Ausgabe 
14.10.1918
 
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Dnngersnol in Montenegro.

Bern, 12. Okt. DasBerner Tagbl." meldet, Mon- ^ene^ro habe sich mit einem flehentlichen Hilferuf an die Schweiz gewandt und sie um Lebensmittel gebeten, da feine Bevölkerung sonst dem Hungertode preisgegeben fei

Per Abfall der Türkei

Mi den Vier- bezw. Dreiverband wird immer wahrschein­licher. Zum mindesten ist ein Teil der neuen Männer durchaus ententefreundlich In derD. Ztg." finden wir Besprechungen über die Ursachen dieser Vorgänge. Zunächst haben die mili­tärischen Vorgänge, die der Türkei die Verluste ihrer reichsten Provinzen gebracht haben, dazu beigetragen. Dann ist es die Lebensmittelteusrung und der Wucher, der. ganz wie bei uns, tm Innern herrscht. Es heißt dann weiter:

Sehr verbitternd wirkte weiterhin die Bereicherung einzel­ner auf Kosten der Gesamtheit. Der Kriegsgewinnler wurde In der Türkei in noch weit höherem Maße als bei uns zur

überall unzutreffenden, ab-r nicht c .chn.en Gestalt, die Art

und Weise, wie sich dieseneuen Reichen" kundgaben, mußte auf Kreise, die immer mehr verarmten, provozierend wirken. Hierbei mag betont sein, daß Talaat Pascha selbst nicht zu Vie­sen ..neuen Reichen" gehörte, daß er das nicht immer befolgte Beispiel eines Mannes gab. der seine bohe Stellung nicht zu selbstsüchtigen Zwecken auenutzte. Die Feinde Enver Paschas dagegen wiesen mit dem Finger auf den Kriegsminister als einem Manne hin, der zu gute Geschäfte mache und einen per­sönlichen Aufwand treibe, der der Not der Zeit wenig angepaßt sei. Sei dem, wie ihm wolle, sicher ist es. daß infolge der Be- reiärerung einzelner große Unzufriedenheit geschaffen wurde.

Zu diesen Momenten kamen die bekannten auslandpoli- ttschen und kriegerischen Ereignisse. Mesopotamien blieb im­mer noch von dem Feinde besetzt. Palästina ging verloren, ihm folgte das südliche Syrien, Damaskus, die eiaentlicke Hochburg des Islam, fiel in die Hand der Feinde, und bisher neutral oder treuaebliebene Araberstämme ergriffen gegen die türkischen Trurwen die Waffen, während sich die Macht desKönigs des Hedlchas" von Englands Gnaden immer weiter auszudehnen schien. Anderseits wurde von gewisser Seite aus eine Kauka- fnspolitik betrieben, die man in einigen ihrer Kundgebungen als abenteuerlich bezeichnen konnte und die auch von vielen einfluß­reichen Persönlichkeiten des KomiteesEinheit und Fortschritt" selbst verurteilt wurde. Derart war die Laae. als Talaat Pascha eben wegen der Regelung dieser Kaukasusfrage nach Brlin kam. Damals schon, also vor wenigen Wochen, war sich der türkische Großwesir seiner Lage vollkommen bewußt. Kurz vor seiner Abreise nach Deutschland hatte im Komitee eine Sitzung statt- gesunden, in der sein Rücktritt verlangt worden war. Talaat Pascha erwiderte, daß er gerne gehe, doch solle man ihm den­jenigen nennen, der an seine Stelle treten könnte. Man wußte niemand, und Talaat Pascha blieb vorderhand.

Der Abfall Bulgariens, das Wettrennen um den Frieden innerhalb des Vierbundes und die Furcht, der letzte zu sein, den die Hunde beißen all dies ist schließlich ausschlaggebend für den Rücktritt Talaat und Enver Paschas anzuführen, denn mit diesen beiden Männern, das mußte fa jedermann klar sein, würde die Entente keinen Frieden schließen. Man ist in der Türkei gegenwärtig bestrebt, eine ihr günstigere internationale Atmosphäre zu schaffen hierbei steht ja das osmanische Reich nicht vereinzelt da. Wieweit bei diesen Aenderungen der neue Sultan eine Rolle spielt, wird erst später zu beurteilen sein. Auf jeden Fall war es von vornherein sicher, daß der neue Herrscher von Anfang an nicht gewillt schien, die gleich passive, etwas verwischte Rolle zu spielen wie sein Vorgänger.

