Ausgabe 
21.12.1918
 
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Nummer 300 ftnjchrt'lS _ Samstag, de» 21. Dezember 1918 _ 11« Jahrgang«

Die ..Aerie ^ayevreitnng" erichemt ,eLei> WerUar. Nepetmahige BetlayenSer isiaurr av« Hessen",die Hpinnssnbe". Ks?ugspr»ts: Bei den Poitan statten mcrieliät)ilid) s JJiE. 2.7g' hinzu tritt noch das Bestellgeld; bei den Genien monatlich 1.00 Mk. einschlietzlich Trager'odn. Anseigeu: törundtelle 2b Big., lokale 20 Btg^ Anzeigen von auswans -veroen durch Bostnachnahms erl-o'oen. Erfüllungsort ^risdderg. SchrMleituna und Merlan ^rrsdderg sf-esfen». ^anauertrax;e 12. ^ern'vcechsr 48. Po tj heik. Lonto Nr. 1Z>9. Amt Frankfurt a. M.

Solss Nachfolger.

Berlin, 20. Dez. (WB.) Zum Nachfolger von Dr. Sols ist der bisherige Gesandte in Kopenhagen, Gras Vrockdotff-Nantzau, zum Staatssekretär des Aeußern

ernannt worden.

Spanien und Dentlchland.

Madrid, 20. Dez. (W. BZ Meldung des Reu- kerschen Bureaus. Dem Prinzen Natibor und dem Stabe der deutschen Botschast sind gestern die Pässe ausgehändigt worden. Sie werden Spanien binnen Kurzem verlassen.

Pcnllchlands ruropäische Polle.

Bern, 18. Dez. (W. V.) DasJournal de Ce- neve" fährt zur Lage in Deutschland u. a. folgendes aus:

Wenn man heute Deutschlands innere Entwicklung nicht künstlich störe, so werde es ein großer Staaten- bund werden. Diese Entwickelung sei für Europa nur zu begrüßen. Die deutsche Einheit zu brechen, wider­spreche dem Gefühl der Rossenverwandtschast und In­teressengemeinschaft. das Deutschland heute in Fleisch und Blut übergegangen sei und würde sedensalls eine lange mtfiiäüiri:e Anstrengung der Entente nötig machen. Das Blatt fragt schließlich in bezug aus die Aussichten, die eine solche Zukunft für Europa bietet, ob nicht im Gegenteil ein demokratisch föderatives, von tot Preußenhertschaft freies Deutschland im Mittelpunkt Europas die beste Garantie für die Ordnung und Sta­bilität wäre.

Aei/esr in das bcfcittc Gebiet.

Frankfurt a. M.. 20. Dezbr. Gesuche um Passier­scheine für den Verkehr von der neutralen Zone nach dein besetzten Gebiet sind, wie bereits veröfsentlicht wurde, durch die Kommandanten der Bezirke der neu­tralen Zone an die alliierten Militärbehörden zu rich­ten. Die Kommandanten (Abschnittskommandeure). an die al o die Passierscheingesuche jeweilig tiic die Ein­reise in das den betreffenden Abschnitten gegenüber­liegende besetzte Gebiet zu richten sind, haben ihren Sitz: A) Abschnitt I (Holländische Grenze Gegend Aachen. Belgische Armee): Wesel.

tt) Abschnitt II (Brückenkopf Köln, englische Ar­mee): Wippersürth.

C) Abschnitt III (Brückenkopf Koblenz, amerikanische Armee): Westerburg. (Generalmajor Schütze).

0) Abchwtt IV (Brückenkopf Mainz bis Schweizer Grenze, franzö.ifche Armee): Karlsruhe. (Generalmajor Ullmann.

Ilf'sfjQ&oR'rrnti kr A.- und S.-Wk.

Auf der Tagesordnung steht der Einberufung termin zur Nationalversammlung. Es liegt ein Antt'c Cohen-Neuß vor, wonach die Wahlen zur Nattona versa mlung am 19. Januar stattfindcn sollen.

