Ausgabe 
3.9.1918
 
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Die NkGlldWng m niifrm §and»!tt!ihalt.

hätte Japan schon seine Konsequenzen gezogen. Nur unter dem Deckmantel ist Japan übertölpelt worden. Und Amerika kann sich in aller Ruhe und Harmlosigkeit auf den Krieg nach diesem Völkerkrieg, auf die Auseinandersetzung mit Japan rüsten.

Rußland.

Lenin außer Lebensgefahr.

Basel, 2. Sept. Nach einem Bericht der in Bern er- fd'.'irmbeTtRussischen Nachrichten" vom 1. September ist das Befinden Lenins bedeutend besser. Sein Leben ist außer Gefahr.

Die Kämpfe im Innern.

Moskau, 30. Aug. (WB.) Meldung der Petersburger Lelegraphenagentur. An der ganzen Front fand im Laufe des Tages eine Reihe für uns erfolgreiche Kämpfe statt. Ueberall weicht der Feind vor dem Druck unserer Truppen. An der nordkaukasischen Front rücken wir unter Kämpfen immer weiter vor. Nordwestlich von Gumrak besetzten wir die Station Kotlubenj und die Weiler Graschi, Gorodisch- tsche, llwaroska und Kalmytzkij. Der aus diesen Stellungen von uns herausgeworfene Gegner verlor drei Geschütze, fünf Maschinengewehre und mehr als 200 Gewehre und eine Menge Munition und Kriegsgerät. An der östlichen Front drängen wir in der Richtung auf Alapajewsk den Gegner auf die Station Kuticha zurück. In der Richtung auf Tagilsk besetzten wir die Dörfer Sewernafa, Werchoturka und Wosto­waja und ebenso das Wostawsky-Bergwerk. Hier nahmen wir dem Feinde Gefangene und Maschinengewehre ab. In der Richtung auf Lyswensk besetzten wir die Haltestelle 152. In der Richtung auf Kuugen nahm unsere Kavallerie, indem sie den Gegner von der Station Sargo abdrängte, das Dorf Pemjaki. Im Bezirk von Kasan besetzte unsere Heeresab­teilung auf dem ligken Wolga-Ufer das Dorf Ossinowo, wobei sie einige schwere Geschütze, mehr als zehn Maschinen­gewehre und viel Munition erbeutete. In der Richtung auf Sysra besetzten wir das Dorf Ismailowka und nordwestlich der Stadt Nikolajewsk das Dorf Liwensta. An der nörd­lichen Front sind unsere bewaffneten Schiffe aus Norddüne nach einem erfolgreichen Kampfe bis zum Dorf Gutaßka vorgerückt.

Du Zchkik du Sntiilfi in KEMMpel.

Konstantinopel, 1. Sept. Agentur Milli. Der Scheck der Senussi, Achmed, ist in Begleitung des Abgeordneten von Denghasi, Jusiuf Schetwan Bei, heute in Konstantinopel ein­getroffen. Bei der Einfahrt des Zuges in den von einer zahl­losen begeisterten Menschenmenge erfüllten Bahnhof leistete eine Ehrenwache mit Musikkapelle die Ehrenbezeugung. Der Sultan, der Großwesier und der Scheich ul Islam entsandten Vertreter zur Begrüßung. Kriegsminister Enver Pascha war persönlich anweferck». Er empfing den Scheit beim Verlassen des Zuges: beide umarmten einander. Alle religiösen Körperschaften, Ab­ordnungen der Algerier und Hindus, sowie Einwohner von Tri­polis wohnten dem Empfang bei. Der Scheck begab sich mit seinem Gefolge nach dem alten Serack. Die türkischen Blatter begrüßen die Ankunft des Scheiks der Senussi mit Begeisterung und heben die von ihm in Afrcka gespielte große Rolle hervor, wo eine handvoll tapferer Krieger unter seinem Oberbefehl den italienischen Truppen die Sprtze biete.