Die 116 er iw gelobten Fand

Bei den Rückzugskampsen der türkischen Armee am Jordan Zeichneten sich das hessische Infanterie-Regiment 116. sowie an­der« deutsche Truppen unter Oberst v. Oppen und Major Mu- ther besonders aus. Erfolgreich schlug-n sie sich durch die Um­zingelung durch und gingen in guter Ordnung von Ausnahme­stellung zu Ausnahmestellung zurück.

Memme Amnestie warn politischer Verbreche,,.

verlm. 12. Okt. (WB.) Der Kaiser und König hat den Reichskanzler und den preußischen Iustizminister beauftragt, solche Personen, die vom Reichsgericht oder von preußischen Zi- vilgerichten, einschließlich der außerordentlichen Krieg^erichte, wegen politischer Verbrechen und Vergehen zur Strafe verur­teilt find, insbesondere wegen Straftaten aus Anlaß oder bei Gelegenheit von Streiks. Straßendemcnstrationen. Lebensmit- telurrruhen und ähnlichen Ausschreitungen bestraft sind, in wei­tem Umfange ihm zur Begnadigung oorzuseblagen. Ein glei­cher Auftrag ist von den deutschen Bundesfürsten und Senaten der freien Städte wegen der in ihrem Gebiet begangenen gleich­artigen Straftaten ergangen.

Kn zeitgemäß!

Die Nummer- 5 der in Berlin erscheinendenAlbanischen Nachrichten" teilt der Welt folgende erfreuliche und bedeutsame Begebenheit mit:

Seine Hobeit Fürst Wilhelm von Albanien hat seinem Kabinettsrat Dr. v. Stockhausen die Komturklasse des Alba­nischen Schwarzen Adlerordens verliehen. Se. Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen hat Dr. v. Stockhausen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen dieses Ordens er­teilt.

Kommen denn gewisse Kreise gar nicht einmal zu der Ein- daß für derartige Spielerei unsere Zeit zu ernst ist!

Kaiser nnd Sozialdemokratie.

In der FrankfurterVolksstimme" leistet sich ein Herr Moritzvon" Stern folgende reizende Verse:

Herunter die Fetzen vom morschen Thron!

Herunter die Götzen von Babylon.

Ob Krone, ob Fetisch: es gilt uns gleich!

Es tagt majestätisch ein neues Reich!

Dasselbe Blatt leistet sich die Boshaftigkeit unter der Ueber- fchrift:Kleine Nachrichten zur großen Wendung" den

Erlaß des Kaisers an Heer und Flotte zu bringen. Bemerkens­wert ist auch folgende Nachricht, die durch die Blätter geht: Den neuen Staatssekretären ohne Portefeuille Scheidemann. Erzberger und Gröber sind jetzt Arbeitsräume zugewiesen wor­den. Das Arbeitszimmer des Staatssekretärs Scheidemann ist im Reichsamt des Innern belogen. Das Entgegenkommen gegen­über seinen parteipolitischen Anschauungen ist so weit gegangen, daß man vor der Zuweisung aus dem Raum das Kaiser- bild entfernt hat.

Wlilörftienst uiift MylmMf.

Auf verschiedene, in letzter Zeit laut gewordene Klagen, daß die militärische Ausbildung ungünstig auf das Körperge­wicht der im Sommer dieses Jahres eingestellten jungen Mann­schaften einwirke. baben wir Erkundigungen bei der maß­gebenden Stelle eingeholt. Diese hat uns das Ergebnis der monatlichen Wiegungen im Korpsbezirk zur Verfügung gestellt. Danach haben an Gewicht zugenommen: im Monat Juli 57,51 Prozent und Zwar durchschnittlich 1,95 Kg. tm Monat August 65,40 Proz. und zwar durchschnittlich 2,19 Kg. Abgenommen baben:

im Monat Juli 26,22 Proz. und zwar durchschnittlich 1.44 Kg. im Monat August 20.80 Proz. und zwar durchschnittlich 1,86 Kg.

Bei 16.27 Prozent im Juli und 13.89 Prozent im August war das Körpergewicht das gleiche wie bei der Einstellung ge­blieben.

Besonders bemerkenswert ist, daß im Monat Juli 1 Mann 10,5 Kg., 2 Mann je 10,00 Kg., '1 Mann 9 Kg.

im Monat August 1 Mann 11,5 Kg.. 2 Mann je 11,00 Kg., 1 Mann 10. Kg.

an Körpergewicht Angenommen haben.

