Ausgabe 
26.6.1918
 
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Mm nie durch fick Leid geschah.

Roman von Courthö-Mahler.

41) Nachdruck verboten.

Was ist dir, Urselchen?" Bist du nicht wohl? Du stehst so blaß aus."

Ursula wehrte hastig ab

Ich Hab nur greuliches Kopfweh, Hans Ullrich nichts weiter."

Dieser sah forschend von feiner Schwester zu Graf Joachim. In dessen Augen lag ein seltsames Leuchten und ein eigenartig dringlicher Ausdruck.

Ursula hing sich an ihres Bruders Arm und trat so mit ihm den Rückweg an. Das mißfiel der Baronesse ebenso wie Graf Joachim, sie folgten beiden den Geschwistern. Und die Baronesse kokettierte wieder heftig mit dem jungen Offizier. Ursula lauschte mit beklommenem Gefühl zurück.

Sollte Graf Joachim die Baronesse meinen? Hatte er an diese sein Herz verloren?

Sie seufzte tief auf.

Ach du ^lieber Gott, das wäre doch viel schlimmer, als » wenn Hans Ullrich sie geheiratet hätte! Sie wird Graf Joa­chim genau so unglücklich machen, wie sie es mit Hans Ullrich getan hätte. Lieber Vater im Himmel wenn er mal schon unbedingt heiraten will, dann füg; es doch wenigstens, daß er eine Frau bekommt, die ihn glücklich macht. An mich will ich ja gar nicht denken. Nur er soll nicht unglücklich werden!"

So dachte sie bekümmert. Und als sie an diesem Abend zur Ruhe ging, betete sie für sein Glück. Und vor dem Ein­schlafen dachte sie: Was wollte er nur mit dem Iasminzweig?

Herr von Birkenheim saß in seinem Arbeitszimmer seinem Freunde, Graf Rudolf Steinau, gegenüber. Die beiden Her­ren plauderten von allem, was sie seit ihrer Trennung erlebt hatten, und was ihre Herzen bewegte. Ein selten schönes Freundschaftsverhältnis verband sie feit ihren Knabenjahren, und einer wußte in der Seele des anderen zu lesen.

Herr von Virkenheim hatte freilich wenig zu berichten. Sein Leben spielte sich still und einförmig ab. Aber Graf Rudolf, der im Winter in dem großzügigen Berlin lebte und in seinem Amt die meisten europäischen Höfe besuchte, wußte viel zu er­zählen. Er sprach dem Freund auch seine, ernsten Vesorgniffe aus, daß es zwischen D-mtschland und verschiedenen anderen Staaten zu ernsten Differenzen zu kommen drohte. Er sprach die Meinung aus, daß sich ein Krieg auf die Dauer nicht würde vermeiden lasten.

Dann kamen die Herren aber auf ein persönliches Thema. Rach einer kleinen Pause sagte Graf Rudblf:Ich möchte dich etwas fragen, mein lieber Heinz, was all die Jahre nicht mehr zwischen uns berührt wurde. Streife ich damit eine alte Wunde in deinem Herzen, so verzeihe mir. Du hast mir stets in allen Dingen de.in Vertrauen geschenkt, wie ich dir das mein- und ich habe den Schmerz, der dein Leben vergiftete, mit dir gefühlt."

Heinz von Virkenheim hob den Kopf und atmete tief auf.

Du willst mit mir von Maria sprechen?"

Graf Steinau nickte und fuhr mit der Hand-über das glatt­rasierte Kinn.

»Ja, Heinz. Dieser Name ist lange Jahre zwischen uns

totgeschwiegen worden. Da du Hn jetzt selbst cmsspttchst, darf kh wohl annehmen, daß die Wunde vernarbt ist."

Heinz von Btrkerrhetm strich sich Wer die Stirn.

Vernarbt, ja ste ist vernarbt. Aber solche vernarbten Wunden behalten im me r eine erhöhte Empfindlichkeit. Ganz ruhig kann ich Marias Namen auch heute noch nicht anssprechen und cnchövon. Ich habe sie zu sehr geliebt und ihre Untreue hat mich zirm einsamen Mann gemacht. Ich hätte keine andere Frau am meiner Sette stellen mögen, denn ich gehöre zu den Menschen, die min einmal und mit aller Ausschließlichkeit lie. den können."

Graf Steinau sah den Freund forschend an, als er langsam fragte:

Hast du wirklich nie mehr etwas von ihr gehört, nie eine Nachricht von ihr erhalten?"

Nein. Seit sie damals Birkenheim verlasten hatte, be­kam ich nur noch die Kunde von ihrer Vermählung mit dem Freiherrn v. Platen. Seither habe ich nichts mehr von ihr ge­hört. Ich habe auch nichts hören wollen, habe nie nach ihr ge­forscht und gefragt. Die ersten Jahre, das weißt du, war ich der Verzweiflung nahe über ihren Verlust, und als ich mich mühsam gefaßt hatte, wollte ich an sie nur wie an eine Verstorbene denken. Denn mir war sie gestorben. Ihr Name ist nie mehr in meinem Hause genannt worden. Man wußte, daß ich es nicht ertragen konnte. Jetzt bin ich ruhiger. Zweiundzwanzig Jahre sind vergangen, feit sie mich verließ, und mein Schmerz ist zu einem wehmütigen. Erinnern abgeblaßt. Das habe ich hauptsächlich in den letzten Wochen empfunden ttotzdem ich gerade jetzt oft an sie erinnert werde."

Graf Seeinau horchte auf.

Wodurch wirst du an sie erinnert?^

Heinz vcn Virkenheim lächelte wie über seine eigene Tor­heit.

