Türkei.
* Der ftonjtantinopeler, deutsche Botschafter Baron v. W a n g e n h e i m, der aus Aufforderung des Kaisers nach Korfu fährt, hat sich gestern an Bord des Dampfers „Loreley" eingeschifft. In griechischen und türkischen diplomatischen Kreisen legt man dieser Reise die größte Bedeutung bei, da man glaubt, daß er mit dem Kaiser über die Inselsrage Rücksprache nehmen wird.
Amerika.
* Das gesamte atlantische Geschwader der Ver - einigten Staaten hat Order erhallen, nach Tampico (Meriko) in See zu gehen. In unterrichteten Kreisen hält man die Lage für sehr ernst. Man rechnet stark mit der Möglichkeit eines bewaffneten Zusammenstoßes zwischen den Vereinigten Staaten und Meriko.
Aus Heu Reidelberg.
Man schreibt uns:
Herr Professor Alsred Weber in Heidelberg hat am 1. Dezember 1913 im dortigen Reichsverein liberaler Arbeiter und Angestellter einen Vortrag über die gegenwärtige höchst aktuelle Frage des A r b e i t s w i l l i - genschutzes gehalten, um schließlich zu einer glatten Ablehnung zu gelangen. Der Vortrag ist jetzt im Druck (Verl, von Ernst Reinhardt, München) erschienen, und beim Durchlesen gewinnt man sofort den Eindruck, daß der Vortragende offensichtlich stark mit seinem Publikum gerechnet hat. Das beweisen u. a. besonders die mit verständnisinniger Absichtlichkeit eingeslreuten scharfen Redewendungen gegen die eben den erhöhten Arbeits - willigenschutz fordernden Unternehmerverbände.
Rach Herrn Professor Weber ist die gegenwärtige Arb eit sw illigenschutzb ew e g ung nichts weiter als eine Aktion „zur endlichen wirklichen ZerbrechuNg des Organi- sations- und Koalitionsgedankens", um anstelle der bisherigen 9 , eiterverbände „Scheinorganisationen aus dem Mate' > .cr, Arbeitswilligen" zu setzen, „die also eine wirkliche Herrschaftsadependance des Kapitals innerhalb : der Sphären der Arbeiter repräsentieren". Gemeint sind natürlich die viel geschmähten gelben Verbände. Sie wissen", so sagt Herr Prosessor Alfred Weber zU seinen Zuhörern, „wie zur Verhüllung des eigentlichen Vorganges eine eigene patriotische Ideologie geschaffen worden ist, als prunkvoller Mantel um die mageren Knochen dieses kapitalistischen Kaufgeschäftes".
Daß in Wahrheit kein verständiger Unternehmer, gehöre er selbst dem von Herrn Prosessor Alfred Weber besonders angegriffenen Zenlialverband deutscher Industrieller an. daran denkt, der Arbeiterschaft grundsätzlich das Koalitionsrecbt zu rauben oder zu kürzen, und daß nur die terroristischen Uebergriffe bei Ausübung des Ko- alitionsrechtes unterbunden werden sollen, davon ist in dem Vortrag des Herrn Professors mit keiner Silbe die Rede. Auch ilt dem Vortragenden „kein Notschrei der Arbeitswilliaen selbst" bekannt geworden. Merkwürdig! Weiß er nichts von dem Fall Beck-Baffcrmann in Sachen des Arbeitswilligenschutzes, einem Fall, der eingehend die gesamte deutsche Presse bescbästigt hat, und über, den sich vielleicht Herr Professor Weber von Herrn Dr. Beck, dem Heidelberger Reichstagsabgeordneten, nachträglich näheres mitteilen läßt ? Weiß der Vor - tragende nichts von den Vorkommnissen beim Ruhr - streik vor zwei Jahren und dessen späteren Zusammenhängen ?