Ans der Heimat,

Heldenbergen, 14. Okt. (Das begreife, wer kann!) Wir waren jüngst Zeuge, wie auf dem hiesigen Bahnhof verschiede­nen Hamsterern die eingehamsterten Kartofeln von der Poli­zei beschlagnahmt worden sind. Der hiesige Wachtmeister lat dies in durchaus einwandfreier Weife, er machte den Leuten klar, daß er den Befehl dazu bo.be und daß er nicht anders als nach dem Gesetz handeln könne. Er sprach freundlich mit de« Leuten und erreichte auch, daß kein böses Wort bei dem ganzen Vorkommnis gefallen ist. Trotzdem merkte man den Betroffenen an, wie bitter ihnen die Beschlagnahme anfiel. Zeit, Mühe und Geld waren vergebens geopfert. Während hier ein Organ der Behörde gesetzlich zum Vorgehen g^wungen wird, lesen wir, daß von Frankfurt 3.02 Uhr nachm, ein neuer Zug. ab hier 4.47 Uhr nach Altenstadt eingelegt worden sei, weil die Ham­sterfahrten nach Kartoffeln so zugenommen hätten. Von Altenstädt fährt dieser Zug wieder ab 5.55 Uhr nachmittags. Das begreife, wer kann! Erst legt der Staat Züge ein. damit das Hamstern bequemer wird und dann fängt er die Hamster ab?

Frankfurt a. 11. Okt. Unter Vorzeigung einer gefälsch­ten Bescheinigung, daß er zum Ankauf einer Kuh zu Zucht- zwecken befugt sei. hatte der Mechaniker Daniel Gelsheimer von einem Niederräder Landwirt eine Kuh gekauft. Die Schwarz­schlachtung wurde durch das Dazwijchenkommen der Polizei ver­hindert. Gelsheimer wurde von der Strafkammer wegen Schleich­handels und Urkundenfälschung zu 5 Monaten Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe verurteilt. Bei dem Handel waren noch beteiligt der Bäcker Heinrich Kindler und der Pferdehändler Friedrich Sparr. Sie erhielten wegen Schleichhandels je vier Monate Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe. Der Mitange­klagte Landwirt wurde freigesprochen.

Frankfurt-Bonames, 11 . Okt. Auf dem Bahnhof Bonames waren schon zweimal Koffer, die in Eisenbahnwagen standen, rrbrochen und zum Teil ihres Inhalts beraubt worden. Als sie zum dritten Male an einer Kiste operierten, wurden die Diebe erwischt. Es waren die Bahnarbeiter Franz Sczepanskß

und Martin Gabrian. Sie wurden rsn der Strafkammer zu fjf 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Lin Mitangeklagter Weichen­steller, der nach ihren Angaben mit ihnen unter einer Decke ge­steckt haben sollte, wurde mangels ausreichenden Beweises frei­gesprochen.

Frankfurter Landwirtschaft. Wir brachten neulich einige kurze Nachrichten über die Zustande, die in den Frankfurter landwirtschaftlichen Betrieben herrschen. Näheres darüber er­führen wir aus den Ausführungen des sozialdemokratische« Stadtverordneten Wittich. Er machte dem früheren Leiter der Schweinehaltung den Vorwurf, daß ihm nicht allein das Ver­ständnis für die Sache gefehlt habe, er hatte mich Leute an der Seite, die keine Freunde, sonidern Gegner der Regieleitung wa­ren. Die unglaublichsten Dinge sind, so.fu.hr er fort, dort vor­gekommen. Der Leiter ist auch von dem Oberverwalter getäuscht worden. Ziegen und Stallhasen sind angeschafst worden, ohnp die Voraussetzung einer richtigen Fütterung. Die Folge war, daß nicht allein viele Ziegen, sondern auch in einem halben Jahre 800 Schweine eingegangen sind. Geradezu unverständlich ist es. daß man bei den Schweinen auch noch Kühe hielt und den Schweinen Vollmilch fütterte. Fachleute schütteln den Kopf über solche Wirtschaft, denn Schweine werden doch sonst nur mit Magermilch gefüttert. Ein trauriges Kapitel bedeuten die vie­lenNotschlachtungen". Interessant wäre, festzustellen, wieviel Tiere tatsächlich gefchlachtet und gestohlen worden sind, und wie­viel Fleisch im Schleichhandel verschwunden ist. Die tollsten Dinge sind vorgekommen. 700 Zentner Kartoffeln, die angeb­lich zur Schweinemast bestimmt waren, haben herrenlos bis zum Frühjahr auf dem Niedhof gelegen; wer Kartoffeln brauchte, konnte sich dort holen Das Lebensmittelamt hat den Fehler gemacht, daß es die Mißwirtschaft zu lange anstehen li^ß. In der Voruntersuchung, die übrigens sehr langsam vor sich ging, ist denn auch von den Leitern der Schweinehaltung versucht worden, die Untergebenen in ganz ungehöriger Weise zu beein­flussen und zu falschen Aussagen zu verleiten. Es ist festgestellt worden, daß die Stadt vom Betriebsleiter bis zum Tagelöhner bestohlen und betrogen worden ist.