Konstantinopel, 2. Sept. (WB.) Die Zeremonie der Schwertumgürtung fand heute Vormittag um 10 Uhr statt. Der Sultan, der die große Marschalluniform angelegt hatte/ begab sich in einer Prunkbarke nach der Vorstadt Ejub. Die kaiserliche Familie und das kaiserliche Gefolge folgten in Booten nach. Am Landungsplatz wurde der Sultan von den kaiserlichen Pro­sen, von dem von allen Ministern umgebenen Großwesier vom

Parlamentsbüro u. s. f. empfangen. Truppen bildeten bis zum Portal der Moschee Spalier. Der Sultan betrat ohne Turban die Ejub-Moschee. Rach Verlesung der vorgeschriebenen Gebete ergriff der Scheik der Senussi, Achmed, den auf einem mit kost­baren Teppichen bedeckten Tische liegenden Säbel des Propheten Omer und gürtete ihn dem Sultan um. Auf dem Rückweg machten vor dem Adrianopeler Tor der Stadtpräfekt und die städtischen Behörden dem Sultan ihre Aufwartung; der Stadt­präfekt überreichte dem Sultan eine Glückwunschadresse der Stadt Konstantiuopel. Der Zug machte sodann vor der Fathi-Moschee halt, wo der Sultan dem Eroberer von Konstantinopel seine Verehrung bezeugte. Darauf bestieg er wieder den Wagen, um sich nach dem alten Serail zu begeben. Auf dem Bejawid-Platz waren für das diplomatische Korps Zelte errichtet, vor denen der Sultan einen Augenblick anhielt. Schließlich trat der Sul­tan zu Schiff die Fahrt nach Dolmabagtsche an.

Wie viel Wiinden rnhkn ans dm Mkereskrmdk?

Früher war alle drei oder vier Jahre die Rede von felt- > famen Expeditionen und Bergungsversuchen, durch die unterneh- n-ende Leute dem Meeresgründe die brachliegenden Schätze zu entreißen suchten. Kurz vor dem Kriege hat sich ein fleißiger Bibliothekar die Mühe gemacht, auf Grund aller vorhandenen Nachrichten, Dokumente und Chroniken auszurechnen. wie viel Gold, Silber und Geld bei Schiftbrüchen von den Meerestiefen verschlungen wurde. Und er kam dabei zu dem Ergebnis, daß in den Meeren Schätze im Gesamtwerte von fast fünf Milliarden Mark schlummern, genauer: 4600 Millionen Mark. Rach den Schätzungen dieses Zahlenfreundes ruhen allein in den euro­päischen Cewägern Wracks, deren Inhalt ausreichen würde, um Jahre lang den Ausgabeetat einer Großmacht zu bestreiten.

An der Spitze steht wohl bei dieser Berechnung die be­rühmte spanische FregatteDuque de Florencia", die vor drei Jahrhunderten an der schottischen Küste in der Bai von Tober- mory Schiftbruch erlitt und unterging. Die Fregatte war das Ersatzschiff der berühmten spanischenArmada", und nach den noch erhaltenen Urkunden führte sie zur Zeit ihres Unteraanges in Gold- und Silberwaren einen Schatz von über 600 Millio­nen an Bord. An zweiter Stelle steht die englische Fregatte Lutine", die im Jahre.1799 an der holländischen Küste, an der Einfahrt znm Zuydersee, untergirg. Sie soll Edelmetalle und Geld im Werte von 320 Millionen Mark im Schiffsraum ge­habt haben; in den letzten Jahren find schon mehrfach Versuche unternommen worden, wenigstens einen Teil dieser Schätze wie­derzufinden, aber sie alle blieben, wie die meisten derarttgen Experimente, bisher erfolglos. Bei Anglefey ging im Jahre 1839 dieRoyal Charter" unter und nahm einen Schatz von nahezu 300 Millionen Mark mit in die Tiefe. Und annähernd die gleiche Summe enthielt dieGroßvenor". die am Kap der guten Hoffnung scheiterte und zwar an einer Stelle, wo das Meer nur 30 Meter tief ist. Auch in den Tiefen der Bai von Vigo ruhen ungezählte Millionen in Goldbarren und Silber, denn hier scheiterten einst die spanischen Schatzschiffe, die gewatt tige Vorräte von Edelmetall aus Amerika ins Mutterland tra- gen sollten, man schätzt den Verlust, den die spanische Staats- kasie mit der Vernichtung dieses Geschwaders erlitt, auf unge­fähr 560 Millionen Mark.

Aber was sind alle diese Schätze und Millionen gegen die unschätzbaren Werte, die seit Beginn des Weltkrieges in See­schlachten und durch den U-Boottrieg auf den Grund des Mee­res befördert wurden? Eine Schätzung des Wertes, den die versentten Schifte und die mit ihnen unter gegangenen Güter hatten, brachte es kürzlich auf dreißig Milliarden. Und auch diese Schätzung wird kaum genügen. Der Meeresgrund wird noch zum Grabe des Reichstums der Nationen.