Daß Herr Pros. Alfred Weber natürlich „sich gern beruft" auf die bekannte Schrift des Herrn Regierungsrats Kestney, darf nicht wundernehmen. Hiermit im Zw sammenhang redet er, zum Gegengewicht gegen die Um lernehmerorganisationen, der „geschlossenen A r- b e i t s st ä t t e" das Wort, d. h. der grundsätzlichen Billigung des „Verlangens, daß nur organisierte Arbeiter beschäftigt werden." Run, dann sollen wohl gar noch gewerkschaftspolitisch scharf voneinander abgegrenzte „geschlossene Arbeitsstätten", altverbändlerisch-sozialdemokra- tisch«, christliche, polnische usw., entstehen? Denn dem Ruf „Nur Organisierte!" dürsten gar bald die Rüse „Nur Altverbändler!", „Nur Christliche!", „NurPoleni" folgen. Eine recht eigenartige Perspektive aus die Zu- kunstsentwickelung des deutschen gewerblichen und industriellen Lebens! Und was wird aus den bisher nicht organisierten fleißigen Arbeitern? Sollen sie mit Hilfe der „geschlossenen Arbeitsstätte" in die Organisationen hineingezwungen werden? Und wenn ja, wo bleibt der Begriff „K o a l i t i o n s f r e i h e i t"?
Der, Umstand, daß übrigens die Arbeitgeberverbände lediglich Abwehrorganisationen gegen die Arbeiterstreik - verbände sind, wird in dem Vortrag keinerlei Bedeutung beigemessen. Es wird eben reine Stimmungsmache getrieben. Wissenschaftlich, Herr Professor, ist das eben nicht.
Au; aller Mit.
::: Berlin, liebet, die Firma W. Wert he im G. m. b. H., ist der Konkurs verhängt worden. Dem „Lokalanz." zufolge dürften bei der Durchführung des Konkurses nur etwa 5 Prozent herauskommen. 1200 Angestellte des Passagekaufhauses werden stellungslos. Die Zahl der Gläubiger soll 4000, die der gesamten Passiven 2 5 Millionen Mark betragen, denen an Aktiven nur drei Millionen gegenüberstehen.
::: Leipzig, 14. April. Ein schwerer Unfall hat sich im Zirkus Sarrasani zutzetragen, der gegenwärtig hier gastiert. Als der Direktor Stofch-Sarrasani seine dressierten Pferde vorführte, stürzte plötzlich das Pferd MuNrpitz und begrub den Direktor unter sich. Demselben wurde das linke Bein dreimal gebrochen und außerdem der Eelenkknochen zersplittert. Sein Befinden während des heutigen Tages war unbefriedigend.
Aach dem Werfest.
Die OstevglockenI sind verklungen, der Alltag tritt wieder in seine Rechte. Aber mit in diesen hinein nehmen wir die Erinnerung an herrliche Festtage, die dank der günstigen Gestaltung der Witterung zu wunderbaren Tagen des Friedens und der Erholung wurden. Zwar schien am Oslersonntagmorgen das Wetter in seinen alten Fehler verfallen zu wollen. Von dem Frühlings - Himmel, der am Samstag im klarsten Blau der, Erde entgegenlachte, war nichts mehr zu sehen. Eine graue Wolkenschicht hatte sich zwischen ihn und die Erde geschoben und in langen Fäden rieselte ein feiner Landregen zur Erde nieder. Aber dieser Rückfall des Wetter- gcttes war nicht von Dauer. -Gegen Mittag brach die Sonne siegreich durch das Gewölk und beherrschte von da ab bis jetzt die Situation, lind damit wurde die Sehnsucht all der vielen Alltagsmüden nach Festestagen von Sonnenglanz und Blumendust erfüllt und der Welt ein paar Frühlingstage von ungetrübter Schönheit be
schert, die auch zu Tagen der Auferstehung in der Natur wurden. Kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen die glückliche Wendung des Wetters verkündet, da begann auch schon die Völkerwanderung aus den Straßen der Stadt nach den Waldungen der Umgebung, um mit der Natur die Auferstehung zN feiern, ganz dem prächtigen Bilde entsprechend, das uns Goethe von dem obligatorischen Osterspaziergange macht:
„Aus dem hohlen siifstern Tor Dringt ein buntes Gewimmel hervor:
Jeder sonnt sich heut' so gern,
Sie feiern die Auferstehung des Herrn ;
Denn sie sind selber auserstanden;
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
Aus Handwerks- und Eerverbesbanden,
Aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
Aus der Straßen quetschender Enge,
Aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht Sind sie alle an's Licht gebracht."