Ferner liegt der Antrag Däumig vor, der an de Räte.ystem als Grundlage der Verfassung der sozialst scheu Republik festhält und den Räten die höchste g setzgebende und vollziehende Gewalt übertragen wi Eine Kommission soll eingesetzt werden zur schleunigste Ausarbeitung eines allgemein gültigen Wahlsysten für die Arbeiter-, Soldaten- und Vauernräte. A Grund dieses Wahlrechts iol.en dann die Wahlen \ einem Raüonalkongrcß der Arbeiter-, Soldaten- u; Vauerntäte erfolgen, der die Entscheidung über die zi kuNjtige Verfassung Deutschlands haben soll. Bis d. hin soll ein Zentralrat aus 53 Mitgliedern aus alle Teilen des Reiches die höchste Kontrollinstanz sein.

Co he n-Reuß erstattet das Referat und schilde ore nostlo e Lage, in der sich Deutschland befindet. Ur geyeure Krtegskosten sind abzutragen. Den Feinde fflLyr Kriegsentschädigungen gezahlt werdet lttmg des deutschen Wirtschaftslebens wir m . "ledern. Für Rohstoffe aus dem Auslau

«I' 11 - 061 »esunkenen Valuta das Do, bezahlen. Celin»- cs uns nich untere W.ttsa,a,t m Ordnung zu bringen, so wird e nory schlimmer. W,r können die gigantischen Ausaabe

des .7 U,lS f flelinßt alIe t^affcnben Kraft

»es deutlchen Volkes zusammenzuiagen. «Beifall) Dl

Wchrugung muh so schnell wie möglich wieder in Ean gebracht werden. Der deutsch-englische Gegensatz ist , Gunsten Englands entschieden. Eewih hat Englan auch ein Jmere,se daran. dah die Welt die Arbeit- <ra,t emes 70 MiUionen-Volkes nicht verliert. Ab,

wir müssen unsere Ordnung aus eigener Kraft wieder Herstellen. Das können wir nur, wenn wir die vor* handelten Rohstoffe' und Nahrungsmittel rationell be­wirtschaften und verteilen. Sonst liefert uns die En­tente auch nicht einen einzigen Zentner Getreide. Bleibt es in Deutschland bei der jetzigen Desorganisation, so gehen wir einer Ka astrophe entgegen. Nur eine starke Zentralgewalt kann uns Helsen, die sich stützt auf das feste Fundament des allgemeinen Do kswillens. lBei­fall.) Das einzige Organ, diesen Willen des Volkes sestzustellen. ist die allgemeine deutsche Nationalver­sammlung, zu der jeder deutsche Mann und jede deutsche Frau in allen Gebieten, lie zu Deutschland gehören mosten, wählen kann. (Bei all.) Die A.- und S.- Räte sind niemals Organe des allgemeinen Vottswil- lens. Der Versa!! muß lammen, wenn es nicht ge­lingt, der Disziplin- und Einsichtslosigkeit Herr zu wer­den. die leider sich auch eines großen Teiles der Arbei­terschaft bemäck tigt. (Sehr richtig!) Tie Arbeitetsckich- len haben Unrecht, die die deutsche Revolution zu einer großen Lohnbewegung bcrabgedrückt haben. (Lebhafte Zustimmung.) Man kann von den Unternehmern nicht mehr an Löhnen verlvnien, als ein Betrieb überhaupt Werte erzeugt. (Sehr richtig! Lachen bei der Minder­heit.) Es gibt in Berlin Unternehmer, die ihre Be­triebe schon den Arbeitern zur Verfügung gestellt haben, aber e% wird für die Arbeiter nicht viel dabei heraus­kommen. (Sehr richtig!) Wir haben es mit ernsten Loslösunnsbestrebungen zu tun. (Sehr richtig!) Gerade wir sollten bedenken, daß bei den Loslösungsbestrebungen starke wirtschaftliche Interessen sprechen. Die Los- löftmgsbestrebungen im Westen werden nur Erfolg haben, wenn die iheinisch-westiälische Wirtscha t zu der Ueberzeugung komtnt, daß Deutschland nicht mehr reor­ganisiert werden kann. (Sehr richtig!) Dann werden wir die rheinisch-westfälische Republik haben. Mit mo­ralischer Entrüstung können wir gegen oieie ökonomische Tatsache nicht ankom neu. Ohne die westlichen 2ndu- striebezirke aber ist Deutschland nicht lebensfähig. (Sehr richtig.) Aber auch der Bolschewismus war zunächst für die Konstituan e und erst als sie eine ihm nicht genehme Mehrheit auswies, jagte er sie auseinander. lZuruf: Er hat zugelernt!) Man wrd dort drüben noch einiges hinzulernen müssen. (Bei all). Die Diktatur einer Minderheit ist unvereinbar mit Karl Marx, der immer nur an eine Diktatur der Mehrheit gedacht hat. Mit Marx hat der rus «sche Bolschewismus nichts, aber auch gar nichts zu tun. (<rehr richtig!) Der Bolschewismus in Rußland hat aber den Sozialismus auf Jahrzehnte hinaus biireoitiert. (Lebhafter Bei all.) Ganz Ruß­land friert und hungert und nicht einmal die vorhan­denen Rohstoffe konnten richtig ausgenutzt werden. Man bat die alre Ordnung zerschlagen, ehe man eine neue Ordnung an ihre Stelle setzen konnte. Die Sozi- aUfierunq ist fen Alt der Gewalt, sondern das Ergeb­nis einer organischen Entwicklung. Man kann die neue Ordnung nicht im Handumdrehen an die Ste le der alten setzen. Der organische Entwicklungsprozeß aber darf mrf)Ufleitört werden. Aber wir brauchen auch die Unterstützung bürgerlicher und inteleltue-er Kreise. Den Eitifluß Neser Kreise dürsen wir nicht unterschätzen. In Rußland hat der Streik der Intelligenz im Nov. 1917 die ganze Revolulion lahmgelegt. Bei uns wäre die Folge eines sollen Streiks der völlige Zusammen­bruch und der Etntnarsch der Entente.