In NilWkr LrikWkfiuistsMgit.

Erlebnisse eines Friedberger Studenten in Rußland.

Am 3. September 1915 wurde ich bei Mugut. 40 Km. süd­östlich Riga, gefangen genommen. Wir lagen auf Vorposten­stellung. wurden nachts umzingelt und am frühen Morgen plötz­lich von drei Seiten angegriffen. Rach kurzem Gefecht mußten wir der von drei Setten andringcNden Uebermacht weichen. Die Flucht begann und auf der Flucht wurde ich als einer der Letz­ten des Zuges, durch ein Getreidefeld kriechend, von den Russen überholt und trotz mehrmaligem Fluchtversuch ergriffen und mit 5 Mann Bedeckung abgeführt. Es gerieten mit mir noch 4 Mann und ein verwundeter Oberjäger in russische Hände. Die Behandlung bei der Gefangennahme war anständig .insofern, als ich nicht ausgeraubt wurde und außer einigen Kolbenstößen auch sonst keine Mißhandlungen zu erdulden hatte. Rach einigen Verhören bei Brigade- und Divifionsstab, die sehr theatralisch wegen der gezenseitigeu Meinungsverschiedenheiten verliefen, wurden wir zu 5 von Kosaken nach Riga transportiert. Dort wurden wir in einem Gefängnis untergebracht, in dem schon 8 deutsche Infanteristenlogierten". Am nächsten Tag abends oings weiter nach Wenden; wieder Verhör beim Stab. Von dort brachte man uns 4 Tags später nach Pskow. Hier blieben wir U Tage. Unsere Unterkunft war das Zuchthaus. In einer Zuchthauszelle lagen wir: 2 Offiziere und 10 Mann. Während dieser Zeit sammelten sich dort ungefähr 150 deuffche Kriegsge­fangene an. Nachdem auch hier die Vernehmungen des Armee­oberkommandos, wobei den Russen die schönsten Geschichten auf­gebunden wurden, überstanden waren, brachte man uns auf Umwegen nach Moskau. Von Moskau wurden wir in ein Ar­beitslager nach Arsamas, Gouv. Nifchni-Nowgorod, gefahren. 500 Deuffche waren dort beschäftigt und wohnten teils in einer alten Kaserne, teils in einer Schule. Lagerstätte: Holzbritschen, wei­ter nichts. Tägliche Verpflegung: Vormittags heißes Wasser; mittags Kraut oder Fischsuppe (kaum genießbar) und Hirse- grutze. Abends wieder eine dünne, aberwarme" Wassersuppe. Brot erhielten wir täglich 1% Pfd., aber derartig naß gebacken, daß es kaum zu vertragen «ar. Wir kamen in dieser Zeit kör­

perlich vollständig herunter, da unser letztes Geld verbraucht war und wir außerdem kaum noch ein Hemd auf dem Leib hat­ten. Eines Tages wurde die Intelligenz herausgeschrieben, weil unfähig zur Arbeit, und kurze Zeit daraus abgeschoben. Kur? vor unserer Abreise durften wir noch die große Freude erleben, eine deutsche Schwester zu bearüßen, die jedem 3 Rubel gab ein fürstliches Vermögen. Wir wurden nach Nifchni-Nowgorod gebracht und trafen dort noch eine Menge Kriegsgefangene an. Rrschni-Row-gorod bildete ein Sammellager. Die wenigen Ba­racken, die es befaß, waren überfüllt. Es fing an kalt zu werde'm Während diesen 3 Wochen wurden wir mit Knuten zur Arbeit getrieben. Ich habe dort Straßen gekehrt und dafür 10 Ko^. am Tag erhalten. Endlich gings weiter. Wir traten an, viel­leicht 1000 Mann, wurden an die Bahn gebracht und fuhren in 21 tägiger Fahrt nach Sibirien. Am 8. November nichts 12 Uhr standen wir, vollständig verdreckt und verlaust in schnei dendem Wind auf einem Bahnhof weit hinten, wo nur noch Sand und Kiefern sind. Transbaikalien war erreicht und das Lag^z. hieß Derefowko, deuffch: Birkendorf. Als früheres russisches Truppenlager waren die Baracken anständig gebaut, aber voll­kommen verwahrlost. Wir Faben einen sehr schlechten Winter 1915-16 durchgemacht. Es brach unter den 30 000 Mann, die das Laaer damals faßte, Flecktyphus aus, der täglich 34 Opfer forderte. Erst als im Frühjahr 1916 aus der Heimat Unifor­men, Wäsche und pekuniäre Unterstützung kam, wurden die Ver^ hältnisse erträglicher. Dazu gingen im Sommer 1916 eine große Zahl Transporte auf Arbeit, so daß das Lager auf 6000 Man^ darunter 1000 Reichsdeutsche, zusammenschmolz. Diese Stärke ist nttt einigen geringen Schwankungen bis zu meiner Abfahrt ge­blieben. Im Mai 1916 konnte aus eigenen Mitteln neben an. deren Restitutionen wie Schule, Orchester ufw., die alle schwer um ihr Leben gegen russische Willkür zu kämpfen hatten, auch eine protestantische Kirche in einem leeren Barackensaal eingerichtet werden. Damit hatte ich eine Beschäftigung gefunden und bin als Prediger bis zum Schluß tätig gewesen. Die Tage, die sich zu Monaten und Jahren sammelten, haben uns schwer zu schaffen gemacht. Wir haben von Minute zu Minute um die Heimat gelitten und sind oft irre daran geworden, ob sie uns je wieder

