Ausgabe 
3.10.1918
 
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Wien. 30. Sept. Einern weitverzweigten und raffinierten Militärbcfreiungsschwindel sind die Zivil' und Militärbehör­den von Linz auf die Spur gekommen, bei dem die Aerzte mit unterschobenem Urin von Nierenkranken düpiert worden sind Die Hauptrollen in dieser Skandalasfäre spielten der Sanitäts- seldwebel Powolny. im bürgerlichen Leben Küche nbeamter des allgemeinen Krankenhauses, der Infanterist weinrich Pfoser, der Besitzer eines Nachtkaffees Oberndorfer und eine Pflegeschwestt-r des Neservehofpitals im Versorgungshause. Diese Leute haben das Geschäft mit unerhörter Frechheit und durch lange Zeit be­trieben. Unter den Drückebergern, die auf diese Weise vom Mi­litärdienst loszukommen vermochten, befinden sich gegen 40 zah­lungsfähige Geschäftsleute und Kriegsgewinnler von Linz und Umgegend, deren Verhaftung bereits erfolgt oder doch wenig­stens angeordnet ist. Zu den Verhafteten gehört auch der Be­sitzer des bekannten HotelsErzherzog Karl" Weinzinger. Die erwähnte Pilegefchwester lieferte an das Earnisonspital für die zur Eeneralmusterung in Frage kommenden Personen den Urin nierenkranker Patienten. Die Behörde wurde auf diesen Schwindel durch eine eifersüchtige Frau aufmerksam gemacht, durch die Gattin des Sanitätsfeldwebels Powolny. Dieser hatte gegen seine Frau die Scheidungsklage eingereickt, worauf die Frau die Anzeige erstattete. In die Angelegenheit sind auch wohlhabende Bauern aus der Umgegend verwickelt. Bisher sollen schon gegen 300 Anzeigen erstattet worden sein.

Me fionlfruöliuen für das gleicht Wahlrecht.

Berlin, 2. Oft. Die konservative Partei hat den Be­schluß gefaßt, für das allgemeine, gleiche direkte Wahlrecht in Preußen in der Form der Regierungsvorlage zu stimmen und wird heute eine entsprechende Kundgebung erlassen

kive itrtiiona!liüfrfl!e Mahnung.

Der nationalliberale Stadtdireklor Tramm ver­öffentlichet imHannoverschen Kurier" folgendes Mahnwort zur inneren Lage:

Mit Angst und Besorgnis sieht jedesmal der Patriot dem Zufammentreten des Hauptausfchusfes des deutschen Reichstages entgegen. Tenn noch niemals sind von ihm Töne erklungen, die wie Fanfaren in die deutschen Lande erschallen, das Einheitsbewußtfein und den Siegeswillen der Nation zu stärken. Nein! Niederdrückende die Uneinigkeit stärkende und fördernde Verhandlungen haben wir erleben müssen, gerichtet vielfach in solä)en schweren Zeiten lediglich auf Stärkung parlamentarischer Machtbefugnisse und auf Be­friedigung des Ehrgeizes einzelner Parteiführer. Auch jetzt wieder in dieser furchtbar ernsten Zeit hat der Hauptausschuß in seiner überwiegenden Majorität kein Wort gefunden, das Volk zu erheben und zu unerschütterlichem Siegeswillen fort- zureißen. Da muß endlich aus der Nation heraus energisch gegen ein derartiges Auftreten Stellung genommen werden und von diesem Gesichtspunkte muß auch die gestern bekannt­gegebene nationalliberale Entschließung der Reichstagsfrak- tion in all den Punkten, welche sich mit einer weiteren Par- lamentarisierung der Reichsversafsung beschäftigen, durchaus abgelehnt werden. Wir wollen in solchen Zeiten nichts hören von einer Aufhebung der 88 9 und 21 Absatz 2 der Reichs- Verfassung, die nur darauf hinauslaufen würde, die Geschäfte des Reiches einem parlamentarisä)en Ausschuß zu unterstellen

Ein Grausen faßt einen, wenn man sich die zukünftige Zusammensetzung dieses Ausschusses ausmalt, welcher sich in die militärischen Angelegenheiten mischen und sich befugt erachten würde, der Obersten Heeresleitung Verhaltungs­maßregeln zu geben und damit den Ruin Deutschlands herbeizuführen. Was hat denn der Deutsche ReickMag in den ganzen Kriegsjahren an Großem geleistet, um diese Forderungen rechtfertigen zu können? Durch die unheilvolle Resolution vom Juli vorigen Jahres hat er die Einigkeit des starken deutschen Siegeswillens gebrochen, Schwäck)e in der Nation verbreitet und eine ungeheure Stärkung der Machtgelüste unterer Feinde hervorgerufen.