Es kann nicht bestritten werden, daß dieser Ein­marsch erfolgen wird, wenn die Entwicklung sich nicht im Namen der Ordnung bei uns vollzieht. Bjöm- stlörne hat mir er,t jetzt mitgeteilt, daß der franzöfische Gesandte in Kristianta sich dieser Tage so geäußert bat: In Berlin stehen die Dinge günstig für uns. Wenn es so r erter gehr, können wir in vier Wochen dort sein. (Hört, Hort!) Meine Gegner setzen ihre Hoff­nungen auj die Völker der Entente. In diesen Wetn muß doch sehr viel Wasser gegossen werden. 2m Augenblick spricht gar nichts für eine Revolution bei den Ententevölkern. Auj diesen Sandhausen können wir keine Häuser bauen. Aber selbst wenn es in Frank­reich und Italien zu Revo.utionen käme, könnten wir vielleicht bessere Fnedensbedingungen bekommen, nie­mals aber das Wichtigste, was wir brauchen, nämlich Nahrungsmittel und Rohstoffe. Diese Dinge bekommen wir votr England und Amerika, und wie kann man ernsthaft glauben, daß diese antisozialistischen Länder der Welt jetzt nach einern siegreichen Kriege Revolution machen werden? (Lebh. Zust.)

Cohn schließt seine Rede: 2m Interesse unseres Landes, das wir alle Lieben, und dem wir in seiner höchsten Rot umso fester die Treue halten wollen, im Interesse des deutschen Volkes und im Interesse dei­nen aufzubauenden Menschheitsorganisation bitte ich Sie, in Ihrer großen Mehrheit meinem Antrag zuzu- ltimmen: die Wahlen für die deutsche Nationalver­

sammlung finden am 19. Januar statt. (Lebhafter Bei­fall.)Deutschland hat ewigen Bestand, es ist ein kerngesundes Land". Machen wir dies Wort wahr. (Lebhafter Veiiall und Händeklatschen.)