Die Natur hatte sich aber auch besonders auf diesen Massenbesuch vorbereitet. Aus dem frißkym Grün der Sträuche heraus tönte das Jubilieren der kleinen Frühlingssänger und mischte sich in den Chor der frohen Wandergesänge, die des Herzens Fröhlichkeit in die Natur hinausklingen liehen.
Die allgemeine Städtefluchi gestaltete sich am zweiten Feiertage noch wesentlich umfangreicher. Schon zur frühen Morgenstunde lockte die Sonne mit freundlichem Schein und wer nur irgendwie koimte, folgte dieser Einladung. Und so wimmelte es schon am frühen Morgen im Walde von frohgestimmten Osterfpaziergängern und die verschiedenen Waldgasthäuser konnten die Eröffnung der Saison mit einem guten Tag beginnen. Für sehr viele war dieser Tag dem Aussliug in die nahen Berge gewidmet, um von den Höhen Himmler zu schauen auf die in Sonnenschein getauchte Landschaft und in der freien Bergeslust den Zwang des Mltags von sich abzustreifen mit dem köstlichen Bewußtsein 7 „Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein". Am dlbend erfolgte dann das Zurückftuten nach der entvölkerten Stadt. Die Straßen,-die den ganzen Tag über wie ausgestorben dalagen, füllten sich mit den heinrkehrenden Osterwanderern, die, vielfach geschmückt mit den Zeichen des Frühlings, nach des herrlichen Tages schönen Stunden der heimatlichen Herde zuftilgerten.
Staatsbahn und Straßenverkehr hatten infolge dieses starken Verkehrs wieder ein paar arbeitsreiche, aber auch sehr einträgliche Tage. Trotzdem wickelte sich der Verkehr ohne Unfall ab, da die Bahnverwaltung für einen Massenverkehr gerüstet war.
Gestern, am O st e r d i e n s t a g. war für Gießen noch halber Feiertag, der dazu' dient, sich langsam wieder nach der Ruhe der Festtage in das laute Getn'ebe des Alltags einzugewöhnen. Nur schwer konnte sich die Sonne am vormittag durch die ihr vorgelagerte Wolkensckicht für kurze Zeit durchringen. Und wenn sie endlich einen Riß im Wolkenhimmel zum Durchlriigen benutzen konnte, dann war ihr Schein nrrr matt. Es fehlte ihm der goldene Glanz der Festtage, der noch gestern die Herzen der Menschen erfüllte rmd die leuchtend da- hingegangenen Ostertage noch lange zurückleuchten läßt. So schuf denn auch der Tag in seinem äußeren Ansehen einen Uebergang zur neuen Arbeit rmd neuem Streben, der sich der einzelne mit neuen Kräften am heutigen Morgen hingcben mußte.
ihr nach und fand sie in dem gemütlichen Raum ganz allein am Fenster stehend. Sie ging ihm mit liehens - würdigem Lächeln entgegen.
„Liebster Her.r Kühlste", sagte sie „nehmen sie meinen herzlichsten Dank für das entzückend schöne Osterei."
„Ich bin glüstlich, gnö.b zes Fräulein, wenn ich — _ Ihnen eine Freude gemacht habe", antwortete Kühlste verlegen.
„Eine große Freude, indessen ick .. ."
„Nun, gnädiges Fräulein, indessen?"
„Es ist sonderbar, das beißt, ich meine..."
„Hm. ja es ist sonderbar", bestätigte Herr Kühlste verwirrt.
„Dieses Geld, lieber Herr Kühlste, welches sich in dem 'Ei befand, war doch gewiß nicht für mich bestimmt !“ — Lucie hielt ihm die zusammengefalteten Hunderter hin.
„O, Sie haben es gesunden! Ich Unglüstlicher!"
„Nein, mein Papa fand es, wie er das Osterei genau' besichtigte."
„Allmächtiger! Ihr Papa fand es! Ich bin verloren !" —
„Durchaus nicht, mein Herr! Ich habe Sie gerettet !"