Wir wollen daher keine Ausdehnung feiner jetzigen Machtbefugnisse. Nicht an parlamentarischen Männern fehlt es uns. Wir wollen nur eins in der inneren und äußeren Verwaltung, daß die Regierung dem gegenüber einen macht­vollen Führerwillen bekunde, daß sie ein starker Mann sei!

Ein Mann! Ein Mann!"

Militarismus.

In derDeutschen Tageszeitung" finden wir eine treffliche Behandlung dieses von unseren Gegnern so oft gebrauchten Schlagwortes. Ein schwedischer Leser schreibt u. a.:

Lasten wir uns von den Schwindelphrasen der Pfund-Ster­ling- und Dollar-Politiker die nur aus die Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit der großen Masten berechnet stnd, nicht irreführen, sondern prüfen wir selbständig die Entstehungsgeschichte des ge­nannten Militarismus.

Gedankenlose und kritiklose Schwätzer und bezahlte Agen­ten der Entente verbreiten so gern das Märchen von den beiden Deutschlands, dem echten wirklichen, liebenswerten, dem Deutsch­land der Schiller und Goethe, der Leibniz und Kant, und dem verfälschen preußischen mit seinen Junkern und seiner Mikitär- kaste. Nun. das einseitige Deutschland der Schiller und Goethe ist eben in Schimpf und Schande zusammengebrochen, weil es ohne die ergänzende organisierte Kraft, eben den Militarismus, nicht bestehen konnte. Die schöne, kasecnenlose Idylle von Wei­mar fand ein Ende mit Schrecken: Durch die Räuberhorden

der französischen Revolution von 1792 und der Mordbrenner Na­poleons. die ganz Deutschland verwüsteten und zugrunde richte­ten. wurde den Söhnen Kants und Schillers von neuem die Not­wendigkeit des Militarismus eingebämmert. Und beute sind

es charakteristischerrveise, ebenso wie 187071, wieder jene ver­prügelten Ruhestörer, die mit ihrem hysterischen Geschrei über te militarisme prussie" die ganze Welt erfüllen. Und doch wisten sie es gut genug, daß sie selbst in erster Linie drese orga­nisierte Verteidigung notwendig gemacht haben. Erst die ganze Welt herausfordern, und dann nach Art von bestraften Gasten­jungen der ganzen Welt sein Leid klagen und den anderen be­schuldigen. das ist feit jeher so recht französisch-ritterliche Art

Vergessen wir weiter nicht, daß Frankreich das Ursprungs­land der allgemeinen Wehrpflicht ist. Die levee on masse der französischen Revolution war der erste'Versuch zur Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, und Preußen folgte erst in den Befreiungskriegen, um den Staat zu retten. Ja, selbst unmit­telbar vor dem Krieg war die allgemeine Wehrpflicht in Deutsch­land noch nicht einmal allgemein durchoesiihrt. da weniger als 1 Prozent der Bevölkerung in das stehende Heer eingereiht war. gegenüber 1 % Prozent in Frankreich. Gegenüber den ungenier­ten Entstellungen der Ententepropaganda ist es besonders wert­voll. zu wistn, daß auch der BegriffLe Militarisme" eigentlich bei dcn Franzosen entstanden ist, zuerst während des Abenteuers des Generals Boulanger, dann während des DreysuZ-Prozestes und seiner Nachwirkungen.

Wenden wir uns nun zu England, desten Minister und Skribenten zuerst die reizende Phrase erfunden haben, nachdem ihr neuester Geschäststrick:dusincss mit dem Maschinengewehr" an der deutschen Militärorganisation gescheitert war. Es ist be­kannt, daß der allbritische Militarismus bisher auf rein kolo­niale Raubziele zugeschnitten war und deshalb nicht so um­fangreich zu fein brauchte wie der kontinentale, seinem Wesen nach war er aber in französischen Augen noch verwerflicher als der preußische, da er ausschließlich den Zwecken des Länderraubs diente. Dagegen erklärte Lloyd George selbst am Neujahrstage 1914. also ein halbes Jahr vor Ausbruch des Krieges:Das

deutsche Heer ist eine Lebensnotwendigkeit nicht nur für das Reick, sondern für die Existenz und Unabhängigkeit der Nation, da Deutschland von zwei Staaten flankiert ist, deren jeder eine fast ebenso starke Armee unterhält." Und heute, nach kaum vier Jahren, ist sich derselbe Lloyd George darüber einig, daßder preußische Militarismus" zerstört werden müsse. Natürlich hat dieser nur soweit Berechtigung, als er der englischen Weltherr­schaft nicht im Wege steht?

