat. Die Sachlage ist aber die, daß Deutschland so gut wie angegriffen ist, wenn Oesterreich angegriffen wird. Noch wissen wir eben nicht, ob nun Rußland aktiv vergehen wird.
Eines ist sicher, nämlich daß die deutsche Reichsregierung das AeUßerste versucht, den Frieden zu erhalten. Wenn die Regierung kriegerisch gestimmt wäre, Hütte sie zu Arffang der Woche die Mobilmachung anordnen müssen. Sie hat es nicht getan, um immer noch die Mög- tichkeit zU lasten, Friedensverhandlungen fockzufetzen. Wenn Deutschland in einen Krieg hineingezogen wird, geschieht es gegen seinen Willen. Man darf also sagen, daß, wenn der Krieg beginnt, Deutschland ein gutes Gewissen hat. Hoffen wir nun, daß die Entscheidung bald falle, und daß es eine Entscheidung zum Frieden wird.
Die augenblickliche Spannung wird in der ganzen Kultutwelt als unerträglich empfunden. Man wird namentlich im deutschen Volke lebe Entscheidung, ob _ sie nun gütlich oder gewaltsam die guälende Ungewißheit zerstreut, als Erlösung empfinden. Man ist zu der Erwartung berechtigt, daß schon die nächsten Stunden diesem Hangen zwischen Krieg und Frieden ein Ende bereiten werden.
(*ine Ansprache des deutschen Kaisers.
Berlin, 31. Juli.
Die patriotischen Kundgebungen in dem Lustgarten setzten sich den ganzen Nachmittag fori. Um 6.30 Uhr erschienen der Kaiser, die Kaiserin und Prinz Adalbert am Fenster des Rtttersaales und Hürden stürmisch begrüßt. Der Kaiser richtete eine Ansprache an das Publikum. Seine Worte wurden von tosenden Zustimmungsrusen übcrtönt. Seine Majestät sagte folgendes 7
„Eine schwere Stunde ist heute über Deutschland hereingebrochen. Neider überall zwingen Uns zu gerechtfertigter Verteidigung. Man drückt uns das Schwert in die Hand. Ich hoffe, daß, wenn es nicht in letzter Stunde meinen Bemühungen gelingt, die Gegner zum Einsehen zu bringen, und den Frieden zu erhalten, wir das Schwert mit Gottes Hilfe so führen werden, daß wir es in Ehren wieder in die Scheide stecken können. Enorme Opfer an Gut und Blut würde ein Krieg vom deutschen Volke erfordern, dem Gegner aber würden wir zeigen, was es heißt, Deutschland anzugreisen. Und nun empfehle ich Euch, geht jetzt in die Kirche, kniet nieder vor Gott und bittet ihn um Hilfe für unser braves Heer!"
Hoch- und Hurrarufe und patriotische Lieder antworteten dem Kaiser. Als kurz daraus die Majestäten im offenen Automobil das Schloß verließen, wurden ihnen wiederum brausende Ovationen dargebracht.
AuS dem Kaiserhause.
Berlin, 31. Juli. Im Königlichen Schloß waren gegen 4 Uhr, alle Prinzen und Prinzessinnen der königlichen Familie versammelt.
Die kaiserliche Familie nahm heute abend im Berliner Schloß das heilige Abendnrahl.
Berlin, 31. Juli. Heute abend 7 Uhr wurde im Kgl. Schloß Bellevue mit Genehmigung Ihrer Majestäten die Vermählung des Prinzen Oskar von Preußen mit der Gräfin Ina Maria von Bassewitz standesamtlich durch den Minister des Kgl. Hauses, Gras Eulenburg, vollzogen und daraus die kirchliche Einsegnung durch den Generalsuper- intendcnten Händler vor,genommen. Der Feier wohnten die Kgl. Familie uNd die nächsten Angehörigen der Braut bei, die nunmehr den allerhöchst verliehenen Titel einer Gräfin von RUppin führen wird.