„Gnädigstes Fräulein, Sie. . ."
„Als Papa das Geld fand, war es mir im Augenblick klar, daß es nicht für mich bestimmt sein konnte."
„Nein, gewiß nicht, ich schwöre es Ihnen!"
„Ich dcicht! sofort, daß irgend ein Versehen, ein Irrtum mit diesem Gelbe passiert sein müsse."
„So ist es, ich will Ihnen alles erklären."
„Ich bin nicht neugierig, — also ich sagte dem Papa,^ daß ich selbst die zwei Kassenscheine in das Ei gelegt hätte, um es als Sparbüchse zu benützen. Diese Summe hätte ich von meinem Nadelgeld erspart..."
„Lücie, Sie sind ein Engel!"
„Und so sehen Sie nun, daß es Ihnen nichts geschadet hat. Bitte nehmen Sie das Geld zurück."
„Lucie, wie soll ich Ihnen danken; Sie haben mich aus einer schrecklichen Verlegenheit errettet! Sie sind eine Fee, eine kleine, liebe Fee!" Der junge Mann ergriff Lnries Hand und bedeckte sie mit Küssen. Sie entzog ihm die Hand nicht. „Und ich will Ihnen auch alles beichten, Alles!" sagte Kühlste.
„Sie da, da sind ja die sparsamen Leute", lieh sich auf einmal eine Stimme vernehmen. Es war Herr Funke, der seine Tochter suchte und in den Raum trat. „Das heißt, ich meine meine sparsame Tochter", verbesserte er sich mit Lächeln. „Darf ich die Herrschaften bitten, zu Tisch zu kommen?"
„Wir kommen, Papa", antwortete Lucie m>1 glückstrahlendem Antlitz den Arm Gustav-, den die
ser leise an sich drückte. Sechs Wochen * n dem Pftngstfejle, wurde die Verlobung des Herr.. Gustav Kühlste mit Fräulein Funke proklamiert. Herr Kühlste machte eine glänzende Laufbahn und schon nach einem Jahre heiratete er seine geliebte Lucie. Das Osterei mit dem doppelten Boden, welches den Namen „Tante Wicne's Angebinde" erhielt, bekam in dem Salon des jungen Ehepaares einen hervorragend schönen Platz.
Ende.
Der hessische Landes Zehrer Kerein
tagte gestern in Darmstadt und nahm dabei zu den bekannten Vorfällen der Lehrer Kayser imd Jung, die im Hessischen Landtag zu yestigen Auseinandersetzungen geführt haben, folgende Resolution an:
„Aus den Fällen „Kayser" und „Jung" hat sich ergeben, daß dte Vortcagssreiheit der Lehrer einer gesetzlichen Grundlage bisher entbehrt, und es ist deshalb der dringende Wunsch des Landeslehrcrvereins, daß bei der bevorstehenden Revision des Volksschul - - gesetzes rechtliche Klarheit in dieser Frage geschaffen werde. Sollte Großh. Regierung Veranlassung nehmen, eine Einschränkung der bisherigen Dortragsftei- - heit eintreten zu lassen, so hoffen wir, daß die da- h raus entspringenden Gefahren für die Lehrer durch bestimmte Abgrenzung und Kennzeichnung der ver- 1 botenen Vereine beseitigt werden. Jedenfalls dürfen wir fordern, daß den Lehrern mindestens dieselbe Freiheit gesichert werde, wie den staatlichen und kirchlichen Beamten."
Es sei dabei erinnert, daß die beiden Lehrer Bor- r träge in sozialdemokratischen AutzbilduNgs- kursen halten wollten, was ihnen von ihrer vorgefetzten Behörde verboten worven ist. Darüber ist es im Landtag zu> heftigen Auseinandersetzungen gekommen. — Aus den übrigen Verhandlungen ist noch besonders erwäh- > nenswert, daß das Mitglied des Vorstandes, Lehrer Wagner'Großen-Bufest, ans Anlaß seiner sünfzigjäbrigen Schuldienstzeit und wegen seiner lang - 'ädrigen Tätigkeit im Vorstand zum Ehrenmitglied des 1 Vorstandes ernannt wurde.