Der Militarismus eines jeden Volkes ist das Spiegelbild seiner selbst. Dementsprechend verspricht auch der neugebackene englisch-amerikanische Busineß-Militarismus unendlich brutaler, grausamer und blutiger zu werden als der deutsche. Die bestia­lischen Lynchmorde und Ueberfälle auf kriegsfeindlicheAmerikaner Jeben uns einen kleinen Vorgeschmack. Seit vielen hundert Jah­ren stnd bekanntlich alle flüchtigen Verbrecher, durchgebrannten Betrüger, ungeratenen Sohne, männliche und weibliche Aben­teurer nach England und Amerika ausgewandert. Der Kern der australischen Bevölkerung, die einen wichtigen Bestandteil der englischen Armee liefert, besteht bekanntlich aus deportier­ten Galgenvögeln. England und Amerika stnd. wie alle Welt weiß, die Ursprungsländer Sberlock Holmes und der ganzen Detektivliteratur. Nirgendwo sonst konnte eine solche Literatur so gedeihen, weil es nirgendwo sonst so viel verwegene, erfinde­rische Verbrecher gibt. Die Nachahmungen von Sherlock Hol­mes und anderer Detektivromane in Deutschland und anderen Ländern haben wegen Mangels an nationalen Vorbildern die Originale nie erreicht. Natürlich gibt es auch jenseits des Ka­nals und des Atlantischen Ozeans Millionen edler, geistig hoch­stehender Menschen, aber der verbrecherische antigermanische Krieg im Bunde mit europäischen Wilden, afrikanischen Kan- nrbalen und gelben Europafeinden beweist ja gerade, daß die besteren Elemente vollständig von den brutalen und kriminell veranlagten Volksschichten terrorisiert worden sind. Besonders gilt dies für den durch nichts motivierten, überflüssigen, frivolen Privatkrieg Wilsons und der Wallstreet-Magnaten. Und doch erdreistet sich der Präsident oller durchgebrannten Kassierer, dem alten Europa moralische Lektionen zu geben.

Wesen und Umfang des Militarismus hängen von dem Charakter des betreffenden Volkes und nicht von der zufälligen NegierungZform ab. Es ist eine der abscheulichsten Lügen der Entente-Propaganda, daß milttaristische Einrichtungen und Krieg sich aus det monarchischen Regierungsform ergeben. Ver­pesten wir nicht, daß es die serbische Demokratie war. die durch ihre Angriffe gegen Oesterreich-Ungarn den Antrieb zum großen Weltkriege gegeben hat. nicht etwa eine kleine Hofklique. In Rußland war es. wie die Enthüllungen klar bewiesen haben, die panslawistische Demokratie und Militärpartei, nicht der Zar^ die den Krieg beschlosien. In Frankreich war es wiederum die Demokratie, die die Einladung der deutschen Regierung, sich neuttal zu erklären, schroff abwtes und damit zwei Millionen Franzosen zum Tode verurteilte. In Belgien führte der fana­tische Deutschenhaß des Bürgertums, das englische und franzö­sische Truppen ruhig hatte durchmarschseren lasten, nachdem es mit ihnen schon durch neutralitätswidrige Geheimverträge ver­bunden war. zu zwecklosen Kämpfen und Zerstörungen. In Ita­lien widersetzte sich der Hof am längsten dem perfiden Vertrags­bruch. der das Land an den Rand des Abgrunds und in eine hoffnungslose Lage gebracht bat. Der Druck einer von räube­

rischen Instinkten erfüllten Phrasen-Demokratie zwang Mo­narchie und Regierung zu dem Verrat, der für ewige Zeiten ein Schandfleck in Italiens Geschichte bleiben wird. Und wel­cher monarchische Despot hat wohl die Vereinigten Staaten ge­zwungen, in einen Krieg einzutreten, der sie nichts anging und zu dem sie nicht den geringsten Grund hatten? Auch hier war es der Druck einer skrupellosen Phrasen- und Geschäfts-Demo­kratie, die teils aus Sportlust und Blutgier, teils aus Gewinn­sucht zu den Massen griff. Ueberall sehen wir die moderne Tal­mi-Demokratie. die uns als das Ideal gepriesen wird, d. h. di« Vereinigung der urteilslosen Maste mit skrupellosen Demagogen und Geschästspolitikern. als Träger und Säule aller Krieges­hetze. während die miteinander verbundenen und verwandten Dynastien zu bremsen und zu versöhnen suchen!

