Ausgabe 
1.11.1918
 
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Herzeirskiimpfe.

Roman von Helene Sckü 1 ky, geb von Gersdorff.

(Oop^rigbt 1915 by C. Ackermann-Stuttgart.)

JS) Nachdruck verboten.

Ich danke dir, liebe, liebe Taute!" rief Hilde an ihrem Halse.Ihr seid so gut zu mir. daß ich gar nicht weiß, wie ich euch genug danken soll. Gott verhüte, daß ich wirklich Schutz suchen muß? Aber es ist doch ein großer Trost für mich, daß ich immer auf euch rechnen kann, was auch geschehen möge. Und rrie froh bin ich. daß Reinhold nun täglich bei euch sein und mit euch offen über mich reden kann? Das wird ihm die trau­rige Wartezeit doch etwas erleichtern?"

du liebe Einzige! Auch daran denkst du noch?" rief Reinhold erfreut.Ist sie nicht gut, meine Hilde?" wandte er sich an die Tante.In all ihrer Not und Angst ist sie noch für mein Behagen bedacht?"

.Aber. Kinder, fetzt ist aber die höchste Zeit, zur Bahn zu fahren", mahnte die Kommerzienrätin.sonst versäumt Hilde den Zug und dann haben wir gleich den Zorn des HerrnPascha von Ianina" heraufdeschworen. Deine Lina wird wohl mit der Packerei fertig sein. Der Wogen wird auch gleich Vorfah­ren. Also nun schnell Hut. Jacke usw. augezogen! Du fährst doch mit zur Bahn. Reinhold?"

..Selbstverständlich. Tantchen?"

Eine Viertelstunde später standen Tante Ella und Rekn- bold oiiVV^m Perron des Dahnbofs und blickten mit feuchten Augen dem davonlaufenden Eisenoahnzug nach, der Hilde ihnen entführte.

13. Kapitel.

Als der Marquitz von Neumond am Tage vorher das An lelmrnnsche Haus verlaßen batte beaab er sich eiligst in feine Wohnung und na» kurzem Aufenthalt daselbst auf den Bahn­hof, wo er mit dem nächsten Zuge nach Godesberg. der reizend gelegenen rheinischen Birkenstadt abhrhr, in welcher die Be­sitzung des Gebeimrats Antelmann. Hildes Vater, sich befand. Nach einer zweistündigen Fabrt hafte er sein Ziel erreicht und läutete bald darauf an der ibm wohlbekannten Villa.

Ein Diener in Livree öffnete ihm.

Ah. der Herr Marquis' Gehorsamer Diener?" sagte er erfreut, denn mancher Taler Trinkgeld, den er hier seines Zn-eckes wegen geopfert hälfe, machte ihn bei der Dienerschaft beliebt.

..Ist der Herr Geheimrat zu sprechen?" fragte der Mar' quis.

..stfür den Herrn Marquis jedenfalls!" erwiderte Melchior vnd eilte in daß Haus, den Besuch anzumelden

Einige Minuten später börte man eilige, etwas schwerfäl­lige Schritte sich'bern. Es war Fräulein Franziska Leh­mann. die Leiterin des An^elmannscben Hauswesens, eine üp­pige. doch stark verblühte Dame von etwa 50 Jahren, deren vusgeschwemmte Züge noch unverkennbare Spuren früherer Schönheit trugen.

Bitte, bitte, Herr Marquis! Rur herein! Welche Freude. Sie zu sehen! Welcher gute Stern führt Cie hierher?" rief sie ihm schon von weitem zu. ihm zugleich beide Hände ent- gegenstreckend.

Der Marquis driickte die fleischigen, ringfunkelnden Hände mit übertriebener Galanterie an die Lippen. Er hatte sich durch seine im allgemeinen süßen Manieren und durch die Huldigun­gen. die er der ersten Frau darbrachte, die Gunst dieser wichtigen Persönlichkeit erworben.

Natürlich war es die Sehnsucht nach Ihnen, verehrtes Fräulein, die mich hertrieb, der ich nicht länger widerstehen tonnte", erwiderte er. scheinbar ousrichtig.

O. Sie. Schäker? Wenn ich das glauben wollte!" lachte sie geschmeichelt. War sie wohl auch zu klug, um seine Worte ernst zu nehmen, so war es doch immerhin angenehm, solche hübsche Dinge gesagt zu bekommen, die sie an ihre schöne, glän­zende Jugendzeit erinnerten.

Leider habe ich nicht viel Zeit, muß h.'ute mit dem Nacht' zug wieder nach Koblenz zurück. Kann ich wohl den Herrn Ee- h«.imrat bald sehen?" fragte der Marauis. der vor Ungeduld brannte, seinen eigentlichen Zweck zu erreichen.

Ich werde Sie sofort melden und zweifle nicht, daß er Sie gleich empfängt', erwioerte die Hausdame bereitwilligst.

Sie waren unterdesien in das pompös eingerichtete Emp sangxzlminer eingetreten, wo der Marquis die Rückkehr der da- voneilendeu Dame erwartete.

.Der Herr Eebcimrat läßt bitten." fag^e sie gleich darauf wieder kommendGehen Sie nur in sein Studierzimmer, Sie kennen ja den Weg!"