Die Nationalliberale Korrespondenz gibt höchst beachttns- werte und nur allzu begründete Ausführungen des Abgeor -;e> ten Dr. Stresemann über die Landwirtschaft und Mittel, stand inhaltlich folgendermaßen wieder:

Die weitgehende Rücksichtnahme des Staates, die gegen- über den Arbeiterintressen fortgesetzt geübt worden sei. habe di, Politik gegenüber der Landwirffchaft vollständig vermissen las- sen. Der Bauer habe von'dem Wohlwollen der Behörde nichts zu spüren bekommen. Ihm kam man, führt Sttesemann weiter aus, mit Beschlagnahmen, Haussuchungen, Durchsuchungen, auch durch Militär, Sttafen, Androhungen und einem Hexensabbat von Verordnungen, die niemals von einer Landwirtschaftskam­mer ausgesponnen worden sind, bei denen die Vertretungen nicht um ihre Meinung befragt wurden, so daß sie vielfach von Leuten ausgingen, die von diesen Dingen theoretisch wenig und prakttsch gar nichts verstanden. Es ist keine vom Bund der Landwirte in die Oeffentlichkeit gesetzte demagogische Phrase, daß der deuffche Bauer dadurch heute teilweise bis zum Haß verbittett ist. In bezug auf diese Stimmung gibt es in der Landwirtschaft gar keinen Unterschied der Partei. Der liberale Bauer denkt genau so wie der auf dieDeuffche Tageszeitung" schwörende Vündler. Die Zuvielregiererei wird gerade in der Landwirffchaft als unerttäglich empfunden, und da Druck Gegen­druck erzeugt, ist das Endergebnis eine Minderung der Freudig, keit, ein Sichversteifen gegen die Regierungsverordnungen und ein Manko an Staatsfreudigkeit, das sich einmal aufzeigen wird, wenn man zu späteren Zeiten wied-r die Notwendigkeit empfin­den dürfte, an diejenigen Schichten zu appellieren, die man jetzt straflos glaubt vernachlässigen zu können. Es ist seltsam, wie ungerecht die öffentliche Meinung sich in bezug auf die Landwirt­schaft gerade in der Gegenwart stellt. Sobald es sich um Er­höhung des Preises für landwirtschaftliche Erzeugnisse handelt, wird sofort vom Wucher gesprochen. Wenn das Wort Bedeu­tung haben soll, dann wäre es auf viele andere Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens mit viel größerer Berechtigung än- zuwenden als auf die deutsche Landwirtschaft, die ihrerseits die notwendigen Maschinen und Neuanschaffungen zu exorbitanten Kriegspreisen beschaffen muß. aber selbst nicht in der Lage ist. einen den gestiegenen Erzeugungskosten entsprechenden Preis für ihre Produkte zu erhalten. Die kriegswirtschaftliche Me­thode auf dem Lande zeigt seltsame Gegensätze. Der Landwirt sieht die sinnlose Bereicherung aller derjenigen Personen, die einen Posten als Vermittler oder Agent der Kriegswirtschaft erlangt haben. Es wirkt auf ihn aufteizend, wenn er sieht, wie einige Pferde- oder Viehhändler, die nur die Vermittlung durch ihre Bücher gehen lassen, das Geld in Scheffeln einstreichen, daß Fabriken, denen landwirtschaftliche Erzeugnisse zur Derarbei- tung zugewiesen werden, Millionen verdienen, während sie sel­ber um jede angemessene Erhöhung ihrer Erzeugnisse einen oft vergeblichen Kampf fuhren müssen Dabei arbeiten die Kriegs', gesellfchaften vielfach ohne Fühlung miteinander, die Reichsge- musestelle und die Reichsfleischstelle tteiben ihre Polittk ohne inneren Zusammenhang. Zu den hohen Preffen für die Vieh­fütterung stehen die für das Rindvieh gezahlten Preise in kei- nem Verhältnis und ersticken dadurch die Produktion. Dazu kommen dann noch allerlei Schikanen, beispielsweise, daß die Ablieferungstermine willkürlich festgesetzt werden und ein Bauer der unter Zugrundelegung der alten Preise seine Kälber an. gefuttert hat, sie nicht zu dem Termin loswerden kann, wo sie schlachtreif sind, dann aber bei dem nächsten Ablieferungstermin erfahren muß. daß inzwischen die Presse um 40 Mark für den Zentner heruntergeseht sind.