Der Engländer weiß, daß kein Volk, auch nicht das preu-- ßische, die schweren Lasten und drückenden Pflichten des Mili­tarismus auf sich nehmen würde, nur um sich selbst zu peinigen. Der Brite würde auch an und für sich diesen Militarismus gerne sehen, weil er ja so viele Hunderttausende Leute im besten Alter von Handel und Industrie abhält.' Aber dieserpreu­ßische Militarismus" hat den einen großen Vorteil, daß er zu­gleich deutschen Handel und Industrie schützt, und nur deshalb wird er von den vereinigten Phrasendreschern englischer Zunge, wenn auch nur in contumaciam, zum Tode verurteilt! Dem deutschen Volke soll nach den Versicherungen der Entente nichts geschehen, nur die Haut, eben jener Militarismus, soll ihm vom lebendigen Leibe gezogen werden!

Aus Lee Heimat.

Keine Drucksachen oder -Schriften ins Ausland. Durch Ver­fügung des stellvertt. Generalkommandos des 18. Armeekorps und das Gouvernements der Festung Mainz vom 18. 6. 18 ist ez verboten, daß Reisende Schriften oder Drucksachen mit über die Reichsgrenze nehmen Ausnahmen in besonderen Fällen sind nur gestattet, wenn die Schriften vor dem Antritt der Reise amt­lich geprüft und eingesiegelt sind, wofür im Korpsbezirk und für den Befehlsbereich der Festung Mainz die miliärische Postüber­wachungsstelle Frankfurt a. M., Weserstraße Nr. 33. zuständig ist. Es wird darauf hingwiefen. daß in solchem Falle die mit­zunehmenden Schriften und Drucksachen mindestens fünf Tage vor der Abreise bei der Poftüberwachungsstelle eingegangen fein müsten.

Diebstähle und kein Ende. In den hiesigen und benachbar­ten Zeitungen lesen wir allein gestern folgende Diebstahls? Meldungen:

Bad-Nauheim. 30. Sept. In der letzten Nacht haben Ein­brecher die im Hochwald liegende städtische WirtschaftZum Waldhaus" fast gänzlich ausgeraubt. Die Diebe machten reiche Beute cm Geschirr, Kleidungsstücken und an den für den Wirt- fchaftsbetrief eingelagerten Lebensmittel. Der Pächter der Wirtschaft, Wilhelm Friedrich, der gleichzeitige Besitzer des in der Stadt gelegenen WirtshausesZum Ritter" ist. schätzt fei­nen Verlust nach Friedenswert berechnet auf über 3000 Mark.

Hungen. 30. Sept. In der Nacht von Samstag auf Sonn­tag wurde hier bei zwei benachbarten Einwohnern ein Einbruch verübt, bei dem den Dieben Kleidungsstücke. Kartoffeln. Brot. Aepfel usw. in die Hände fielen. Vis jstzt fehlt jede Spur von den nächtlichen Besuchern.

Heuchelheim b. Gießen, 30. Sept. In einer Nacht verganqe. ner Woche wurde der hiesigen Zigarrenfabrik von Rinn 5c Cloog ein Besuch abgestaltet und von den Dieben etwa 2000 Stück Zi­garren entwendet. Bon den Einbrechern, die sich durch Zer­schneiden einer Fensterscheibe Eingang verschafften, fehlt bis jetzt noch jede Spur.

Ans Hessen.Rasiau.

FC. Aus dem Regierungsbezirk Wiesbaden, 30. Sept. Auch tn dem abgelaurenen Jahre hat der Frschereiverein für den Re- gierungsbezirt Wiesbaden auf der von dem Verein gepachteten Fischerei in der Lahn von Steeden bis Biskirchen und in der Elb von Hadamar bis zur Mündung in die Lahn allwöchentlich Fischzüge mit dem Netz vornehmen lasten, um der mindelbemib telten Bevölkerung zu einem mäßigen Preise Fischfleisch zuzw führen. Es sind hierbei 274 Pfund Hechte. 22 Pfund Zander. 71 Pfund Schleien. 1602 Pfund Weißfische und Barben, sowie 41 Pfund Aale, gefangen und abgegeben worden. Das Fischen und die Abgabe der Fische wurde von dem Vorstandsmitglied Friedr. Burger in Weilburg ausgeführt, und hat sich derselbe durch sein unermüdliches und uneigennütziges Wirken im Dienste der all­gemeinen Volksernährung große Verdunste erworben. Zum Schutze der Fischereien hat der Verein an Belohnungen für er­st lgreiche Anzeigen von Fischdiebstählen und Fischerei-Polizei- Uebertretungen in 29 Fällen im abgelauseuen Jahre 500 Mb verteilt.

Nieclerlassunx lüessen

in Giessen, Johannesstrasse 1, Ecke Neuenweg:,

in derzeit vom 23. September bis 23. Oktober.

Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!. Friedberg: für den Anzeigenteil: R. H e y n e r

Fiiedberg. Druck und Verlag derNeuen Tageszeitung". 81- G., Friedberg i, H.