Der Rrarq.ils giiig durch einen lanaeii. hesien, teppichbe legten Kcrridor und klopfte an eine am Ende befindliche Tür.

..Herein!" erscholl eine rauhe, mürrische Männerstimme von innen.

Der Marquis öffnete und stand in einem großen hohen Ziinnier. desien sämtliche Wände mit vom Boden bis zur Decke rc-.ckeilden Bücherregalen bestellt waren. An dem mittleren jebr großen und hesien Fenster stand ein kolosialer Schreibtisch, gan- bedeckt von Bäckern und Papieren.

Vor demselben in einem großen breiten Lehnstuhl saß der Gchennrat Antelmann. Er erhob sich, als der Marquis ein. trat. Seine Gestalt war übergroß und sehr mager, seine Schul­tern schmal, die Brust eng. und wenn er ging, Nien er fast zu schwanken. Sein gelbgranes. hageres, bartloses Gesicht mit der großen Nase. und d<m eingefasienen, meist fest zusammen gepreßten Munde machte einen grämlichen verbissenen Eindruck. Er batte das Aussehen, welches leberleidende Leute meistens bieten.

..Freut mich. Sre zu sehen. Herr Marauis!" sagte er mtt einem Veisuch. freundlich zu lächeln, welcher seine, dieser Ge sicktsgymnastrk ungewohnten Züge seltsam verzerrte und eine Reihe gelber, weit von einander stehender Zähne sichtbar wer­den ließ.

cie sind außerordentlich liebenswürdig. Herr Geheimratt" erwiderte der Franzose verbindl ich.Es war schon längst mein

Wunsch, mich persönlich nach Ihrem Befinden zu enundtg-n. doch fürchtete ich nnrner. lästig zu fallen, da ich ja sehr gut weiß, wie ungern Eie, verehrter Freund, in Ihren Studien gestört werden. Doch nun ließ es mir keine Ruhe mehr, ich mußte mich selbst überzeugen, wie cs mit Ihrem Befinden steht."

Das ist wirklich freundlich von Ihnen!" entgegnete der Geheimrat, der trotz seiner chronischen Uebellaunigkeit doch nicht unempfänglich für ihm erwiesene Ausmelksamkeiten rvär.Da soll die Lehmann nur gleich das Zimmer, welches Sie gewöhn­lich innehatten, für Cie zur Nacht zurecht machen laßen"

Ich danke tausendmal. Herr Geheimrat. Sie sind gar zu gütig? Wie gern würde ich diese liebenswürdige Einladung an nehmen!" rief der Marquis bedauernd.Aber leider ist es mir ganz unmöglich, länger als bis heute Abend zu bleiben. Meine Zeir ist dienstlich so sehr rn Anspruch genommen, daß ich mich kaum für diesen halben Tag frei machen konnte."

Er, ei. gibt es soviel Freu,denverlehr in K.? Das hatte ich gar nicht gedacht!" meinte der Geheimrat erstaunt.Run. nun um so schmeichelhafter für mich, daß Sie gekommen sind!"

Wenn der Geheimrat gewußt hätte, welches überaus dringende Geschäft den Marquis bestimmt bis morgen früh zu- rückricf, jo hätte er wohl eine andere Meinung von seinem Günstling bekommen Es war näml-.ch ein Rendez-voutz mit der kleinen reizenden Käthe Trontheim, welches er durchaus nicht versäumen wollte.

Da der Marquis den eigentlichen Zweck seines Besuches keineswegs gleich plump verraten wollte, so setzte er sich zum Geheunrat und begann mit großem Interesse nach dem großen gelehrten junsujchen Werk zu fragen, das der alte Herr unter der Feder hatte Schon früher hatte er sich mit diesem Trick bei ihm eingejchleicl)e!1, da er bald bemerkte, daß hier gewißer­maßen die Achisiesserje war. wo er ihn angreifen konnte. Er mußte stundenlang Erörterungen und gelehrte Auseinandersetz­ungen über sich ergehen laßen, die ihn herzlich langweilten und von denen er eigentlich gar nichts verstand. Erst nach dem>spä- len Diner, als sie auf der Veranda beim Kaffee saßen, fand sich die Gelegenheit, zu seinem eigentlichen Thema zu kommen, erst jctzr erinnerte sich der Geheimrat. daß er eine Tochter hatte.

Sie musizieren dock wohl gcwohnterweise viel mit meiner Tochter?" sagte er fragend.

Allerdings. Herr Geheimrat. nur hat daß gnädige Frau- lein neuerdings nicht soviel Zeit für die Musik wie sonst", ent. gegnete der Marquis.

..Wieso? wie kommt daß?" fragte der Geheimrat auf. horchend.Nimmt meine liebe Schwägerin Ella sie zu sehr mit ihrem gesellschaftlichen Kriesgram in Anspruch?" setzte er höh­nisch hinzu.

..Das wohl auch. Herr Geheimrat. Aber die Hauptsache ist. daß Fraulein Hilde sich von einem jungen Offiz er stark die Kur machen last, der Hausfreund bei Ihrem Herrn Bruder ist und sich selbstverständlich diese Gelegenheit nickt entgehen läßt, um den schönen Goldfisch in sein Garn zu locken", erzahltze der Mar« quis mit der harmlosesten Miene von der Welt.

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