Berlin, 31. Juli. Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn des Kaiserpaares, hat sich heute abend mit der Prinzessin Adi von Sachsen- Meiningen verlobt. Prinzessin Adelheid ist am 16. August 1891 als zweite Tochter des Prinzen Friedrich Johann Bernhard von Sachsen-Meiningen und seiner Gemahlin Adelheid Prinzessin zur. Lippe geboren. Ihre ältere Schwester Feodora ist seit 1910 mit dem Grohherzog Wilhelm Ernst von Sachsen verheiratet.
Deutschland aus der Ivacht!
Kvnig s. b c rg, 30. Juli. Die Polizeidireklion macht durch Anschlag öffentlich bekannt: Zur Sicherung des Hauptbahnhofes und der Betriebsanlagen sind eine militärische Wache am Bahnhof sowie Posten an den Betriebsanlagen daselbst ausgestellt. Um Unglücktzsälle zu vermeiden, mache ich die Bevölkerung darauf aufmerksam, daß die Annäherung an die Eisenbahnbetriebsanlagen (Gleise, Brücken, Stellwerke usw.) näher als 100 Meter verboten ist. Das Passieren dieser Anlagen durch Zivilpersonen ohne Begleitung eines Postens ist verboten. Zivilpersonen werden von den Posten mit einem Halt angerusen und müssen stehen. Zuwiderhandelnde setzen sich der Gefahr aus, erschossen zu werden.
Die Rheinbrücke in Bonn ist von Militär besetzt. Ueber die Brücke fahrende Wagen werden von Militär begleitet. — Im rheinisch-westfälischen Jnduftrie- gcbiet erhielten einzelne Wecke die Aufforderung, sämtliche im Gebrauch bcffndliche Eiseübahnwagen der Eisenbahndirektion zur Verfügung zu stellen.
Hamburg, 30. Juli. Mit Rücksicht auf die unsichere politische Lage ist die morgige Ausfahrt des Dampfers „Imperator" nach Amerika verschoben worden.
Die Deutsche Levante-Linie hat ihre Dampfer aus dem Schwarzen Meer zurückgerufen.
München, 31. Juli. Im Landtage ist heute ein schleuniger Antrag des Zentrums eingegangen, wonach die Regierung angesichts der jetzigen Lage aufgefordert wird, sofort Maßregeln gegen die künstliche Veiten er üng der Lebensmittel zu ergreifen.
Am Schluß der heutigen Landtagssitzung ersuchte der Präsident die Abgeordneten, unter keinen Umständen die Hauptstadt zu verlassen. In den nächsten 24 Stunden würden uns noch bedeutsame Entscheidungen nicht erspart bleiben. Die Abgeordneten müßten sich daher be-7 reit halten.
Der Reichstag.
Berlin, 31. Juli.
Für den Fall eines Kriegsausbruches ist die Berufung des Reichstages auf Dienstag, den 4. Aüguft 1914 in Aussicht genommen. Die Eröffnung wird im weißen Saale des Königlichen Schlosses in Berlin um 1 Uhr nachmittags erfolgen. Die kaiserliche Verordnung wegen der Berufung steht noch aus.
Wie verlautet, beabsichtigen die Reichstagsftvktio- neu ihre Mitglieder bereits zum Montag nach Berlin einzuladen, um zu der Situation Stellung zu nehmen.
Begeisterung in ganz Deutschland.
Berlin, 31. Juli.
Heute Nachmittag verlas ein Oberleutnant des Aleranderregiments an der Spitze eines Wachkommandos unter Trommelwirbel am Denkmal Friedrichs des Großen und anderen Stellen die Bekanntmachung des Oberstkommandierenden in den Marken, des Gouverneurs von Berlin, wonach über Berlin und di« Provinz Brandenburg der Kriegszustand verhängt wird. Die Bekanntmachung wurde vom Publikum mit Hurrarufen und Hochrufen auf das Aleran- derregiment aufqenommen.