Du wirst den Kopf schütteln. Rudolf, auch ich bilde mir ein. daß meine junge Sekretärin, Fräulein Hcllmut eine ge- wiste Dehnlichkeit mit Maria hat. Sie hat entschieden Marias eigenartig schönen Mund, der so entzückend lachen konnte, hat sogar dasselbe Lächeln. Und noch mehr erinnert mich der Klang ihrer Stimme dieser dunkle, weiche Klang an Maria. Wenn Fräulein Hellmut zu mir spricht oder mir vorlieft, dann brauche ich nur die Augen zu schließen und kann mir einbllden, daß ich Maria höre. Deshalb ist mir Fräulein Hellmut so sympatisch. Ich hoffe, du lachst mich nicht aus.

Graf Rudolf schüttelte langsam den Kopf mrd sah den Freund mit einem seltsamen Ausdruck an.

Nein, Heinz, ich lache nicht darüber. Vielleicht liegt die­ser Aehnlichkeit nur eine Sinnestäuschung zugrunde. Man dentt oft, daß sich zwei Menschen ähnlich sehen, und sieht man sie dann beisammen, verfliegt diese Aehnlichkeit. So lange ist es her, daß du Maria das letztemal gesehen. In deiner Ertw nerung hat sich wohl mancher Zug verändert."

Heinz von Birkenheim erhob sich, ttat an den Schreibtisch und nahm aus dem kleinen Fach die Photographie Maria von Platens.

Da, sich und urteile selbst. Dies Bild wird dir Marias Erscheinung zurückrufen. Sieh dir den Mund an. und du wirst mir recht geben müsien. Ich habe in der letzten Zet off. wenn Fräul?in Hellmut mir vorlas. fttll dies Bild aus meinem Schreibttfch genommen und es mit der jurrgen Dame verglichen.

Betreffend: Unfälle auf Bahnübergängen.

Kekamitimichnng.

Auf den Uebergängen der Staats- und Privatbahnen sind im Jahre 1917 8 Fuhrwerke überfahren worden. Die meinen dieser Unfälle sind auf Unachtsamkeit und Fahrlässigkeit des Geschirrlenkers zurückzuführen.

Wir machen hiermit erneut auf die Gefahren, die durch Unacht­samkeit beim Befahren von.Eiienbahnübergänaen entstehen, auf­merksam und weiien auf die möglichen strafrechtlichen Folgen hin. Friedberg. den. 13. Juni 1918.

Erohherzogliches Kreisamt Friedberg.

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Und die Aehnlichkeit ist nicht verblaßt im Gegenteil, sie uf'rv immer deutlicher erkennbar."

Graf Rudolf nahm das Bild und sah lange darauf riebet. Dann gab er es zurück.

Ja es ist nicht abzuleugnen der reizvolle Mund ist derselbe."

Heinz von Birkenheim lächelte.

Ein 'Spiel des Zufalls eine Laune der Natur," sagk er und legte das Bild vor sich hin.

Graf Rudolf schwieg eine Weile. Dann sagte er zögernd':

Ich fragte dich vorhin nicht ohne Absicht, ob die alten Wunden vernarbt sind, Heinz, denn ich wollte dir eine Mittei­lung machen, die dich vielleicht sehr erregen ~

Der Hausherr sah auf.

Hängt diese Mitteilung mit Maria von Platen zusam­men?"

..Ja"

Mit einem Ruck richtete sich Heinz von Birkenheim straff empor?

Sprich was hast du mir zu sagen. Rudolf?"

Du mußt mir versprechen, dich nicht aufzurcgen. Vor vielen Jahren brachte ich dir die Kunde von dem Tode des Frerherrn von Platen, die ich in einer Zeitung fand. Ich wollte nicht, daß sie dir ein anderer Mensch brachte. Damals warst du furchtbar aufgeregt. Ich war deshalb sehr in Sorge, wie ich dir beibr Ingen sollte, was ich dir jetzt sagen habe."

Ich bitte dich, sprich es ruhig aus. Ich bin ja seither viel ruhiger geworden. Die Kunde von dem Tode ihres Gatten regte mich nur so auf, weil ich mir sagen mußte, um welches kurze Glück Maria mich verlassen hatte."

Graf Rudolf holte tief Atem.

So höre, Heinz. Maria von Platen ist tot seit Jahresfrist."

Heinz Virkenheim sank in sich zusammen, wie von einem Schlage getroffen.

Tot? Dies blühende Leben ist so ffüh vernichtet!" sagte er nach langer Zeit mit heiserer Stimme.

Ja sie starb im dreiundvierzigsten Lebensjahre an ei­nem Herzleiden."

Eine lange Pause entstand. Dann raffte sich Herr v. Bir­kenheim auf und wischte sich über die brennenden Augen.

Hast du ihre Todesanzeige irgendwo gelesen?" Wo starb

ste?"

Sle starb in Stockholm, wo ste immer lebte, seit sie ihren Gatten dorthin begleitet hatte."

Woher weißt du das?"

Das will ich dir sagen. Ich habe sie selbst gesprochen kurz vor ihrem Tode." n

Heinz von Dirkenheim sprang auf und faßte den Freund' an den Schultern.

«And das sagst du mir erst jetzt?"

Ich konnte es dir nicht eher sagen. Seit ich von Schweden zurück bin, konnte ich noch nicht wieder mit dir Zusammentref­fen. Schreiben wollte ich es dir nicht, weil ich nicht mußte, wie du es aufnehmen würdest."

Der alte Herr s^te sich wieder nieder und stützte den Kopf in die Hand.

So sage mir jetzt alles, was du von ihr weißt. Wie kamst du mtt ihr zusammen?"

__ Fortsetzung folgt.

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