Als Gegenredner trat Däumig aus. der eine lange Rede für die Herrschaft der Arbeiter- und Sol- datenräle hielt. Wenn wir auch grundsätzlich gegen seinen Standpunkt stehen, soinuß auch anerkannt werden, daß die Rede von seinem Standpunkt aus logisch auf- aebaut war und daß sie sich sreihielt, von dem Radau- Unterbau, den andere Genossen vorgeschlagen hatten. Er führte aus: Der Staat wird nicht zertrümmert durch Reden in den Parlamenten, auch nicht durch die Partei und Wirtschaftsbürokratie, deren Regie man hier so gut merkt. Das ganze deutsche Volk muß vielmehr begrei­fen, daß aus einem Meer von Blut unv Tränen' ein neues Deutschland entstehen muß. Das erste deutsche Revolutionspariament seit 1848 hätte sich ganz anderL geben müssen, als dieser Kongreß es ge'an hat. (Zu­stimmung.) Die ersten Tage der Revolution berechtigten zu den schönsten Hoffnungen, aber jetzt? Kein Revo- lulionsparlament in der Geschichte hat bisher einen so nüchternen, ja philiströsen Verlaus genommen, wie dieser Reichskonareß. (Zusti. mung bei der Minderheit^ Lachen bei der Mehrheit.) Wo ist der große seelische- ideale Schwung, der in den Verhandlungen der sram zösischen Revolutionsparlamente, rer in der jugend­srischen Rtärzbegeisterung von 1848 zu spüren war? Wo die große Hymne auf den Freiheitsgeist des deut­schen Volkes? Nichts davon ist da. Auf den Staats- gebäuden flattern noch die Fahnen des alten Systems, und wie ein Symbol sieht man daneben ein armseliges rotes Wimpelchen. <Zuruf: Aeußerlichkeiten!) Ileberall aber findet man die alte deussche Vertrauensseligkeit und die Freude darüber, daß man es so herrlich weit gebracht hat. Die jubelnde Zustimmung zur National­versammlung ist gleichbedeutend mit dem Todesurteil für das Nälesystem. (Beifall und Zischen.) Aber diesem Nätesystem bängt ja der Ludergeruch des Bolschewis­mus an. Wir lassen uns durch diese Popanz nstht irre machen. Unsere eigenen Klaffengerrofsen sind uns in den Rücken gesallen, die sozialdemokratische Partei und derVorwärts" noch ganz kurz vor der Revolution. (Zuruf von den Links'-adikalen: Das waren die 4. August- Sozialisten!) Als aber dank unserer Vorbereitungen und der Hilfe der Kasernen die Revolution gesiegt hatte, da lief die sozialdemokratische Partei hinter den uns zuströmenden Massen her. So wie das parlamen­tarische System eine historische Notwendiikeit der alten bürgerlichen Demokratie war, so ist das Räte ystem die notwendige Ausdrucksform der sozialistischen Gesellschaft. Als Sie, Cohen, der die Nationalversammlung und den früheren Wahltermin forderte, so lebhaft applau- die len, haben Ste Ihr eigenes Todesurteil gesprochen. Wir wissen noch gar nicht, wie die Entente über die Räte denkt. Die widersprechendsten Nachrichten kommen zu uns. Wo Erzberger seine Hand im Spiele hat, bin und bleibe ich mißtrauisch. (Beifall.) Die Volksbeauf- tragten haben es fertig gebracht, Solf und die Träger der Gebeiindiplomatie weiter arbeiten zu lassen, unZi wir müssen annehmen, daß die Kanüle noch weiter be» nützt werden, die im Kriege angelegt wurden, daß die Fäden weiter gesponnen werden, die von der Wilhelm­straße nach Kopenhagen. Stockholm, Kristiania und dem Haag ge 'en. Von den Clemenceau, Lloyd George usw. haben wir kein Heil zu erwarten, wohl aber von den Völkern. Ich teile nicht den Pessimismus Cohens. Bei denr letzlen Munttionsatbeiterstreik in England haben die Gewerkschaslen die Führung an die Arbeiter­räte abgeben müssen, und in Frankreich gewinnt dieses System mehr und mehr an Boren. Der schauvinistiiche Rausch wird überall verfliegen, und die Folgen des Krie­ges werden von dem Proletariat Frankreichs, Englands und Amerikas genau so empfunden werden wie von dem Deutschen. Es ist gar nicht anders möglich, dem Weltkrieg muß die Weltrevoluiion folgen, früher oder später, aber kommen muß sie. Der Untertanengeist sitzt den Deutschen noch tief in den Knochen. Der Rückzug wäre ohne Offiziere an vielen Stellen viel besser ge­gangen. Lassen Sie aber die Arbeiter schlafen, so kommt statt der Sozialisierung nur ein Staatskapitalis­mus. Aus den Massengräbern im Frieorichshain höre ich die Worte Freiligraths:O seid gerüstet, steht be­reit, o schafft, daß die Erde ganz eine freie werde." (Lebhafter Beijall und Händeklatschen bei der Minder­heit.)

Unter den vielen Reden war die von H aase be­merkenswert, der sich für die Einberufung der Natio­nalversammlung ausspricht. Als ein Antrag abgelehnI wurde, die Sitzung auszusetzen, verlassen die meisten Unabhängigen und Radikalen den Saal, trotzdem wird weiter verhandelt. U. a. lprach Sckeidemann. ff