Gewöhne man sich doch endlich daran, mit dem blöden Schlagworte von demAgrarier" aufzuräumen und alle diese Dinge der Ernährung mit dem gesunden Menschenverstände an­zusehen. Was dem Munitionsarbeiter recht ist, ist dem Bauer

geschenkt wird. Eine Frage ist uns nicht aus dem Sinn gekom­men: Werden sich einmal wieder Hände strecken, die uns durch ihre Liebe vergessen lassen, was wir erlebt und gelitten haben? Rur die Hoffnung auf das jenseits der Berge liegende, im We> stcn träumende Land hat uns aufrecht gehalten und das Be­wußtsein, doch noch deutsche Soldaten zu sein.

Am 21. April 1918 wurden sämtliche Reichsdeutsche des La. gers Verefowka abtransportiert, um in JrkutÄ westlich ':es Baikalsees ausgeladen zu werden. Die Enttäuschung war groß, mtt glaubten nach Hause zu fahren.. Obwohl das Lager ähn­lich, wenn auch schlechter gelegen, aussah, hatten sich unsere Ver­hältnisse doch wesentlich verschlechtert, da wir alle unsere müh­sam errungenenKulturgegenstände" über Bord geworfen hat. ten. Nach 3 Wochen, in denen jeder Tag unsere Hoffnungen schwächer werden ließ, wurde die Flucht möglich. Der Delegat des schwedischen Noten Kreuzes ließ bekannt geben, daß man auf eigene Kosten fahren kann, die Pässe würden besorgt. Und so bin ich mit einem Kameraden aus Darmstadt, nachdem wir uns Geld verschafft hatten ein deutscher Vrauereibesitzer V dj große Sum­men aus, um seine Kapitalien in Sicherheit zu bringen am 10 v Mai anno Domini 1918, am 1. Pfingsttag, abends 6.45 Uhr mit dem Personenzug Jrkutsk-PeterSburgabgehauen". Mir sind glücklich durch Sibirien gekommen, wurden aber 1000 Km. vor Petersburg in Wiatka entdeckt und aus dem Zug gewiesen. In Wiatka trieben wir uns vollkommen obdachlos 3 Tage herum, bis uns die gerade angekommene Räte-Konnnrssion weiterhalf. Am 1. Juni vormittags 9 Uhr fuhr der Zug in Petersburg ein. Von Petersburg wurden wir nach 8 Tagen als Zivilgefangene wcitergefchoben und überfuhren die deutschen Linien bei Pskow am 8. Juni abends 12 Uhr. Wir waren der Heimat wieder geschenkt. Der Empfang war überaus herzlich und wir waren dankbar für jedes liebe Wort, das uns gesagt wurde. Nach 14- tägiger Quarantäne, die ich in Warschau absolvierte, bin ich am 1 Juli in der Heimat angekommen und suche noch heute den Kontakt mit dem Leben zu finden, der mir tu dieser langen ruf« lachen Zeit vollständig verloren war.