Der Reichskanzler fuhr um halb vier Uhr vom Schlosse wieder nach dem Reichskanzlerpalais und wurde auch diesmal von der Bevölkerung mit begeisterten Zurufen begrüßt, dann folgten eine Reihe von Prinzen und Prinzessinnen, wobei die Kundgebungen sich stürmisch erneuten. Das kronprinzlichc Automobil wurde von einer ungeheuren Menschenmenge umdrängt, scdast es geraume Zeit nicht weilerfahren konnte.
Aus Oesterreich.
Wien, 30. Juli. In maßgebenden Kreisen wird mitgeteilt, daß die politische Spannung den Höhe - Punkt erreicht hat. Die Hoffnung auf Entspannung ist gering. Im Ministerium des Auswärtigen wird die Lage als verschlimmert erkläck.
Wien, 30. Juli. Oesterreichs Gesandter in Montenegro hat Cetinje bisher noch nicht verlassen.
Aus England.
Die englische Regierung hat die d e ü t s ch e Regierung gefragt, ob und was zur Verhinderung eines europäischen Kneges noch geschehen könne.
Die Mobilisierung der schweizerischen Armee
ist durch einen Beschluß des Bundesrats für die ganze Armee angeordnet worden.
Die Mobilisierung der holländischen Armee
ist von der Königin der Niederlande gestern Mittag V/ t Uhr durch Erlaß besohlen worden.
AüS Belgien wird gemeldet, daß auf allen nach Frankreich führenden Eisenbabnbrllcken Vockehrun- gen getroffen sind, die es ermöglichen, die Brücken zü sprengen.
vom Ariegsscbauplat;.
S e m l i n, 31. Juli. Gestern abend um 7s^Uhr erfolgte bei der Ablösung österreichilcher Vorposten ein 'erbischer Angriff. Man vernabm heftiges Gewehr- und Maschinengewehrfeuer. Auch Artillerie griff ein. Oe- lerreichische Flugschiffe mit Scheinwerfern beleuchteten die serbischen Stellungen.
(Fortsetzung der Amtlichen Bekanntmachung von Seite 1.)
Zuchthaus bedrohten Verbrechen mit dem Tode zu bestrafen, wenn sie in einem Teile des Bundesgebietes, welchen der Bundcsseldherr in Kriegszustand (Ack. 68 der Verfassung) erkläck hat, oder während eines gegen den Norddeutschen Bund aus gebrochenen Kneges auf dem Kriegsschauplätze begangen werden.
sentlich falsche Gerüchte ausstteut oder verbreitet, welche geeignet sind, die Zivil- oder Mjlttärbehörden hinsichtlich ihrer Maßregeln irre zu führen, oder
b) ein bei Ecklärung des Belagerungszustandes oder während desselben vom Militärbefehlshaber in. Interesse der öffentlichen Sicherheit eckassenes Verbot Übertritt, oder zü solcher Ucbeckretuug aufgesordcrt oder anreizt, oder
c) zu dem Verbrechen des Aufruhrs, der tätlichen Widersetzlichkeit, der Befreiung eines Gefangenen, oder zu' anderen § 8 vorgesehenen Verbrechen, wenn auck ohne Erfolg, auffordcrt oder anreizt, »der
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Paßpflicht, Ausfuhrverbote, Brieftauben.
Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht in einer Sonderausgabe folgende Verordnungen:
1. eine Verordnung belr. die vorübergehende Einführung der
2. eine Verordnung belr. das Verbot der Ausfuhr und' Durchfuhr von Waffen und Munition, Pulver, Sprengstoffen, sowie anderen Artikeln des Kriegsbedarfs und von Gegenständen, die zur Herstellung von Kriegs- bedarfsackikeln dienen;
3. eine Verordnung betr., das Verbot der Ausfuhr und Durchfuhr von Eisenbahnmaterial aller Ack, Telegraphen, Fernsprechgerät, sowie Tellen davon, von Luftschiffergerät aller Art, von Fahrzeugen und Teilen davon;' ''
4. eine Reihe Verordnungen, betreffend das Verhol der Ausfuhr und Durchfuhr von Rohstoffen, dir bei der Herstellung und dem Bettiebe von Gegenständen des Knegsbedarfs zur Verwendung gelangen;
5. eine Verordnung, betreffend das Verbot der Ausfuhr und Durchfuhr von Verband- und Arzneimitteln, sowie von ärztlichen Jnsttumenten Und Geräten;
6. eine Verordnung, betreffend das Verbot der Einfuhr und Ausfuhr von Tauben-,
7. eine Verordnung, betreffend die Verwendung von Tauben zur Beförderung von Rachckchten.
Beschlüsse deS Bundesrates.
Der Bundesrat hat gestern vormittag U. a.
auch ein Verbot der Ausfuhr von Getreide, Mehl und Futter, Tieren und tierischen Erzeugnissen erlassen.
Die Serben haben sich mit großen Verlusten zurückgezogen.
Mailand, 31. Juli. Die Zeitung „Secolo" erhält aus Risch ein Telegramm, wonach ein heftiger; Ge- schützkampf bei Scmendria stattgesunden hat. Die Serben mußten Semcndria preisgeben. An der bosnischen Grenze haben einige hundeck Serben die kleine Festung Lewitza stundenlang veckcidigt, mutzten aber dann ab- ziehen.
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Tic finanzielle» ckricasbcrcitschaftcn.
Tic Rcichobank crhöbtc dcn Tiokout von 4% auf 5%; dcn tfombnrdzinofuß auf <> 0, 0 .
Paris, 30. Juli. Die Bank von Frankreich hat den Diskont von 3% auf 4*4 Prozent »Nb den Lombardzinsfuß von 4 / auf 514 Prozent erhöht.
Stockholm, 30. Juli. Die schwedische Reichs- bank erhöht ab morgen den Diskortt von 4J4 auf 5% Prozent
* * * verschiedenes.
Aup Japan wird gemeldet, daß man dock die Vorgänge in Europa mit großem Interesse verfolgt. Man nimmt an, daß Japan den Russen Schwiengkei- lcn bereiten würde, wenn Rußland in einen europäischen Krieg verwickelt wird.
In R'Ussisch-Polen ist ein Aufstand ausgebrochen. In Warschau ist ein Pnlverturm gesprengt worden. Der Aufstand hat national-polnischen Charakter.
Stadt imd Dmd.
Kriegs vorbereit Ungen der Frauen. Nicht nur in Mainz, Franksuck und anderen größeren und Großstädten haben die Hausfrauen einen Stutm auf die Lebensmittelgeschäfte unternommen, sondern auch in den kleineren Orten. Die Bäcker sollen ihr Mehl hergeben und die Kolonialwarengeschäste all ihre Lebensmittel. Namentlich die letzteren werden noch nie so gute Geschäfte gemacht haben, wie am gestrigen Freitag, wo die Läden bis zum späten Abend überfüllt waren. Wir glauben allerdings nicht daran, daß dieser massenhafte Einkauf überhaupt notwendig war. Vor allen Dingen mußte doch auch Rücksicht genommen werden auf arme Leute, die nicht in der Lage sind, auf einmal so große Mengen Lebensmittel einzukarffen bezw. zu bezahlen. Wenn wirsticki Mangel an Lebensmitteln eintcktt, was ollen dann diese armen Leute tun? Hoffen wir, daß unsere Sorge unbegründet sei.
* Am 21. Aüg. tritt eine totale Sonnenfinsternis ein, sichtbar in der nordöstlichen Hälfte Nordamerikas, in der nördlichen Hälfte des Atlandifchen Ozeans, in