Aus Starkenburg.

Darmstadt, 11. Okt. Für 7000 Mark Zigarren und Zigaret­ten wurden in der Nacht zum Mittwoch in dem Meyerschen Zi- aarrengeschäft am Mathildenplatz. Ecke der Zeucchausstraße. durch Einbruch gestohlen. Die Diebe taten ihre Arbeit so gründlich, t- der Geschäftsinhaber gezwungen war. vorerst den Laden zu schließen, um wieder neue Ware herbeizuschaffen.

Darmstadl, 11. Okt. Ueber die Frage der Vertretung von Handel und Industrie im hessischen Parla­ment sprach gestern Abend in der hiesigen Ortsgruppe mittel­deutscher Industrieller der Verbandssyndikus Dr. Linse, wo­bei er besonders darauf hinwies, daß nach der Berufszahlung von 1917 die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung etwa 28 Prozent gegen 44 Prozent industrieller Bevölkerung aus­machte. In der Zweiten Hessischen Kammer seien aber von 37 Mitgliedern 20 dem Großgrundbesitz angehörend. darunter 16 Standesherren, gegen 1 Vertreter des Handels und der Indu­strie. der durch den Handelskammertag präsentiert wird, ver­treten, außerdem 6 durch den Großherzog ernannten lebensläng­lichen Mitgliedern. Aehnlich wie in Preußen und Sachsen, müsse hier eine Umänderung erfolgen, damit Handel und In­dustrie eine ebenbürtige Stellung erfahren. Eine lebensläng­liche Mitgliedschaft halt Redner nicht wir empfehlenswert. In der folgenden Aussprache schließt sich Abg. Dr. Osann den Ausführungen des Vorredners an: auch er hat schon früher be­dauert, daß in der Hesi. Kammer nur ein Industrieller sitze, was wohl auch damit Zusammenhänge, daß es sehr schwer fei, in der Industrie geeignete Männer zu finden, welche sich in entsprechender Weise auch für die Politik interessieren und hin­reichende Kraft und Zeit hierzu haben. Auch Landtagsabg. und Beigeordnete Henrich hält die Mitarbeit von Männern aus dem Handel und Industrie in den Kammern für sehr wich­tig. Es wird ein Vorschlag angenommen, nach welchem man sich an den Vorstand des Verbandes mitteldeutscher Industriel­ler und die Handelskammern in diesen Fragen wenden soll.

Birkenau i. Od^ 11. Okt. Wegen Verfehlung gegen bas Hrlfsdisnstgesetz war s. Zt. der etwa 50 Jahre alte Handels­mann Benjamin Löb von hier angeklagt, ober vom Schöffen­gericht freigesprochen worden, da es von der Feststellung aus- ging, daß der Angeklagte kränklich und seine Dienste keinen be­sonderen Wert haben könnten. Auf die Berufung des Staats­anwalts wurde er aber zu einer Geldstrafe von 5 Mk. verur­teilt. da er der Aufforderung einfach nicht Folge leistete, ohne hinreichende begründete Einwände gegen seine Einberufung au. der geeigneten Stelle zu veranlassen.

Aus der Pfalz.

FC. Aus -er Pfalz, 10. Okt. Die Gemeindeverwaltung ln Weifenhetm a. S. hat beschlossen, die Gemeindeumlagen von 130 auf 100 Prozent herabzusetzen. Als Folge des Waffen-, stillstands- und Fridensangebots sind die Preise im Weißmost­geschäft noch weiter gefallen. Im Durchschnitt glaubt man im Vorderpfälzischen Weinbaugebiet auf 80100 Mark pro 40 Liter zu kommen. In Mußbach wurden vorgestern 55 Mark du-, für geboten. Viele Winzer legen den Wein jetzt selbst ein. In Vad-Dürkheim wurden 6080 Mark für 40 Liter geboten, in Kirrweiler und Eßlingen 6575 Mark.

Briefkasten.

Gefr. H. aus Reichelsheim, z. Zt. beim Stab der 22. Land» wehrdivision. Wir bedauern, Ihnen darüber keine Auskunft geben zu können, da aus militärischen Gründen keinerlei Mit­teilungen über den Standort der betr. Regimenter gemacht wer­den dürfen. Im übrigen die besten Grüße, auf baldiges Wieder­sehen!

Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!. Iriedberg: für den Anzeigenteil: R. H ey n er. I gliedberg. Truck und Verlag derNeuen Tageszeitung* A- G., Friedberg i. 9.